The Building- Das Gebäude

September 2, 2009

Sie sieht gut aus, keine Frage. Das Intro, ca. 30 Minuten, die mit dem Rest des Films nichts zu tun haben, aber irgendwie zur Vorbereitung dienen sollen, zeigt sie mit ihrer Familie, den Scherwegers oder Köttlers oder wie immer sie heißen mögen, wie sie am Tisch sitzen und Gulasch essen. Meist gibt es zum Nachtisch Vanillepudding oder Pfannkuchen, aber Damien (ausgesprochen Däimienn), der rebellische 12- jährige, ihr Sohn aus erster Ehe, haut schon beim Hauptgang ab, weil es wieder Streit gegeben hat. Soweit alles ganz gut, irgendwann wird die Familienidylle dann auch langweilig, und gottseidank nimmt man uns die Qual ab, Sie, wir wollen sie der Einfachheit mal Susi Scherweger nennen, auch noch bei der Arbeit (wahrscheinlich Reporterin, was „starke Frauen“ auch immer so machen…) beobachten zu müssen.

Susi Scherweger ist auf dem Weg zur Arbeit, als plötzlich – KRACHPOW- ein lebensgroßer Boeing 747 in die Nebenstraße einschlägt. Ja Kacke, was ist jetzt los? Susi schreit, kreisch, rennt, rettet irgendein Blag aus einer halbeingestürzten U- Bahn- Station und schließlich die anderen Menschen der Stadt, nachdem Seuchen, mindestens ein ausgebrochener Vulkan, Angriffe einer konzentrierten terrorristischen Macht und die pure Gedankenkraft eines 2018 Jahre alten Zen- Meisters aus Timbuktu über Hinterrindsbüttel hereingebrochen sind. Zum Abspann Ernüchterung, ein fader Nachgeschmack, vielen Dank dass sie eineinhalb Stunden zugesehen haben, hier sind ein Becher Spucke und eine alte Radkappe, aber wofür die gut sein soll, fragen sie wen anders.

Ihr habt bis jetzt keinen Schimmer, worauf ich hinauswill? Das bestätigt nur, dass ihr noch bei Sinnen und nicht Teil einer angeblichen „Quote“ seid, die sich allabendlich, gerade im Sommer, sogenannte „Event- Movies“ reinzieht, teure Fernsehproduktionen mit Plot, den auch ein blinder Affe mit Stock geschrieben haben könnte.

Es ist ja ganz im Ernst kaum auszuhalten, dass wir in einem Land leben, dessen Bevölkerung durch solche Schmazonken schon zufriedenzustellen ist- obgleich sie (und das ist schon traurig genug) immerhin eine Abwechslung zur Talkshow und Serienlandschaft der Fernsehanstalten darstellen.

Besonders Pro7 hat sich das „Eventfernsehen“ in seiner Thrilltime gerade auf alle verfügbaren Mützen und Banner geschrieben, deshalb hier von mir für euch (bittesehr, dankesehr) das große „Wie entlarve ich einen Eventfilm“- Notfallkit. Solltet ihr Montags/ Samstagsabends den Fernseher einschalten und folgende Dinge feststellen, schaltet um, aus, oder wenigstens ab:

1) Der Plot: Dreigeteilt. Intro: Familienidylle. Der Protagonist ist entweder ein schlechter Vater oder eine starke Frau, selten aber beides, weil das im Feierabendfernsehen nicht gut ankommt. Nach einer halben Stunde einschläferndem Gelalles über Arbeit und Däimienns Probleme passiert endlich was: Menschen sterben, und zwar cineastisch und in großer Anzahl. Irgendwie hört dann auch alles wieder auf.

2) Der Schluss: Ein „Eventmovie“ hört immer wiefolgt auf- (Dramatische Musik mit optimistischem Grundton, gespielt von Streichern des Schulorchesters von Niederkrachingen) Kamerafahrt über eine zerrissen und abgekämpft aussehende Menschenmenge, die korrekterweise mindestens einen Schauspieler mit Migrationshintergrund enthält (oder zumindest einen Schauspieler, der jemanden mit Migrations… und so weiter). Der Protagonist steht im Vordergrund und sieht grüblerisch in die Ferne- was da wohl kommen mag?

3) Die Musik: „Eventmovies“ sind immer entweder mit Bummkrachmusik unbekannter Marke, dramatischen Streicher- Gegniedel oder (sehr schlimm) mit aktuellem Charts- Grabbel unterlegt. Während also im Hintergrund Daughtry darüber singen, dass zwar alles irgendwie Scheiße ist, aber sie das schon irgendwie schaffen werden (Linkin- Park- Coverband- Alarm!), erklimmt der Held einen Berg ausgebrannter Autos um einen schreienden Fötus aus dem Leib einer eingeklemmten Mutter zu zerren, die WIRKLICH NUR AUF EINEM BERG AUSGEBRANNTER AUTOS GEBÄREN KANN, WEIL IHR VERFICKTES KLEID FESTKLEMMT HERGOTTNOCHMAL! HASTENICHGESEHN ODERWAS? KLEMMT FEST, TROTTEL! KANNSENIXMACHEN, MUSSTE RAUSZERREN JETZT- manchmal überkommt mich das so. Tschuldigung.

4) Der Name.

Mit Abstand der wichtigste Absatz dieses Artikels und in Form einer hübschen Liste vorhanden, die natürlich für selbstständige Vervielfältigung und Fortführung freigegeben ist. Eventmovie- Titel setzen sich immer – IMMER (IMMER!) aus einem englischen Substantiv und der anschließenden deutschen Übersetzung zusammen und betiteln den eigentlichen Protagonisten des Films- die Katastrophe. Alternativ: Englisches Substantiv mit deutscher Erläuterung/Unterbetitelung (einige der folgenden Beispiele sind frei erfunden, aber nicht weniger lächerlich als aktuelle „Eventmovie“- Titel. Wer die richtigen findet, bekommt nen Keks):

– The Building: Das Gebäude

– Crashpoint: 90 Minuten bis zum Absturz

– The Killing: Die Tötung

– The Reaping: Die Ernte

– The Screen: Der Bildschirm

– The Cup: Die Tasse

– Volcano: Flammendes Inferno

– Earthquake: Die Erde bebt

– The Keyboard: Die Tastatur

– The Roberto Blanco: Gute-Laune- Inferno

– The Crane: Der Gehstock

– The Phone: Das Telephon

– The Mikrowellengericht: In 14 Minuten wirds heiß!

– The Lasagna: Das Nudelinferno von Neubröck- Schwallingen

– 90 Minutes: 80 Minuten

– The Hour: Wie viele Minuten bleiben dir noch?

– The Storm: Wie lange kannst du blasen?

Ich denke, das Prinzip ist klar. Wappnet euch Freunde. Und solltet ihr wirklich mal ein Eventmovie schauen: Nehmt nur die Radkappe, ich glaube, in dem Becher war wirklich Spucke drin.

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So, aus gegebenem Anlass (und weil es sich, zugegebenermaßen, als für meine Visits sehr zuträglich erwiesen hat) hier nochmal ein Stück meiner schulischen Arbeit. Vielleicht hilft das ja jemandem weiter, der zufällig… ach vergessts.

Gedichtinterpretation:

Joseph von Eichendorff- Zwielicht

Dämmrung will die Flügel spreiten,
Schaurig rühren sich die Bäume,
Wolken ziehn wie schwere Träume –
Was will dieses Graun bedeuten?

Hast ein Reh du lieb vor andern,
Laß es nicht alleine grasen,
Jäger ziehn im Wald und blasen,
Stimmen hin und wider wandern.

Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug und Munde,
Sinnt er Krieg im tückschen Frieden.

Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neugeboren.
Manches bleibt in Nacht verloren –
Hüte dich, bleib wach und munter!
(1812)

Das von mir zu analysierende Gedicht trägt den Titel „Zwielicht“ und wurde 1812 von Joseph von Eichendorff verfasst, somit ist es in die literarische Epoche der Romantik einzuordnen.
Diese literarische Bewegung zu Beginn des 19. Jh. zeichnete sich vor allem durch eine poetisch verklärte Rückkehr in die Motivik der Natur aus, bei der dem Leser oft absichtlich Raum für eigene Interpretation gelassen wurde.
Die romantischen Lyriker lehnten die barocke Regelpoetik strikt ab und wandten sich auch gegen gesellschaftliche Normen und Werte sowie den strikten Rationalismus der Aufklärung, während ihre Werke inhaltlich das Irrationale, Unbewusste thematisierten, um so eine remystifizierung der vom Menschen entauberten Welt zu erreichen.

Formal ist „Zwielicht“ in vier Quartette gegliedert, die jeweils in einem umarmenden Reim angeordnet sind und in einem 4hebigen Trochäus betont werden.
Gerade dieses umschlingende Reimschema unterstützt auch den inhaltlichen Aufbau des Gedichts, indem es dessen Gliederung auf der Mikroebene üernimmt:
Die erste Strophe des Gedichts stellt dabei eine Einleitung dar, in der das Naturmotiv des „Zwielicht“ eingeführt wird. Die zweite und dritte Strophe erläutern dieses Motiv, während die letzte wieder auf der Metaebene an den Leser bzw. vom lyrischen Ich an sich selbst gerichtet ist.
Intention des Autors war es, in seinem Gedicht über die Metapher des Zwielichts, mit der er sein Werk überschreibt, auf Tücke und für den Menschen oft unverständliche Arglist seiner Umwelt hinzuweisen und den Menschen als einzige Vertrauensperson für sich selbst aufzuzeigen.

Die erste Strophe beginnt mit der Personifizierung der Dämmerung, die „die Flügel spreiten“ (Z. 1) will und so etwas unheimliches, besitzergreifendes und unwirkliches wird.
„Wolken ziehn wie schwere Träume“ heißt es in der dritten Zeile. Die Wolken sind hier als eine Metapher für den Albtraum und die Abgründe des menschlichen Geistes zu verstehen und entschlüsseln in dieser Metapher die Tatsache, dass das Naturbild in „Zwielicht“ seinerseits eine Metapher darstellt- für den menschlichen Geist.
Durch einen Gedankenstrich mit der vorhergehenden Strophe verbunden und so den Bezug zur Albtraum- Metapher herstellend, wendet sich das lyrische Ich nun mit „Was will dieses Graun bedeuten?“ (Z.4) direkt an den Leser. Bewusst wird eine eindeutige Wertung des Wortes „Graun“ (Z. 4) ausgelassen- es könnte hier sowohl innerhalb des Naturbilds für das Abend- oder Morgengrauen stehen, als sich auch rückwirkend im Bezug auf die „Träume“ (Z. 3) erneut auf die Zwiespältigkeit und Unverständlichkeit menschlichen Denkens und Handelns beziehen.
Die bedrohlich aufziehende Dämmerung, deren tieferer Sinn dem lyrischen Ich und auch dem Leser zu diesem Zeitpunkt unverständlich bleibt, wird in den folgenden 2 Strophen metaphorisch als Bedrohung des Zwischenmenschlichen erläutert.
Die zweite Strophe des Gedichts thematisiert die Bedrohung der Liebe durch Konkurrenz und Versuchungen abseits der Pfade der eigenen Beziehung.
Mit dem Bild „Hast ein Reh du lieb vor andern, lass es nicht alleine grasen“ (Z. 5, 6) setzt die zweite Strophe ein und macht deutlich, wie das Metrum des Trochäus die Appelle des lyrischen Ichs durch Betonung der ersten Silbe unterstreicht.
Das Bild des Rehs, welches für Zartheit, Unschuld, aber auch für das wehrlose Opfer steht, ist metaphorisch klar dem oder der Geliebten des Angesprochenen zugeordnet.
Im Gesamtkontext des Gedichtes, das gerade in der dritten Strophe vermittelt, niemandem zu trauen als sich selbst, ist jedoch davon auszugehen, dass es sich bei den appellativen Äußerungen des lyrischen Ichs um Warnungen an sich selbst, bei dem Gedicht also um einen Monolog handelt.
„Lass es nicht alleine grasen“ (Z. 6) appelliert das lyrische Ich also an sich selbst, wachsam zu sein, und die Geliebte vor den „Jägern“, seinen Konkurrenten, zu schützen.
Das Bild der durch den Wald schreitenden Jäger in Zeile 7 steht für die Versuchungen, die durch das Abkommen vom rechten Weg stehen.
Zwar ist das Bild des Waldes eindeutig als eines der Hauptmotive der Romantik zu verstehen. Dieses wird jedoch hier nicht nur poetisch verklärt wiedergegeben, das Gedicht thematisiert auch die Gefahren, die durch die Abkehr von gesellschaftlichen Normen und Werten entstehen können; eine Zweischneidigkeit, die sich hervorragend auf die metaphorische Bedeutung des Gedichttitels beziehen lässt.
Die Hörner der Jäger, die „ziehn im Wald und blasen“ (Z. 7) stehen dabei für die von der Abkehr von gesellschaftlichen Werten ausgehende Versuchung.
Die zweite Strophe endet mit der Zeile „Stimmen hin und wieder wandern“ (Z. 8), die mit dem Motiv der nicht zuordbaren, körperlosen Stimmen für die neue, vom lyrischen Ich als gefährlich empfundene Unverfänglichkeit der Liebe steht.
Am eindeutigsten beschäftigt sich die dritte Strophe des Gedichts mit der Arglist und Tücke, die sich hinter einer scheinbar freundlichen Fassade verbergen, was sich erneut auf das Motiv des Zwielichts beziehen lässt.
„Hast du einen Freund hienieden, trau ihm nicht zu dieser Stunde“ (Z. 9) appelliert das lyrische Ich, wie bereits erläutert, nicht an Leser, sondern vielmehr an sich selbst, weil es, wie es in diesen zwei Versen ausgedrückt wird, sonst niemandem trauen kann.
Die beiden letzten Verse der dritten Strophe drücken dann explizit das unverständliche, hintergründig heimtückische des menschlichen Geistes aus:
„Freundlich wohl mit Aug und Munde, sinnt er Krieg im tückschen Frieden“ (Z. 11, 12), erläutert das lyrische Ich und erreicht durch die antithetische Gegenüberstellung von „Krieg“ und „tückschem Frieden“, also einem von vornherein nur vorgetäuschten Friedenszustand mit böswilliger Absicht, den Climax der Zwielichtmetaphorik des Gedichtes.
Während also das lyrische Ich sich in zweiter und dritter Strophe die Gefahren seine Umwelt vor Augen führt, kehrt es in der letzten Strophe wieder auf die Metaebene zurück und erreicht, das Erkannte im Überblick betrachtend, einen abschließenden warnenden Appell an sich selbst, der zum Ausdruck bringt, dass es durch seinen Monolog zu einem tieferen Verständnis des „Zwielichts“ gelangt ist.
Dabei sind erster und zweiter Vers der Strophe sich noch einmal antithetisch gegenübergestellt.
„Was heut müde gehet unter, hebt sich morgen neugeboren“ (Z. 13, 14) folgert das lyrische Ich in nun eher erläuterndem Ton; die Gegenüberstellung von „heut müde“ und „morgen neugeboren“, sowie „gehet unter“ und „hebt sich“ macht die Antithese vollkommen.
Zudem drückt sich in diesen ersten beiden Zeilen ein gewisser Grundoptimismus aus, der auch durch den Reim „morgen“ – „neugeboren“ innerhalb der 14. Zeile unterstützt wird.
Dieser wird jedoch seinerseits wieder den letzten Zeilen des Gedichts gegenübergestellt, in denen das lyrische abschließend an sich selbst appelliert:
„Manches bleibt in Nacht verloren- hüte dich, bleib wach und munter!“ (Z. 15, 16)
Der Appell also, trotz positiver Grundstimmung seiner Umwelt nicht zu vertrauen.
„Manches“ in Zeile 18 lässt dabei absichtlich unklar, was verborgen bleibt und wahrt so einen drohenden, unheimlichen Unterton.
Durch die Betonung des Trochäus besonders verstärkt werden in der letzten Zeile des Gedichts die Verben „Hüte“ und „bleib“, was den Appellcharakter dieses Ausrufs final unterstreicht.

