Begegnung/ Ebbe

August 10, 2009

Die Zeit im Literaturstipendium Wolfenbüttel (Literaturlabor Wolfenbüttel, homepage: http:/www.lilawo.de) ist leider für mich zu Ende. Immerhin, ich habe viel gelernt, unter anderem, dass das Schreiben ein Handwerk ist, das man auch wirklich jemandem beibringen kann.

Das letzte Treffen wurde von einem Lektor des Beck- Verlages betreut, der mit wirklich erstaunlicher Sicherheit Spreu und Weizen auseinanderhalten konnte, um so aus merkwürdigen/ unklaren Texten wirklich gute, lesbare Sachen zu formen.

Hier eines der wahrscheinlich besten  Beispiele, einmal in der Original- Version mit dem bisherigen Titel „Begegnung“, dann in der bearbeiteten Version mit dem neuen und inhaltlich schärferen Titel „Ebbe“.

Original:

Begegnung

Es war im 12. Jahr unserer Ehe, als Sie schließlich beschloss, das Ersparte unserer reiselosen Jahre zusammenzunehmen und Urlaub zu machen.
Felix beschwerte sich natürlich, weil er nicht richtig wusste, was das überhaupt war und „Urlaub machen“ sich anstrengend anhörte. Überhaupt war ich über seine bisherige Kindheit zu der Erkenntnis gelangt, mit „Felix“ bei der Namenswahl danebengegriffen zu haben, denn er war selten glücklich.
Sicher lag das an uns, sicher. Wir rafften und rafften, Geld, Zeit, uns zusammen, die Kleider, um in den Urlaub zu fahren. Schließlich mussten wir das Raffen so gewohnt gewesen sein, dass es uns nicht mehr wirklich auffiel, uns keine Anstrengung mehr bereitete und immer mehr zu einem Zustand als zu einer Tätigkeit wurde.
Konnte ein Kind so glücklich aufwachsen? Wir wussten es nicht. In unseren Köpfen lag das Kindsein schon so weit zurück, dass nicht mehr als ein fader Nachgeschmack davon geblieben war.
Wir arbeiteten Tage und Nächte, ohne erkennbar voranzukommen, bauten schließlich ein Haus und bekamen Felix. Bei all der Arbeit, die es zu organisieren galt, musste schließlich auch er organisiert werden: Wer fährt ihn wann zur Schule, wann kommen seine Freunde, um wie viel Uhr ist Schlafenszeit? Unsere Tage rasten dahin, bis wir von der Arbeit auf die Arbeit fuhren, bis Felix zu einem weiteren Job geworden war. Sicher konnte das nicht spurlos an ihm vorübergegangen sein.
Als wir also im Flugzeug saßen, war er, wohl vor lauter Überraschung, wie viel Zeit wir plötzlich zusammen verbrachten, vollkommen still, so als könnte jeder Laut, den er von sich gab, auf einen Schlag alles beenden.

Das Ferienhaus, das wir gemietet hatten, war klein und warmes Wasser gab es nur tagsüber. Dafür  jedoch lag es direkt an der Küste und der nächste Nachbar war mehr als einen guten Steinwurf entfernt.
Die Dusche war von mehr Spinnen bewohnt, als man in einem Stück Klopapier hätte zerdrücken können und es dauerte zwei Tage, bis Felix dazu zu bewegen war, sie zu benutzen.
Im Dorf war das Essen teuer, aber die Menschen waren von einer herben, freundlichen Art.
Abends aßen wir zusammen an dem kleinen Holztisch in der Diele frisches Brot und waren uns durchaus bewusst, dass wir uns eigentlich hätten erholen müssen.
Trotzdem- Felix wollte das große Bett im Erdgeschoss und bekam es. Im ersten Stock standen zwei getrennte Betten; wir hätten sie zusammenschieben können, aber unausgesprochen stand der Entschluss im Raum, das nicht zu tun.

