The Building- Das Gebäude

September 2, 2009

Sie sieht gut aus, keine Frage. Das Intro, ca. 30 Minuten, die mit dem Rest des Films nichts zu tun haben, aber irgendwie zur Vorbereitung dienen sollen, zeigt sie mit ihrer Familie, den Scherwegers oder Köttlers oder wie immer sie heißen mögen, wie sie am Tisch sitzen und Gulasch essen. Meist gibt es zum Nachtisch Vanillepudding oder Pfannkuchen, aber Damien (ausgesprochen Däimienn), der rebellische 12- jährige, ihr Sohn aus erster Ehe, haut schon beim Hauptgang ab, weil es wieder Streit gegeben hat. Soweit alles ganz gut, irgendwann wird die Familienidylle dann auch langweilig, und gottseidank nimmt man uns die Qual ab, Sie, wir wollen sie der Einfachheit mal Susi Scherweger nennen, auch noch bei der Arbeit (wahrscheinlich Reporterin, was „starke Frauen“ auch immer so machen…) beobachten zu müssen.

Susi Scherweger ist auf dem Weg zur Arbeit, als plötzlich – KRACHPOW- ein lebensgroßer Boeing 747 in die Nebenstraße einschlägt. Ja Kacke, was ist jetzt los? Susi schreit, kreisch, rennt, rettet irgendein Blag aus einer halbeingestürzten U- Bahn- Station und schließlich die anderen Menschen der Stadt, nachdem Seuchen, mindestens ein ausgebrochener Vulkan, Angriffe einer konzentrierten terrorristischen Macht und die pure Gedankenkraft eines 2018 Jahre alten Zen- Meisters aus Timbuktu über Hinterrindsbüttel hereingebrochen sind. Zum Abspann Ernüchterung, ein fader Nachgeschmack, vielen Dank dass sie eineinhalb Stunden zugesehen haben, hier sind ein Becher Spucke und eine alte Radkappe, aber wofür die gut sein soll, fragen sie wen anders.

Ihr habt bis jetzt keinen Schimmer, worauf ich hinauswill? Das bestätigt nur, dass ihr noch bei Sinnen und nicht Teil einer angeblichen „Quote“ seid, die sich allabendlich, gerade im Sommer, sogenannte „Event- Movies“ reinzieht, teure Fernsehproduktionen mit Plot, den auch ein blinder Affe mit Stock geschrieben haben könnte.

Es ist ja ganz im Ernst kaum auszuhalten, dass wir in einem Land leben, dessen Bevölkerung durch solche Schmazonken schon zufriedenzustellen ist- obgleich sie (und das ist schon traurig genug) immerhin eine Abwechslung zur Talkshow und Serienlandschaft der Fernsehanstalten darstellen.

Besonders Pro7 hat sich das „Eventfernsehen“ in seiner Thrilltime gerade auf alle verfügbaren Mützen und Banner geschrieben, deshalb hier von mir für euch (bittesehr, dankesehr) das große „Wie entlarve ich einen Eventfilm“- Notfallkit. Solltet ihr Montags/ Samstagsabends den Fernseher einschalten und folgende Dinge feststellen, schaltet um, aus, oder wenigstens ab:

1) Der Plot: Dreigeteilt. Intro: Familienidylle. Der Protagonist ist entweder ein schlechter Vater oder eine starke Frau, selten aber beides, weil das im Feierabendfernsehen nicht gut ankommt. Nach einer halben Stunde einschläferndem Gelalles über Arbeit und Däimienns Probleme passiert endlich was: Menschen sterben, und zwar cineastisch und in großer Anzahl. Irgendwie hört dann auch alles wieder auf.

2) Der Schluss: Ein „Eventmovie“ hört immer wiefolgt auf- (Dramatische Musik mit optimistischem Grundton, gespielt von Streichern des Schulorchesters von Niederkrachingen) Kamerafahrt über eine zerrissen und abgekämpft aussehende Menschenmenge, die korrekterweise mindestens einen Schauspieler mit Migrationshintergrund enthält (oder zumindest einen Schauspieler, der jemanden mit Migrations… und so weiter). Der Protagonist steht im Vordergrund und sieht grüblerisch in die Ferne- was da wohl kommen mag?

3) Die Musik: „Eventmovies“ sind immer entweder mit Bummkrachmusik unbekannter Marke, dramatischen Streicher- Gegniedel oder (sehr schlimm) mit aktuellem Charts- Grabbel unterlegt. Während also im Hintergrund Daughtry darüber singen, dass zwar alles irgendwie Scheiße ist, aber sie das schon irgendwie schaffen werden (Linkin- Park- Coverband- Alarm!), erklimmt der Held einen Berg ausgebrannter Autos um einen schreienden Fötus aus dem Leib einer eingeklemmten Mutter zu zerren, die WIRKLICH NUR AUF EINEM BERG AUSGEBRANNTER AUTOS GEBÄREN KANN, WEIL IHR VERFICKTES KLEID FESTKLEMMT HERGOTTNOCHMAL! HASTENICHGESEHN ODERWAS? KLEMMT FEST, TROTTEL! KANNSENIXMACHEN, MUSSTE RAUSZERREN JETZT- manchmal überkommt mich das so. Tschuldigung.

4) Der Name.

Mit Abstand der wichtigste Absatz dieses Artikels und in Form einer hübschen Liste vorhanden, die natürlich für selbstständige Vervielfältigung und Fortführung freigegeben ist. Eventmovie- Titel setzen sich immer – IMMER (IMMER!) aus einem englischen Substantiv und der anschließenden deutschen Übersetzung zusammen und betiteln den eigentlichen Protagonisten des Films- die Katastrophe. Alternativ: Englisches Substantiv mit deutscher Erläuterung/Unterbetitelung (einige der folgenden Beispiele sind frei erfunden, aber nicht weniger lächerlich als aktuelle „Eventmovie“- Titel. Wer die richtigen findet, bekommt nen Keks):

– The Building: Das Gebäude

– Crashpoint: 90 Minuten bis zum Absturz

– The Killing: Die Tötung

– The Reaping: Die Ernte

– The Screen: Der Bildschirm

– The Cup: Die Tasse

– Volcano: Flammendes Inferno

– Earthquake: Die Erde bebt

– The Keyboard: Die Tastatur

– The Roberto Blanco: Gute-Laune- Inferno

– The Crane: Der Gehstock

– The Phone: Das Telephon

– The Mikrowellengericht: In 14 Minuten wirds heiß!

– The Lasagna: Das Nudelinferno von Neubröck- Schwallingen

– 90 Minutes: 80 Minuten

– The Hour: Wie viele Minuten bleiben dir noch?

– The Storm: Wie lange kannst du blasen?

Ich denke, das Prinzip ist klar. Wappnet euch Freunde. Und solltet ihr wirklich mal ein Eventmovie schauen: Nehmt nur die Radkappe, ich glaube, in dem Becher war wirklich Spucke drin.

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