Insgesamt handelt es sich bei „Zwielicht“ um ein für die Romantik typisches Gedicht, weil es Naturmotivik und unklare Faszination an den Abgründen des Menschlichen unter der Aufforderung, nur sich selbst zu trauen, zusammenbringt.
Das Naturmotiv stellt dabei, sowohl in der ersten Strophe, als auch im Mittelteil des Gedichts, keine wirklichen Naturerlebnisse des lyrischen Ichs dar, sondern dient nur zu Erläuterung seiner Seelenzustände und der metaphorischen Unterstreichung seiner Appelle.

Ich führe diesen Blog in der strikten Annahme, dass jeder meiner Leser ein reges Interesse an schicksalhaften Wendungen in meinem Privatleben zeigt- hier ist er also (egal ob ihrs wollt oder nicht)- der große „Juhu, endlich Jobwechsel“- Artikel!

Wer diesen Blog einige Zeit verfolgt hat, weiß, dass ich mich vor mittlerweile fast zwei Jahren notgedrungen in einen Job knechten ließ, in dem es vor allem um eins ging: Gemüse.

Mit einem grandiosen Wochenverdienst von 21€ Spitze, der immerhin ausreichend war, um meine Fahrtkosten bis zum Arbeitsplatz zu decken, durfte ich mich dreimal in der Woche dazu erniedrigen, je eine Stunde Kisten voll gut durchgereiftem Gemüse aus grünen Kisten in andere grüne Kisten zu laden, um sie später in eine große weiße Kiste zu packen (Monatelange schweißtriefende Nachforschungen haben gezeigt: Es handelt sich um das Kühlhaus. Das erklärt einiges.). Natürlich entsprach das intellektuelle Niveau dieses Jobs nicht ganz meinen optimal- Erwartungen, aber „was solls“, dachte ich, wird so schlimm nicht sein.

War es doch.

Als hätte mir jemand ein Schild auf die Stirn geklebt, war von Anfang an irgendwie klar, dass ich der absolute Oberknecht in dem Laden war, entsprechend fiel auch mein Tätigkeitsfeld aus. Über die Monate entwickelten meine Kolleginnen ein sowohl psychologisch als auch taktisch auf höchstem Niveau ausgefeiltes System, einfach uuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuunendlich langsam zu arbeiten, um mich so dazu zu bringen, ihre Jobs einfach auch noch zu machen. Dies müssen sie in dem Glauben getan haben, ich wolle bestimmt auch irgendwann nochmal nach Hause, würde also irgendwann anfangen es einfach hinzunehmen. War ja dann auch so, bis ich vor kurzem auf dem Trichter gekommen bin, im Gegenzug einfach auch uuuuuuuuuuuuuuuuuuuuunendlich langsam zu arbeiten.

Wer also bis diesen Freitag abend 7 Uhr in das Kaff in dem ich arbeite fährt, wird im dortigen Gemüseladen zwei Gestalten entdecken. Beide unterscheiden sich zunächst nur äußerlich und bewegen sich so langsam, dass man wahrscheinlich einige Minuten warten müsste, um überhaupt noch Bewegung zu erkennen. Letzten Endes ergebe ich mich ja dann doch meistens, aber wenigstens ein kleiner Triumph muss doch errungen werden, sonst geht irgendwann die Selbstachtung flöten. Immerhin- jetzt ist alles vorbei.

Ich kann zurückblicken auf, nicht auf ein Jahr, nicht auf mehr als ein Jahr, sondern auf eine Ära- Die Gemüse- Ära, in späteren Geschichtsbüchern wahrscheinlich als „Kolrabi- Zeitalter“ oder das „Jahrhundert der Kiwi“ bezeichnet.  Ich blicke zurück auf Abende voller Freude, als Kollegen sich in kameradschaftlicher Manier jauchzend Chicoree zuwarfen und über das satte grün der Mini- Salatgurken zu €-,79 frohlockten. Auf nette Menschen in blitzenden Sportwagen, die sich auch eine Viertelstunde nach Ladenschluss noch erbarmten, uns noch „schnell zwei Milliarden Kumquats“ oder „vielleicht noch eben eine halbe Cocktail- Tomate“ abzunehmen, damit das arme Fußvolk auch nicht am Hungertuch nagen muss. Ich blicke zurück auf Kolleginnen mit ulkigen Eigenheiten, zB. eine, die jeden Satz mit „oder“ oder „nichwahr?“ beendet und erst fortfährt, wenn sie von mir bestätigt worden ist; eine, die zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit „so“ sagte, in einem Tempo von ungefähr 2s/m (so´s pro Minute), ach ja. Irgendwann werden wir alle auf diese großartige, diese umwerfende Zeit zurückblicken, als wir noch in der guten mittelgrünen Reife unseres Lebens steckten und wir werden uns sagen: „Teufel ja, dieser Raiden, das mit dem Gemüse, da macht dem keiner was vor.“

Wie dem auch sei, jetzt arbeite ich bei der DPD, die neue Artikelüberschrift für arbeitsbezogene Sachen könnte ungefähr „fiep- fiep- Storno“ lauten, was ziemlich charakteristisch ist für das, was ich da mache:

Kisten einscannen.

Ob mans glaubt oder nicht, dass ist eine hochkomplexe Tätigkeit, die das Kurzzeitgedächtnis eines gut trainierten Memory- Weltmeisters erfordert, dafür im Gegenzug aber ungefähr so anstrengend ist wie zwei Stunden Call of Duty 4 im Multiplayer- nicht ganz anforderungslos also und auf jeden Fall wesentlich besser bezahlt. Sollte also jemand von euch in nächster Zeit ein Paket verschicken, muss er damit rechnen, dass es eventuell durch mein „Fiep- Fiep“ – dingens läuft- expect the unexpected.

Ich werde sie wohl nie ganz hinter mir lassen, die Kisten.

Demütigungsfernsehen

August 8, 2009

Vom traurigen Paradoxon deutschen Unterhaltungsfernsehens

Grundsätzlich ist bekannt, dass ich mich gerne schonmal über unser sg. „Rundfunkwesen“ (sperriges Wort) auslasse. Immer wieder jedoch kann ich nicht anders, als irgendwie drüber zu schreiben, weil im Fernsehen tagtäglich Vorgänge zu betrachten sind, die jeden vernunftbegabten Zuschauer zwangsläufig am Intelligenzquotienten oder zumindest der zweifelhaften Agenda der Fernsehmacher zweifeln lassen müssten.

Wie immer bricht der Konjunktiv mir den Rücken, weil die einzige meiner Ansicht nach zutreffende Fernsehkritik sich in Medien findet, die den eigentlichen Konsumenten von Pro7, RTL und Konsorten nicht interessiert.

Schon vor Jahren dachte man, nach damaligen Vorstellungen, es seien neue Niveau- Tiefpunkte im deutschen Fernsehwesen eingetreten, die wirklich nur noch mit einem Höchstmaß an Disziplin und Selbstverleugnung zu unterbieten seien.

Auf RTL wurde der Zuschauer zunächst mit dem sg. Helptainment konfrontiert, dem Wolf im Schafspelz, wie sich in jedem Fall zeigen sollte, dass aber immer hin noch der kleinen Betty Sue geholfen hatte (link).

Das Prinzip „Helptainment“, wenn auf meiner Seite auch schon im Übermaß erläutert, hier noch einmal in Kurzform: Im Fernsehen helfen berühmte, gütig lächelnde Menschen anderen Menschen.