Der Tag unseres Strandspaziergangs war der erste, an dem wir allmählich zu begreifen schienen, was Urlaub eigentlich war.
Um den Strand überhaupt zu finden, musste man einen guten Kilometer zerklüftet felsige, moosbewachsene Küste hinter sich bringen, die immer wieder mit kleinen Sümpfen und im hohen Gras versteckten Steinen überraschte.
Sie war mit Felix vorausgegangen zu einem Stück Weideland, dass an die Küste grenzte. Bis heute bin ich mit Verwunderung erfüllt ob der Tatsache, dass Kinder von jeder Art Tier sofort begeistert sind; egal, wie desinteressiert es auch aussehen mag.
Ich suchte langsam meinen Weg durch Moss und Steine, während zu meiner Linken das Meer gegen die Küste brach, als wollte es sie zerschmettern.
Kurz blieb ich an einer kleinen Bucht stehen, wo irgendjemand in mühsamer Arbeit einen kleinen Steg aus Steinen errichtet hatte. Jetzt war er verwittert und eingefallen und sah nicht so aus, als ob dort nochmal ein Boot festmachen würde.
Irgendwann hörte ich Felix´ begeisterte Rufe; er hatte ein altes Haus gefunden, ganz aus Steinen errichtet und zur Hälfte eingefallen, aber dennoch erkennbar.
Sie konnte seine Begeisterung sichtlich nicht teilen, traute dem eingefallenen Gebilde nicht und saß lieber an der Küste, um den Wellen zuzusehen. Ich raffte mich schließlich auf, um mir mit dem Jungen das Gebäude anzusehen. Natürlich war nichts darin als noch mehr Steine, trotzdem war er fasziniert und erkundete jeden Winkel.
Wenn ich die Zeit gehabt hätte, dachte ich in diesem Moment, hätte ich ihn gerne aufwachsen gesehen. So war ich nur ein Zaungast gewesen, hatte ihn zu anderen Menschen gefahren, die ihn für mich erzogen, ihn für mich fütterten, ihm vorlasen, ihm zuhörten.

Wir verließen das Haus, dreckig und erschöpft, als ihm die Fragen ausgegangen waren.
Warum hält das hier? Wo ist die Heizung? Stand hier der Fernseher?
Sie saß immer noch auf einem Stein und sah in die Weite, ohne uns zu beachten.
Auf dem Rückweg hörte ich Musik und versuchte, Felix und Sie zu ignorieren. Es war zu perfekt, wie das Meer auf die Felsen schlug, ich selbst mich in einem Meer aus Gras und Wind befand und die Musik sich nicht einfügte, sondern Teil der Umgebung zu sein schien.
Während meine Füße ihren Weg wie von selbst fanden, Sie unentwegt von rechts auf mich einredete, sah ich nichts anderes, als körperlose Finger auf einer Klaviatur. Sie drückten die Tasten nicht, schlugen sie nicht an, sie schienen sich nur gemeinsam mit ihnen zu bewegen, wenn die Töne es für richtig hielten. Läufe wie Gischt perlten meinen Hals hinunter, Akkorde brachen sich an mir und weichten mich langsam auf, bis ich Angst hatte, in einem der kleinen Moore zu versinken, die überall im hohen Gras versteckt lagen.
Ihr totenblasses Gesicht und ihre Schreie rissen mich plötzlich in die Wirklichkeit     zurück.
Als wäre alles Blut aus ihrem Körper gesogen, stand Sie am Rand der Bucht mit dem kleinen Steg und rief irgendetwas unverständliches hinunter.
Adrenalinbeschleunigt war ich sofort neben ihr und riss die Kopfhörer aus den Ohren.
Die Ebbe hatte das Wasser aus der Bucht gesogen und den schimmlig grünen, mit Algen bedeckten Grund freigelegt. Jetzt sah ich auch, warum Sie so schrie-
Ziemlich in der Mitte der Vertiefung lag der Kadaver irgendeines Tieres, vermutlich ein Schaf. Das Salzwasser hatte Gesicht und Hals bis zur Brust von Fleisch und Haut befreit, sodass die Knochen bleich und glänzend freilagen. Der Schädel grinste aus leeren Augenhölen und mit blankweißen Zähnen; vielleicht darüber, dass die Fleischreste, die den hinteren Teil des Kadavers noch bedeckten, aussahen, als habe man einen löchrigen Sack über das Skelett gestülpt?
Sie rief, ich solle etwas tun, der Junge höre nicht, ich verstand nicht.
Felix stocherte mit einem morschen Stück Holz im Brustkorb des Tieres herum, aus dem ein mattschwarzer Saft in die Algenreste am Boden lief.
Schulterzuckend stieg ich die felsige Böschung auf den Grund der Bucht hinab zu Felix, der begeistert rief, ich solle mir auch einen Stock suchen.
Schließlich tat ich, was von mir erwartet wurde, packte ihn, und trug ihn die Böschung hinauf, den ganzen Weg zurück zum Haus, schweigend.
Dort zog er sich, verständnislos und weinend, in sein Zimmer zurück und kam bis zum nächsten Morgen nicht mehr heraus.
An diesem Abend saßen wir, zum ersten Mal seit bestimmt einem halben Jahr, wieder zu zweit und aßen zu Abend.
„Was war das vorhin?“ fragte Sie nur.
Ich zuckte die Schultern und stellte mir vor, wie es wäre, das Ferienhaus alleine gemietet zu haben. Abends würde ich Filme mit Robert DeNiro anschauen, auf der kleinen Mauer vor dem Haus am Meer sitzen und Musik hören. Nachts würde ich alle Fenster offenlassen, um das Meer zu hören und erst nach Sonnenuntergang schlafen gehen, weil das gesünder ist.
Ich würde über die Steine an der Küste klettern, ausrutschen und mir Haut abschürfen und Mittwochs in den Pub im Dorf fahren, um mit den Einheimischen Fußballspiele anzusehen.
„Du hörst mir nicht zu“ sagte Sie und riss ihr Brot entzwei wie das Schicksal zwei Liebende.
Ich schüttelte den Kopf.
„Es war nur ein totes Schaf.“