Klingt harmlos? Essentiell für das Konzept ist eine tiefgreifende soziale Diskrepanz sowohl zwischen dem Moderator der Show und den „Patienten“, als auch gerade zwischen diesen und der Zuschauerschaft. Dabei wird auf den Aha- Moment „Geil, wie Scheiße es denen geht, so mies ist mein Leben ja garnicht“ abgezielt, was vor allem in Formaten wie „Die Supernanny“ wirklich gut funktionierte und auch zum Quotenfang wurde.

Was allerdings sich bereits seit einigen Jahren andeutete, in diesem Jahr aber vor allem auf Pro7 mit brachialer Wucht zu Tage tritt kann und muss nicht nur als die konsequente Weiterentwicklung dieser Konzepte verstanden werden, sondern sollte dem aufgeklärten Menschen auch als Folgendes bewusst sein: Paradoxes Zweiklassenfernsehen, dass vor allem durch ein Höchstmaß an Chauvinismus brilliert.

Hier Beispiele zu finden, fällt nicht schwer, zunächst allerdings sollte man die gesamte Genese dieses entwürdigenden Spektakels betrachten, um wirklich hinter die Kulissen blicken zu können.

Schon von Berufswegen der dauernden Angaffung fleischgeiler Alt- 68er (vielen Dank an Quappe für diesen wunderbaren Begriff) ausgesetzt, entwickelte Powerfrau und selbsternanntes Top- Model (ein Begriff, der in der Modebranche selbst übrigens vor allem seit der Fernsehshows in Verruf geraten ist) Heidi- Klum die Show „Germanys next Topmodel“. Natürlich nicht aus Eigeninitiative, schließlich ist das hier Deutschland, sondern nach dem Vorbild der etwa gleichnamigen amerikanischen Vorlage.

Die allabendliche Fleischbeschau wurde schließlich ein solcher Quotenrenner, dass es nur konsequent geschienen haben musste, das Konzept weiterzuentwickeln und – unter allerlei Vorwänden- jeden Tag zur Anwendung zu bringen.

Dem allem liegt eine einfache Wahrheit zu Grunde:

Männer mögen Ärsche.

Da könnt ihr mir keinen Strick draus drehen, gebts zu, es ist nunmal so.

Was mögen Männer noch außer Ärschen? (In diesem Fall sind es übrigens nicht nur Männer, sondern auch gelangweilte HartzIV-Hausfrauen, selbsternannte Gangster- Rapper und 14- jährige Mädels, deren erklärtes höchstes Ziel der Einzug in Hugh Hefners Villa ist.)

Männer (und alle anderen genannten, und hier kommt das Prinzip „Help- tainment“ zur Anwendung) mögen es, sich über andere stellen zu können.

Jetzt scheint es allerdings so, als würde seit jüngster Zeit, namentlich diesem Frühjahr, Pro7s gesamtes Tagespogramm aus nichts weiter als der An- den- Mann- bringung dieser beiden Goldesel zu bestehen.

Vor allem die Spätnachmittagsshow „taff“ geizt nicht mit der stumpfen Objektivierung von Frauen, die sich vor der tribunalsmäßigen Jury vollkommen unbekannter spätpubertierender Vorstadtmachos in immer entwürdigenderen Ritualen bloßstellen müssen. Eines der besten Beispiele: In der Unterkategorie „hot five“ des Magazins „taff“ müssen fünf Bewerberinnen (auf was auch immer), streng ausgewählt nach Aussehen und möglichem Konfliktpotential, ihr Äußeres für drei maritim bekleidete Halbstarke feilbieten und sich dann in der Reihenfolge anordnen, in der sie glauben, von ihren hühnerbrüsternen Traumprinzen bewertet zu werden. Wer sich selbst richtig wertet (hässlich/ schön) bekommt „Punkte“. Wozu die gut sind? Keine Ahnung.

Aber hatte ich schon erwähnt, dass das ganze natürlich in der Kategorien „Gesicht, Brüste, Hintern“ gewertet wird? Fast wie beim Skihochsprung also, ganz seriös, oder- der vielleicht naheliegendere Vergleich- beim alljährlichen Innereien- Wettessen in der bayrischen Provinz.

Ähnlich, in Vollendung allerdings, obwohl mit genauso unbekannten F-Promis, geht das ganze bei „Sommermädchen“ vonstatten; einer Sendung, die direkt einer Reportage aus dem Münchener – Rotlichtmilieu entstammen könnte und gerechterweise von einem Rezensenten des Spiegel.de Online- Magazins als „neue Dimension des Demütigungsfernsehens“ tituliert wird.

Natürlich habe ich meine Überschrift nicht umsonst gewählt, der geneigte Leser sollte sich spätestens jetzt fagen: “wtf soll das mit Paradoxen zu tun haben?”

Traurigerweise stellt sich die Frage nach der Rechtfertigung meiner Überschrift in noch anderer Art und Weise, denn wer stellt die Hauptzuschauerschaft von „taff“? Zumindest zum Großteil Frauen.

Der tittengeile Macho, der bei „Sommermädchen 2009“ anderthalb Stunden seine kümmerliche Palme befächert ist gottseidank, obwohl oft bereits angenommen, noch nicht Realität, daher muss man auch hier davon ausgehen, dass Frauen die überwiegende Zuschauerschaft stellen.

Vor dem Hintergrund dieser Tatsachen:

Handelt es sich dann überhaupt um ein Paradoxon? Wird diese demütigende Objektivierung, die Pro7 hier in solch entwürdigenden Ritualen zelebriert, von der weiblichen Zuschauerschaft gewünscht? Eine Frage, die ich nicht beantworten kann und deren Beantwortung allein der weiblichen Leserschaft dieses Blogs (sollte sich mal ein solches Wesen hierher verlaufen) obliegt.

Auch ein weiteres Beispiel liefert „taff“:

In bis zur Vollendung übertriebener Seriösität befragt ein Reporterteam auf Malle offenbar betrunkene Jugendliche mit Scherzfragen, die diese natürlich falsch beantworten.

Schon in Anbetracht der Fragestellung der Reportage („Macht Mallorca dumm?“) ist klar, dass hier nichts weiter betrieben werden soll, als die Stigmatisierung des besoffenen Malle- Urlaubers in Höchstform.

Natürlich kann keine der total angesoffnene Schnapschargen auch nur irgendeine der lächerlichen Fragen beantworten, und spätestens, als der verkippte Männerchor im Hintergrund „Wir sind dumm! Saufen!“ zu skandieren beginnt, sollte es einem eigentlich hochkommen.

Wie die Frage: Wer wird sich diese Reportage mit Freuden angesehen haben? Die Antwort, und was sich daraus ergibt, will ich an dieser Stelle euch überlassen.

Was übrigbleibt, ist die Frage, ob vielleicht man selbst, als Blog- schreibender, bücherlesender Uber- Nerd (letzteres zumindest in Augen der Pro7 Zuschauerschaft [„Bücher, alter, was bist dun fürn Opfa?“]) hinter der Zeit ist und nicht lieber selbst anfangen sollte, FHM zu lesen, einen Bausparvertrag für ein Haus auf Malle anzulegen und die verbliebene Zeit mit dem Ab- Workout von Jason Statham zu verbringen.

Der wurde nämlich von einem Ex- Elite- Soldaten trainiert.

Stand zumindest in der FHM.

Um 19.15 schalte ich den Fernseher ein. Was läuft? Galileo auf Pro7. Gut, normalerweise sehe ich mir das nicht mehr an, früher waren die mal ganz intelligent, heute könnte man sich als Equivalent wahrscheinlich auch TalkTalkTalk reinziehen.

Der einzige Grund also, warum ich der Sendung eine Chance gebe, ist das Interesse an einer Reportage über „Killerspiele“, im Zusammenhang mit dem Amoklauf von Winneden aktuell wieder ein großes Thema. Pro7 hat irgendwo einen Lehrer des Erfurter Gutenberg- Gymnasiums aufgetrieben, der sich im Auftrag der besseren Menschen „auf eine Reise begibt“ um „zu verstehen, ob Killerspiele wirklich im Zusammenhang mit Amokläufen stehen“.

Die Antwort ist einfach: Natürlich tun sie das. Die obrige Frage gerät allerdings traurigerweise im Verlauf der Reportage immer mehr in den Hintergrund, obwohl ihre ausführliche Klärung gerade auf einem Quotensender wie Pro7 sicher dazu beigetragen hätte, die Stigmatisierung von Computerspielern zu beenden. Stattdessen läuft, wie schon der Gebrauch des Worts „Killerspiele“ andeutet, zwanzig Minuten lang das übliche Programm.

Schreckliche Ereignisse wie eben der Amoklauf von Winneden führen leider auch hier zu einem erschreckenden Populismus, der vor keiner Grenze halt macht. An dieser Stelle kommt dann der Titel dieses kurzen Artikels zur Geltung:

Obwohl die Reportage mit den Worten (ungefähr) endet „Killerspiele sind nicht der alleinige Grund für Amokläufe“, werden in ihr Computerspieler, Menschen wie ihr und ich, allesamt in einen Topf geworfen und zu Versagern und Suchtgefährdeten erklärt. In den erwähnten zwanzig Minuten fällt das Wort „Killerspiele“ wahrscheinlich öfter als jede Konjunktion, immer wieder wird ein und die gleiche Szene aus irgendeinem Egoshooter gezeigt; der Spieler rennt durch einen dunklen Gang, ein Typ taucht auf, wird erschossen und knallt gegen die Wand, wo er tot zusammensackt.

Die einzigen Beispiele von Spielern, die in der Reportage auftauchen, sind ausgemergelte, realitätsferne Gestalten mit klischeeigen Essgewohnheiten, was zum einen natürlich sicher teilweise der Fall ist, aber im größeren Maßstab gesehen eine so geringe Teilmenge der Spielergemeinschaft ausmacht, dass es schier lächerlich ist.

Computerspielsucht ist ein Problem, das, behaupte ich mal, in den nächsten Jahren an Bedeutung eher noch gewinnen wird. Die einseitige Berichterstattung, die Pro7 in seiner Reportage jedoch betreibt, ist lachhaft, wenn auch clever auf die Quote ausgerichtet: In diesem Fall richtet sich Galileo,vor allem mit dem ältlichen Lehrer, der durch die Reportage führt, ganz klar an die 40+ „wir verstehen unsere Kinder nicht mehr'“- Generation.

Zur Verfügung gestellt werden keine Fakten, es findet keine sachgemäße Erläuterung statt sondern nur ein erneuter Aufguss der altbekannten Begriffe „Killerspiele“, „Spielesucht“, „künstliche Welt voller sinnloser Gewalt und Macht“. „Ego- Shooter“, ein Terminus, der meiner Meinung nach klar und deutlich die Ausrichtung der sg. „Killerspieler“ verdeutlicht, fällt nur zweimal, und das auch nur, weil er auf Schildern steht, die eingeblendet werden.

Eine vernünftige Kommunikation zwischen Eltern und Kindern, wenn es ums Thema Computerspiele, besonders Ego- Shooter, wird durch solche Reportagen gezielt verhindert, ohne auf die Folgen zu achten. Wenn eine solche Kommunikation nämlich nicht stattfindet, kommt es zu genau solchen Massakern wie in Winneden.

Gewagt, meiner Meinung nach aber nicht einmal zu weit aus dem Fenster gelehnt, stelle ich die These auf: unsachgemäße, inkonsequente und populistische Berichterstattung wie die von Gallileo auf Pro7 wird in Zukunft immer mehr eine Teilschuld an solchen Gewaltausbrüchen tragen.

Statt beispielsweise das soziale Umfeld von Patienten einer Klinik für Computerspielsüchtige zu beleuchten, wird dieses nur am Rande erwähnt- ist doch viel interessanter, was sie eigentlich gespielt haben und warum sie so viel Freude an sinnloser Gewalt im Spiel haben. Ich sage euch warum: Weil sie an schwerwiegenden psychischen Problemen leiden, weil ihr soziales Umfeld sie ausstößt oder missachtet und weil sich niemand auch nur einen Dreck um ihre wirklichen Probleme schert.

Im Fazit bleibt nur zu sagen, dass, im Angesicht der stigmatisierenden und fahrlässig bruchstückhaften Berichterstattung aktueller Medien zum Thema Ego- shooter, der älteren Generation nichts bleibt, als sich selbst zu informieren. Was hindert Eltern daran, sich Computerspiel- Zeitschriften zu kaufen? Nichts. Die Berichterstattung dort hilft allerdings, Gedankengänge der Kinder nachzuvollziehen und sorgt vor allem für eine fehlerfreie Information über das, was die lieben Kleinen eigentlich so spielen.

Daniel Kehlmann- Ruhm

März 8, 2009

Nach langer Zeit melde ich mich mal kurz wieder mit etwas, das mir wirklich am Herzen liegt: Keiner Rezension zwar, aber zumindest eine Stellungnahme (Scheiße, klingt das ernst..) zu Kehlmanns neuestem Wurf- Ruhm, ein Roman in neun Geschichten.

Ein Buch, kurz gesagt, dessen Cover allein mich schon überzeugt hätte. Aber das tut ja hier nichts/ wenig zu Sache, schließlich gehts ja um den Inhalt. Um das ganze kurz auf den Punkt zu bringen, gibts hier den Klappentext:

„Ein Schriftsteller mit der unheilvollen Neigung, Menschen, die ihm nahestehen, zu Literatur zu machen, ein verwirrter Internetblogger, ein Abteilungsleiter mit Doppelleben, ein berühmter Schauspieler, der lieber unbekannt wäre, eine alte Dame auf der Reise in den Tod: Ihre Wege kreuzen sich in einem Geflecht von Episoden zwischen Wirklichkeit und Schein. Ein Spiegelkabinett voll unvorhersehbarer Wendungen- komisch, tiefgründig und elegant erzählt vom Autor der „Vermessung der Welt“. “

Einigen allgemeinen Bemerkungen der Kritiker kann ich hinsichtlich des Inhalts durchaus zustimmen: Wer eine zweite „Vermessung der Welt“ erwartet hat, findet hier sicher nicht das, was er sucht- wohl aber etwas anderes, gleichwertiges, vielleicht sogar besseres.

Der neue Kehlmann ist subtil im Witz und subtil in der Sprache, das Hauptmerkmal der „Vermessung“ rückt er geschickt bei Seite, ohne es aber ganz außer Acht zu lassen, was den Eindruck vermeidet er habe Angst, sich vielleicht zu wiederholen: Die indirekte Rede kommt zwar vor, aber hier nur, wo sie auch passt und nicht, wie in der „Vermessung der Welt“ als einzige Dialogform. Das nimmt den Gesprächen in Ruhm den omnipräsenten Witz, der in Kehlmanns letztem Werk in jedem gesprochenen Satz mitschwang. Dieser Witz weicht hier einer Schärfe und Klarheit, die guttut und einer der Hauptgründe war, warum ich „Ruhm“ an einem Tag verschlungen habe.

Auch in diesem Roman demonstriert Kehlmann eindrucksvoll, dass er zu Recht unzählige Wochen an der Spitze der Bestseller- Listen stand. Seine Sätze saugen dich ein, fesseln dich und fließen in- und durcheinander, scheinen verwoben wie ein guter Teppich und lassen nur selten Unfeinheiten erkennen.

Die Art der Geschichten ist ebenfalls eine ganz andere- Der Autor schreibt in neun Geschichten von Leben, die irgendwie mit einander verwoben sind, auf fatale Art. Dabei zeigt sich oft eine Boshaftigkeit, die mich beim Lesen wirklich gestochen und zugleich auch gepackt hat. Auch, wenn die Protagonisten nur kurz porträtiert werden, lassen sie den Leser mitleiden, teilweise mit einem bösartigen Lächeln auf den Lippen, teilweise mit echtem Mitleidsgefühl.