Bearbeitete Version:

Ebbe

Der Tag unseres Strandspaziergangs war der erste, an dem wir allmählich zu begreifen begannen, was Urlaub eigentlich war.

Um den Strand überhaupt zu finden, musste man einen guten Kilometer zerklüftet felsige, moosbewachsene Küste überwinden.

Sie war mit Felix vorausgegangen zu einem Stück Weideland, das an die Küste grenzte. Bis heute bin ich überrascht, dass Kinder von jeder Art Tier sofort begeistert sind.

Ich suchte langsam meinen Weg durch Moos und Steine, während zu meiner Linken das Meer gegen die Küste brach, als wollte es sie zerschmettern.

Kurz blieb ich an einer kleinen Bucht stehen, wo irgendjemand in mühsamer Arbeit einen kleinen Steg aus Steinen errichtet hatte. Jetzt war er eingefallen und sah nicht so aus, als ob dort nochmal ein Boot festmachen würde.

Irgendwann hörte ich Felix´ begeisterte Rufe; er hatte ein altes Haus gefunden, ganz aus Steinen errichtet und zur Hälfte eingestürzt, aber dennoch erkennbar.

Sie konnte seine Begeisterung sichtlich nicht teilen,interessierte sich nicht für die Ruine und saß lieber an der Küste, um den Wellen zuzusehen. Ich raffte mich schließlich auf, um mir mit dem Jungen das Gebäude anzusehen. Natürlich war nichts darin als noch mehr Steine, trotzdem war er fasziniert und erkundete jeden Winkel.

Warum hält das hier? Wo ist die Heizung? Stand hier der Fernseher?

Wir verließen das Haus, dreckig und erschöpft, als ihm die Fragen ausgegangen waren. Wenn ich die Zeit gehabt hätte, dachte ich in diesem Moment, hätte ich ihn die letzten Jahre gerne aufwachsen gesehen. So war ich nur ein Zaungast gewesen, hatte ihn zu anderen Menschen gefahren, die ihn für mich erzogen, ihn für mich fütterten, ihm vorlasen, ihm zuhörten.

Sie saß immer noch auf einem Stein und sah in die Weite, ohne uns zu beachten.