Dabei fällt ein Schwachpunkt des Romans besonders auf: Kehlmann scheint irgendwie doch Angst gehabt zu haben, die Leser der „Vermessung“ zu verschrecken. Wohl aus diesem Grund finden sich in „Ruhm“ kleine running- Gags, die beim ersten und zweiten Mal noch lustig sind, bei einem der Charaktere, Leo, dem Autor, auch durch die ganze Geschichte.  Maria Rubinstein jedoch, die in einem ihr fremden Land strandet, von der hintergründigen Bosheit des Lebens einfach wie Strandgut angespült wird und keine Möglichkeit der Rückkehr mehr findet, die ihrem Schicksal bis ins letzte ausgeliefert ist und deren Machtlosigkeit der Autor mit beeindruckender Wortgewalt 24 Seiten lang zelebriert- Maria Rubinstein, einer der meiner Meinung nach am besten gelungensten und zugleich tragischsten Charaktere des Buchs, bekommt an jeder Station ihrer Rundreise Schwein mit Majonaise, spätestens, als die dramatische Wende absehbar wird, macht das keinen Spaß mehr.

Ebenfalls nicht gut gelungen finde ich die Geschichte des Bloggers. Sicher, sie mag ein Experiment sein, ein gescheitertes, wenn ihr mich fragt. Kehlmann bedient sich eines Sprachregisters, dessen er ohne Frage nicht mächtig ist- der Internetforen- und Blogsprache. Ausdrücke wie „voller Container“ habe ich tatsächlich noch nie irgendwo gehört und die haben mich wirklich aus dem Text geworfen. Ansonsten sind die Charaktere jedoch gut gelungen, eine Stelle gibt es mit der ich garnichts anfangen kann:

Rosali, eine der Figuren aus einer der Geschichten von Leo Richter, dem Autor, will sich das Leben nehmen und hadert mit sich selbst und mit dem Tod, der ihr durch den Autor aufgezwungen wird. Als ich sie im prinzip schon für faktisch tot hielt, rettet der Autor sie doch noch und.. naja, hat mich irgendwie enttäuscht.

Zum Abschluss muss ich noch einem der Hauptkritikpunkte allgemeiner Buchkritiker wiedersprechen:

Ich finde die Verwebung der Geschichte ist sehr subtil gelungen und wirkt, anders als behauptet, alles andere als aufgezwungen.

Insgesamt also 8,5/ 10 Punkten für den neuen Kehlmann, ein wirklich empfehlenswertes Werk, dass vor allem experimentierfreudige Leser ansprechen dürfte. Kehlmanns Sprache fasziniert einfach, und meiner Meinung nach dürfte „Ruhm“ so schnell niemanden loslassen, der es mal in die Finger bekommen hat.

Bis die Tage-

Don Carlos: IV.12

November 17, 2008

So, hier ist nochmal ein wenig schulische Arbeit von mir (zugegebenermaßen nur am PC geschrieben, weil kein liniertes Papier mehr übrig war.

Vielleicht kann ja jemand was damit anfangen- wie gesagt: Ich hafte für nichts, das ganze kann vielleicht als Kurzbeispiel einer Dramenanalyse herhalten, ist allerdings nicht aspektorientiert analysiert, weil mir das immer zu lange dauert und ich irgendwann den Überblick verliere.

[EDIT]: So, hier ist eine verbesserte Version, die zudem fast den gesamten 12. Auftritt umfasst.

Wie auch immer- viel Spaß (wenn man das bei einer Analyse sagen darf…):

Analyse eines dramatischen Gedichts- „Don Carlos“, IV.12

Der mir zur Analyse vorliegende Textausschnitt stammt aus dem 12. Auftritt des vierten Akts des dramatischen Gedichts „Don Carlos“. Dieses wurde 1787 von Friedrich Schiller veröffentlicht und thematisiert die politischen und gesellschaftlichen Verstrickungen am Hof Philipps II., die Freundschaft Don Carlos´, des Infanten Philipps, zu dem Marquis von Posa, die dieser jedoch nur einsetzt, um seine aufklärerischen Ideale verwirklichen zu können, sowie die unglücklichen Liebe des Carlos zu Elisabeth von Valois, seiner Stiefmutter.
Literaturgeschichtlich ist das Drama in die Weimarer Klassik einzuordnen.
Diese Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts war geprägt durch die Erfahrung der schwierigen Durchsetzbarkeit der humanistischen Ideale der Französischen Revolution, sowie die Tatsache, dass der zentrale Wertekonflikt des Sturm und Drang zwischen Vernunft und Gefühl nicht hatte befriedigend gelöst werden können.
Gerade die aufklärerischen Vorstellungen unter anderem der französischen Revolution spielen auch eine entscheidende Rolle in „Don Carlos“, wir finden sie in der Figur des Marquis von Posa, dem Ideenträger des Dramas.

Im ersten Akt des Dramas, der Exposition, werden die Charaktere vorgestellt, Konflikte zwischen Carlos und Philipp II., Carlos und Domingo sowie Philipp und Elisabeth werden enthüllt.
Anschließend erfolgt im zweiten Akt der Anstieg der Spannung hin zum Höhepunkt des Stückes, er ist gezeichnet durch die Entfaltung des Vater-Sohn-Konfliktes zwischen Carlos und Phillip, dem Liebeskonflikt zwischen Eboli und Carlos, sowie eine Atmosphäre aufkeimender Intrigen und des Misstrauens.
Es folgt mit dem dritten Akt der Höhepunkt des Dramas, König Philipp II. sieht sich von Intrigen umgeben und findet in dem Marquis von Posa scheinbar einen vertrauenswürdigen Menschen.
Die Atmosphäre des vierten Aktes, in dem ein leichtes Abfallen der Handlungskurve zu beobachten ist, ist erneut gekennzeichnet durch allgegenwärtiges Misstrauen und Intrigen.
Der 12. Auftritt des vierten Aktes handelt dabei von einem Treffen Philipps II., mit dem Marquis von Posa. Dieser ist durch einen Vorwand an die Brieftasche Don Carlos gelangt, die er nun dem König übergeben will.
Dieser Auftritt spielt nach dem Streit Elisabeths mit Philipp, in dem dieser zugibt, Briefe aus ihrer Schatulle stehlen lassen zu haben und sie der Untreue beschuldigt; Elisabeth stürzt am Ende dieses Auftritts, was ihre Fassungslosigkeit und Bestürzung über die Vorwürfe ihres Ehemanns zum Ausdruck bringt.
Intention des Autors in diesem Textabschnitt war es, die Beeinflussung Philipps durch den Marquis sowie die unlauteren Mittel, mit denen dieser seine politischen Ziele durchsetzt, darzustellen.
Im fünften Akt steigert sich die Handlung des Dramas bis hin zur Katastrophe:
Der Marquis von Posa wird getötet, die Liebesbeziehung zwischen Elisabeth und Carlos endgültig offenbart und beendet und dieser der Inquisition übergeben.