Auf dem Rückweg hörte ich Musik und versuchte, Felix und Sie zu ignorieren.

Ihr totenblasses Gesicht und ihre Schreie rissen mich plötzlich in die Wirklichkeit zurück.

Als wäre alles Blut aus ihrem Körper gesogen, stand Sie am Rand der Bucht mit dem kleinen Steg und rief irgendetwas Unverständliches hinunter.

Ich war sofort neben ihr und riss die Kopfhörer aus den Ohren.

Die Ebbe hatte das Wasser aus der Bucht gesogen und den schimmlig grünen, mit Algen bedeckten Grund freigelegt. Jetzt sah ich auch, warum Sie so schrie-

In der Mitte der Vertiefung lag der Kadaver irgendeines Tieres, vermutlich eines Schafs. Das Salzwasser hatte Gesicht und Hals bis zur Brust von Fleisch und Haut befreit, sodass die Knochen bleich und glänzend freilagen. Der Schädel grinste aus leeren Augenhölen und mit blankweißen Zähnen; die Fleischreste, die den hinteren Teil des Kadavers noch bedeckten, sahen aus, als habe man einen löchrigen Sack über das Skelett gestülpt.

Sie rief, ich solle etwas tun, der Junge höre nicht. Ich verstand nicht.

Felix stocherte mit einem morschen Stück Holz im Brustkorb des Tieres herum, aus dem ein mattschwarzer Saft in die Algenreste am Boden lief.

Schulterzuckend stieg ich die felsige Böschung auf den Grund der Bucht hinab zu Felix, der begeistert rief, ich solle mir auch einen Stock suchen.

Schließlich tat ich, was von mir erwartet wurde. Ich packte ihn, und trug ihn die Böschung hinauf, den ganzen Weg zurück zum Haus, schweigend.

Dort zog er sich, verständnislos und weinend, in sein Zimmer zurück und kam bis zum nächsten Morgen nicht mehr heraus.

An diesem Abend saßen wir, zum ersten Mal seit bestimmt einem halben Jahr, wieder zu zweit und aßen zu Abend.

„Was war das vorhin?“ fragte Sie nur.

Ich zuckte die Schultern und stellte mir vor, wie es wäre, das Ferienhaus alleine gemietet zu haben. Abends würde ich Filme mit Robert DeNiro anschauen, auf der kleinen Mauer vor dem Haus am Meer sitzen und Musik hören. Nachts würde ich alle Fenster offenlassen, um das Meer zu hören und erst nach Sonnenuntergang schlafen gehen, weil das gesünder ist.

Ich würde über die Steine an der Küste klettern, ausrutschen und mir Haut abschürfen und mittwochs in den Pub im Dorf fahren, um mit den Einheimischen Fußballspiele anzusehen.

„Du hörst mir nicht zu“ sagte Sie und riss ihr Brot entzwei.

Ich schüttelte den Kopf.

„Es war nur ein totes Schaf.“

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Schön genug

Juni 9, 2009

Der Tag schwankt
droht zu bersten
strahlende Pflastersteine ebnen deinen Weg
freundlich
du trittst sie
wie ein lachendes Geschwür
steht die Sonne
wärmt dich
sticht dich
brennt
alles brennt
dein Tag zieht Risse

Was ihr wollt

Juni 7, 2009

Als Christian den Finger auf die Türklingel legt, fühlt sich der Knopf kalt an. Tut er sonst nie, es kommen immer viele Leute zu ihnen, gerade morgens.
In der Schule war die Klausurphase vorüber gewesen, er müde und geschlaucht vom vielen Lernen und unintelligenten Mitschülern.
Klar hatte er da Urlaub gebraucht, seine Eltern hatten das verstanden, ihm den Flug bezahlt und das Hotel.
Böse Menschen mochten ihn verwöhnt nennen, arrogant.
Die Stufen zur Tür wirken leer, unbestimmt, Christian schiebt den Gedanken bei Seite.
Er klingelt noch einmal, hört keine Schritte.
Gähnend schiebt er die Fußmatte ein Stück bei Seite, will das zumindest, doch da ist keine Fußmatte und auch kein Schlüssel.
Jetzt ist er genervt, müde vom Flug, der Sitznachbar hat geschwitzt wie ein Schwein, Christian auch, er geht zu den Nachbarn.
Seine Eltern seien weg, sagen die nur. Wüssten sie nicht, wohin, weg jedenfalls, vorgestern, mit vielen Koffern und Kisten.
Er fährt zusammen, ungläubig, vielleicht ist schon April. Mit müden Fingern wählt er die Handynummer seiner Mutter- eine Computerfrau sagt, dass der Anschluss nicht vergeben ist und wünscht einen schönen Tag.
Nochmal zur Haustür jetzt, Christian rüttelt daran, klingelt nochmal, fährt sich durch die Haare.
Frau Hauser von nebenan fragt, ob er noch etwas brauche, sie habe Suppe auf dem Herd.
Christian antwortet nicht, beißt auf die Lippe, beim dritten Versuch gibt die Tür nach.
Er braucht eine Dusche und Schlaf, hat keine Zeit jetzt für dieses Theater. Ein Witz auf seine Kosten, gut und schön, aber genug ist genug.
Die Tür hängt schief in den Angeln, ein Teil des Rahmens noch am Bolzen, und gibt den Blick frei auf einen leeren Hausflur. Keine Bilder, kein kleiner Holztisch mit Blumenvase, nicht einmal Teppich.
Christian blinzelt, stolpert in den Flur, hinter ihm legt der Postbote Briefe vor die Tür und wünscht einen schönen Tag.
Kein Küchentisch mit Obstschale, keine alten Zeitungen auf dem Regal, sogar die Vorhänge sind abgenommen.
Schritte poltern die Treppe herunter, Christian atmet aus, dann wieder ein, es ist nicht sein Vater.
Sein Name sei Jülich und er würde die Tapeten mitnehmen sagte ein Mann. Oben sei er schon fertig, er komme morgen wieder. Einen schönen Tag wünsche er noch.
Christian nimmt ihn nicht wahr, stützt sich sich an der Wand ab, keucht.
Dort vorne, in der Mitte des großen Wohnraums, der jetzt aussieht wie eine Höhle, hatte sein Vater gestanden. Die Stirn in Zornesfalten gelegt hatte er sich gegen das Businessclass- Ticket verwehrt und dabei auf den Tisch geschlagen.
Verschwinde doch, verschwindet alle, hatte Christian nur gebrüllt im Gehen, und macht, was ihr wollt.

Walzer

Juni 3, 2009

Erschöpfungslos
Schweiß ist unsere Musik
wir tanzen und tanzen

das Peitschenorchester der Sklaventreiber
spielt auf
ab
spielt uns nieder

der Galgen spendet uns Schatten
in hyazinthener Nacht
wir tanzen und tanzen

um den Galgen
um dem Galgen
zu entkommen

wir tanzen und lachen
bis die Peitsche uns entwest

sieh, sie hängen schon
grinst die gehörnte Geißel
„Demut“

und wir tanzen und tanzen

2/2

Juni 1, 2009

Dieses Wochenende war ich wieder in Wolfenbüttel, wo ich eine Reihe Workshops für kreatives Schreiben besuche.

Im Laufe der kommenden Tage könnt ihr mal reinschauen, und sehen, was so rausgekommen ist dabei.