“Wichtige Entdeckungen, die ich gemacht, verändern der Sache ganze Lage.” (Z. 3840-3842) weckt der Marquis zu Beginn des Textabschnitts das Interesse des Königs.
Bereits in diesem ersten Satz wird die Rhytmisierung des Textes durch den von Schiller verwendeten Blankvers (5-hebiger Jambus) deutlich.
Die Umstellung des letzten Satzteils (“verändern der Sache ganze Lage.”) lenkt zudem das Interesse des Zuhörers auf diesen und erreicht so eine deutliche Steigerung der Dramatik.
Nach der kurzen Zustimmung des Königs, fortzufahren (“Nun?”, Z. 3843)  bricht der nächste Sprechakt des Marquis vorzeitig ab (“ein´ges Licht- “ Z. 3843), das Interesse des Königs an den Papieren seines Infanten wird hier deutlich, verstärkt noch durch die Regieanweisung “(durchsucht sie begierig)” in Zeile 3845.
Begründet liegt die Neugierde des Königs in seinem Wunsch, Licht in das Dunkel der Intrigen zu bringen, die er an seinem Hof erkennt und zu erkennen glaubt.
Misstrauen wird bereits zu Anfang seines nächsten Sprechaktes deutlich, als er einen Brief seines Vaters an den Infanten in der Brieftasche entdeckt:
“Von dem ich nie gehört zu haben mich entsinne?” (Z. 3846)
Der Ausruf “-Wie?” vor Beginn dieser Frage unterstreicht zudem, verstärkt durch den ihm vorangehenden Gedankenstrich, die Überraschung Philipps.
Die folgende Regieanweisung dient vor allem dazu, zentrale Charakterzüge Philipps und des Marquis´ zum Ausdruck zu bringen:
Der König liest wissbegierig die privaten Dokumente seines Sohns, argwöhnisch ob der Intrigen, die er, von diesem ausgehend, gegen sich geführt vermutet; der Marquis billigt nicht nur, sondern braucht auch dieses Verhalten Philipps um ihn durch gezielte Zurückhaltung von Informationen für seine Zwecke nutzen zu können (“(Er liest es durch, legt es beiseite und eilt zu den anderen Papieren.)”).
Der nächste Abschnitt dieses Sprechaktes Philipps zeigt ihn gedankenversunken, bis er schließlich ein offenbar wichtiges Schriftstück entdeckt.
Das Stilmittel der Parenthese (“Der Plan zu einer Festung- Abgerissne Gedanken aus dem Tacitus- Und was denn hier?”, Z. 3848- 3850) verdeutlicht, wie der König die Dokumente des Infanten überfliegt, bis er schließlich auf das zentrale Beweismittel stößt- den Brief Ebolis an Carlos.
Philipp zeigt sich zunächst überrascht (“Und was denn hier?”, Z. 3850), bald argwöhnisch und schließlich ensetzt.
Im letzten Teil seines Sprechaktes zitiert der König aus dem Brief, unterbricht sich dabei jedoch immer wieder selbst und bringt durch Einschübe- hier kommt erneut das Stilmittel der Parenthese zum Tragen- seine Verwunderung zum Ausdruck:
“”Die hintern Zimmer im Pavillon der Königin- -Ha! Was wird das?” (Z. 3853)
Philipps Sprechakt endet mit seiner Erkenntnis über das Gelesene, schließlich bringt er seine Bestürzung wütend und entschlossen, im Kontrast also zum vorher Gesagten, in einem vor allem durch das Adjektiv “Satanische” (Z. 3855) getragenen Ausruf zum Ausdruck.
Die beiden folgenden Sprechakte sind charakteristisch für die Art von dramatischem Gespräch, das der König mit dem Marquis in diesem Auftritt führt, obgleich, wie der Leser weiß, die Überraschung sowie der Fehschluss des Marquis, das Geschriebene stamme von Elisabeth (“Die Hand der Königin?” Z. 3857) lediglich gespielt sind.
Beide Charaktere ziehen Schlüsse und sind überrumpelt von dieser plötzlichen Wendung des Geschehens, sie unterbrechen sich gegenseitig, die Dramatik des Textabschnittes spitzt sich zunehmends zu:
Es handelt sich hier um ein Enthüllungsgespräch, eine der Schlüsselstellen des Dramas, auch wenn es sich hier um einen durch den Marquis herbeigeführten Fehlschluss des Königs handelt.
Für diese Art des dramatischen Gesprächs ebenfalls typisch ist die verhältnismäßig gleichmäßige Verteilung der Redeanteile- beide Charaktere entlarven und entdecken und spornen sich gegenseitig an (vgl. Z. 3856- 3858).
Dessen Bestürzung und Aufwühlung wird in der folgenden Regieanweisung deutlich:
“(des Marquis Hand fassend, in heftiger Bewegung)”
Der König verhält sich für seine Stellung und ebenfalls für seine sonstige Verhaltensweise atypisch:
Er ergreift die Hand des Marquis, er teilt ihm aufgewühlt seine Bestürzung und Verzweiflung mit, hier erneut verdeutlicht durch zwei parenthetische Einschübe (“Marquis, ich sehe mich in fürchterlichen Händen! Dies Weib- Ich will es nur gestehen- Marquis, dies Weib […]” Z. 3861- 3863). Ebenfalls zur Dramatisierung des Sprechaktes trägt das Stilmittel der Repetitio bei (“Marquis, […] Dies Weib […]- Marquis, dies Weib […]” Z. 3861-3863) mit dem der König seiner Verzweiflung Ausdruck verleiht.
Durch seine Handlugsweise in diesem Sprechakt wird ebenfalls aufs Neue die Beziehung Philipps zu Marquis Posa verdeutlicht; während der König sich Posa anvertraut, in als einzigen Vertrauenswürdigen in seinen Reihen sieht, weiß er nicht, dass sei Verhalten von diesem genau so gewollt und geplant war.
Geringschätzung hingegen wird Domingo gegenüber deutlich, dieser wird als “Mönch” (Z. 3865) bezeichnet, vom König also deutlich herabgestuft und auch als Intrigant ihm gegenüber indentifiziert:
“Wie viel der Mönch drum wissen mag” (Z. 3865) hier wird ebenfalls deutlich, dass der König Domingo als Gefahr einschätzt. Er sieht sich von Intrigen umringt und hat scheinbar nur noch einen Menschen, dem er vertrauen kann- Posa.
Wie dieser den König für seine Zwecke zu nutzen und zu lenken vermag zeigt auch der letzte Sprechakt des Textabschnitts:
“Marquis! Marquis!” (Z. 3866) ruft Philipp verzweifelt aus, verdeutlicht durch die Repetitio.
“Ich fange an, zu fürchten, dass ich meiner Gemahlin doch zu viel getan-” (Z. 3866, 3867)
Marquis von Posa hat also durch die Auslieferung des Portfolio Don Carlos´ bei Philipp das Geplante erreicht- Den Verdacht von Carlos und Elisabeth auf Eboli zu lenken.
Nun kann er fortfahren und mit der Hilfe des Königs seinen nächsten Plan, Carlos Verhaftung nämlich, durchführen.
“Wenn zwischen dem Prinzen und der Königin geheime Verständnisse gewesen sind, so waren sie sicherlich von weit- weit anderm Inhalt, als dessen man sie angeklagt.” (Z. 3869- 3871), bestärkt er den König zunächst in seinem Zweifel, seiner Gattin doch Unrecht getan zu haben.
“Wenn”, auf dem die größte Betonung in diesem Satz des Marquis liegt, bestärkt die Ungewissheit des Königs, mit seinen Anschuldigungen gegen Elisabeth Recht zu haben; in Zeile 3872 wird durch  die Kombination von “sicherlich” mit der Repetitio “wenn” die Unwahrscheinlichkeit dessen noch unterstrichen.
“Ich habe Gewisse Nachricht, dass des Prinzen Wunsch, nach Flandern abzureisen, in dem Kopfe der Königin entsprang.” (Z. 3873-3876) leitet der Marquis nun über, um das Misstrauen des Königs gegen Carlos zu verstärken.
“Gewisse” (Z. 3874) nimmt dabei Bezug auf die Äußerung des Marquis, im Verborgenen zu handeln und lässt vermuten, dass er diese Information ebenfalls aus geheimer Quelle bezogen hat.
Der König bestätigt den Marquis nur mit einem kurzen “Ich glaubt es immer.” (Z. 3877), dies ist beispielhaft für die Veränderung des Gesprächsanteile ab Zeile 3869 im Vergleich zum ersten Teil des 12. Auftritts:
Es ist eine Veränderung des Gesprächstypus vom Enthüllungsgespräch hin zum Entscheidungs- oder vielmehr Überzeugungsgespräch zu beobachten; der Marquis dominiert das Gespräch.
In seinem folgenden Sprechakt charakterisiert der Marquis die Königin als intelligente, ehrgeizige und stolze Frau, um so zu erklären, dass Carlos Plan, nach Flandern zu gehen, Teil eines politischen Plans Elisabeths war:
“Die Königin hat Ehrgeiz-” Z. 3887, der Marquis hält kurz inne, scheinbar zweifelnd ob er vor dem König seine Ansichten über dessen Gattin vortragen darf.
Dies drückt sich in dem parenthetisch eingeschobenen “Darf ich mehr noch sagen?” in Zeile 3878,3879 aus.
Schließlich fährt er fort und es gelingt ihm zum einen, Carlos in den Augen des Königs als heißblütigen Jünglin, die Königin zu gleich kalte Politikerin darzustellen. Erneut zeigt der Einschub “ihr Herz” in Zeile 3802, das scheinbare Unbehagen des Marquis, diese Sätze auszusprechen.
Die Parenthesen erwecken den Eindruck, er müsse sich überwinden um dem König diese Wahrheiten zu offenbaren; dadurch zeigt sich der Marquis als wesentlich geschickterer Intrigant und Manipulator als Domingo und Alba.
Es folgt erneut lediglich eine kurze Antwort des Königs (Z. 3883) auf die hin der Marquis beginnt, dem König seinen eigentlichen Plan zu entfalten:
“Ob sie geliebt wird?- Ob von dem Infanten nichts Schlimmeres zu fürchten?” (Z. 3885, 3886) entfacht er erneut das Misstrauen Philipps und erreicht durch die Reihung der beiden Fragen eine Verstärkung des Ausdrucks des Folgesatzes, einer einfachen Aussage:
“Diese Frage scheint mir der Untersuchung wert.” (Z. 3887) Auch hier schlägt er dem König keine direkte Handlungsweise vor, sondern legt die Entscheidung in seine Hände, die der Marquis jedoch in Wahrheit schon längst für ihn getroffen hat.
“Hier, glaub´ ich, ist eine strenge Wachsamkeit vonnöten-” (Z. 3889)
Vor allem durch das Schlüsselwort “Wachsamkeit” kann der Marquis die Gedanken des Königs in die von ihm gewünschte Richtung lenken, “glaub´” betont jedoch ein weiteres Mal die Tatsache, dass Posa Philipp selbst scheinbar die Auswahl der Handlungsweise überlassen will.
“Ihr haftet mir für ihn-” unterbricht der König ihn in Zeile 3888,  lässt diesen Satz jedoch unbeendet, verdeutlicht durch den Gedankenstrich.
Der Marquis scheint sich erst bedenken zu müssen, wie die Regieanweisung in Zeile 3889 verdeutlicht, dies betont das Gewicht, dass er dem Gesprächsgegenstand zumisst.
“Wenn eure Majestät mich fähig halten, dieses Amt zu führen, so muss ich bitten, es uneingeschränkt und ganz in meine Hand zu übergeben.” (Z. 3889- 3892) folgt der Schlüsselsatz des Marquis, mit dem er alles zu erreichen in der Lage ist, was seine Pläne vorsehen.
“Mich fähig halten” betont dabei die Bescheidenheit des Marquis und sein Vertrauen in den König, “Amt” erneut die Schwere der Situation und mit der Akkumulation “uneingeschränkt” und “ganz” die alleinige Befugnis, die Posa hier von Philipp wörtlich erbittet, in Wahrheit aber verlangt.
Der König ist längst von den Ansichten der Marquis´ überzeugt, zu schwer wiegt ihm zudem die Schuld, in der er scheinbar bei Posa ob der aufgedeckten Intrige Ebolis steht.
Es folgt ein kurzer Wortwechsel mit Lerma, der über das Wohlempfinden der Königin berichtet, im Anschluss wird die Beziehung Posas zu Lerma und dessen Rolle in den Plänen des Marquis´ beleuchtet.
“(Er sieht den Marquis mt zweideutigen Blicken an und geht.)” lautet die Regieanweisung zu Lermas Abgang in Zeile 3901. Hier wird klar, dass Lerma Posa für einen Intriganten hält, vor dem er Carlos, seiner Ansicht nach, zu Recht gewarnt hat.
Die Tatsache, dass der Marquis im Anschluss zunächst eine Pause macht, wie um abzuwarten, bis Lerma sich weit genug entfernt hat (“(nach einer Pause zum König)”) verdeutlicht zudem das Misstrauen Posas gegen diesen.
Dieses wird, wenn auch hintergründig, ebenfalls in dessen nächstem Sprechakt ausgeführt.
Posa hofft, durch eine Anspielung auf Lerma den Argwohnt des Königs gegen diesen zu schüren und ihn so ebenfalls daran zu hindern, seinen Plänen in die Quere zu kommen (“Der Prinz, fürcht´ ich, kann Warnungen erhalten. Er hat der guten Freunde viel-”, Z. 3902,3903).
Schließlich spielt er auf die Möglichkeit an, Carlos könnte könnte Konakte zu den Genter Rebellen nutzen und fliehen; er rät dem König, dieser Möglichkeit zuvorzukommen:
“Die Furcht kann zu verzweifelten Entschlüssen ihn führen- Darum riet´ ich an, gleich jetzt Vorkehrungen zu treffen, diesem Fall durch ein geschwindes Mittel zu begegnen” (Z. 3906- 3908)
Es fällt vor allem auf, dass dieser Satz durch seinen Konjunktiv Carlos nicht endgültig schuldig spricht, sondern die Entscheidung über eine Notwendigkeit solcher Maßnahmen erneut beim König liegen soll. Die paraphrasierte Wiederholung des vorletzten Nebensatzes (“Darum riet ich an, gleich jetzt Vorkehrungen zu treffen, diesem Fall durch ein geschwindes Mittel zu begegnen.”) unterstreicht zudem die Wichtigkeit dieses Anliegens des Marquis, dem Philipp natürlich zustimmt (“Ihr habt ganz Recht. Wie aber-” Z. 3909).
Der Marquis unterbricht ihn (“Ein geheimer Verhaftsbefehl, den Eure Majestät in meine hände niederlegen, mich im Augenblicke der Gefahr sogleich desselben zu bedienen- und-” Z. 3910- 3913) und führt erneut das Motiv der Heimlichkeit und der verdeckten Gefahr in das Gespräch ein.
So nimmt er indirekt Bezug auf den vorangegangenen Gesprächsteil, in dem durch sein entschlossenes Handeln die Intrige der Eboli aufgedeckt wurde.
In den letzten Sprechakten des 12. Auftritts ist zum Ende hin eine zunehmende Häufung von Parenthesen sowie gegenseitigen Unterbrechungen zu beobachten (“Es bleibe vors erste Staatsgeheimnis, bis-” Z. 3914, “Das Reich ist auf dem Spiele- Außerordentliches Mittel erlaubt die dringende Gefahr- Hier, Marquis” Z. 3914- 3916).
Dies trägt dazu bei, erneut Spannung aufzubauen und illustriert sowohl die Aufregung des Marquis´ und des Königs sowie die dringende Notwendigkeit, zu Handeln.
Der König folgt den Ratschlägen des Marquis und handelt schnell und entschlossen. Dies steht in einem Gegensatz zu der verzweifelten, scheinbar aussichtslosen Situation, in der Philipp sich noch zu Ende des ersten Gesprächsabschnittes befindet und verdeutlicht das Vertrauen, dass er in den Marquis setzt.
Der letzte Sprechakt des Königs hat erneut dieses Vertrauen zum Inhalt, in der vorangehenden Regieanweisung (“(legt die Hand auf seine Schulter)” Z. 3919) handelt Philipp erneut für einen König geradezu unziemlich persönlich, zudem drückt er durch “lieber” (Z. 3919) ebenfalls persönliche Zuneigung und Vertrauen aus.
In diesem Auftritt ist also die Taktik des Marquis, dem König seine Entscheidungen durch subtile Beeinflussung und Betonung seiner Handlungsmacht vorwegzunehmen, aufgegangen.
Er ist nun im Besitz des Verhaftsbefehls gegen Carlos, mit dem er den Infanten in den Kerker bringen lassen wird.