2/2

Das Klackern meiner Absätze auf Asphalt, die Haare windzerzaust, dich interessiert das nicht. Du bist auf deine eigene Art oberflächlich.
Du öffnest die Tür. “Wir müssen über die Arbeit reden.” sage ich.
Du wiegst den Kopf, kahl und kantig, und lässt mich rein.
Ich will meine Jacke aufhängen, du beäugst sie kritisch, misst ab, rückst sie zurecht.
Als du nicht hinsiehst, stelle ich die kleine Tasche ab; ich weiß, du magst sie nicht, behalte sie trotzdem.
Du gehst ins Wohnzimmer, an dem nichts Wohnliches ist. Es wirkt wie eine Ansammlung von Raum, die jemand hier vergessen hat, Kommazahlen einer Rechnung, tot und ohne Aussage.
Stühle stehen in rechtem Winkel zur Wand, anderen Stühlen, einem Tisch, parallel, symmetrisch, du setzt dich.
Ich achte darauf, nichts zu verrücken, als ich Platz nehme; es gibt genug davon.
„Ich brauche Zeit.“ Selbst deine Sprache ist kahl, dein Hass auf Überflüssiges ist allgegenwärtig.
„Wir müssen veröffentlichen, bald. Ehrlich gesagt, mir geht die Geduld aus und auch das Geld.
Hast du was zu trinken? Ich verdurste.“
Dann stehst du auf, gehst, kommst wieder, ein Glas Wasser in der Hand.
Sogar deine Gläser sind eckig.
Runde Dinge machen dir Angst, sie passen nicht ins System, schwer einordbar, du vermeidest sie.
„Meine Argumentation hat Lücken. Die Formeln stimmen, aber die Herleitung ist nicht eindeutig.“
Du trägst einen Anzug, deinen einzigen Anzug, er ist grau, und ich finde ihn scheußlich.
Ich habe dir einen zweiten zum Geburtstag geschenkt, du hast ihn weggelegt, vielleicht sogar mir zu Liebe behalten.
Im Schlafzimmer steht ein Schrank, größtenteils leer, eine Krawatte hängt darin, Rautenmuster, rechtwinklig.
Auch dein Wohnzimmer hast du zusammengestrichen wie eine Gleichung, den Teppich weggekürzt.
Ich habe vergessen, was du zuletzt gesagt hast, kann es nicht zugeben, du würdest es nicht verstehen. Stumm lege ich die Hand auf dein Knie.
Du sprichst nicht, überdenkst mögliche Reaktionen. Endlich bewegt sich deine Hand, bedeckt meine, warm, sanft.
„Morgen Abend gehen wir essen.“ sagst du und rückst ein Blatt auf dem Tisch zurecht.
„Du hasst das Restaurant.“
Du nickst.
„In zwei Tagen werde ich fertig sein. Ich schicke dir eine Kopie.“
Deine warme Hand liegt noch immer auf meiner, du willst, dass ich gehe.
Früher hast du mich auf eine unbestimmte Art fasziniert, wie ein seltenes, scheues Tier. Doch du hast deinen Käfig selten verlassen; nie, wenn du nicht musstest. Ich verbrauche mich an dir, komme dir nicht nahe.
Du weißt, was du willst, bekommst es- ich bin nicht Teil deiner Gleichung.
„Ich gehe jetzt. Arbeite nicht mehr zu viel.“
Du nickst.
Als ich aufstehe, rückst du meinen Stuhl zurecht, rückst mich zurecht, ordnest die Sätze, die noch im Raum stehen.
Auch uns hast du weggekürzt, kleinschrittig, logisch.
Ich will dich küssen zum Abschied, entscheide mich dagegen, gehe nur.
Ich bin deine Asymptote.

Momentan noch titellos

Februar 1, 2009

I

Als er an einem Donnerstagmorgen U- Bahn fuhr, konnte er seine Finger nicht mehr spüren.
Ein Mann und eine Frau auf der Sitzbank gegenüber sahen immer wieder befremdet zu ihm herüber,  während er seine tauben Hände massierte, dann lange anstarrte und schließlich gegen die Eisenstange schlug, an der sich einige stehende Fahrgäste festhielten.
Eine Weile saß er stumm und als der Mann und die Frau die Bahn verlassen hatten, merkte er, dass er seine Station verpasst hatte.
Während er auf den Zug nach Hause wartete, spürte er, wie seine Füße langsam kalt wurden, kalt, bis sie sich stumpf anfühlten  und tot als wären es nicht seine.
Eine alte Frau mit Hund stieß ihn an und er fiel in den Dreck.
Züge fuhren ein und aus wie im Zeitraffer, er lag auf den Fliesen und blickte an die graue Decke, während sein Rücken nach und nach aufhörte zu schmerzen.
Schließlich stand er auf und ging nach Hause, zu Fuß.
Der stechende Wind machte ihm nichts und er brauchte die Hände nicht nicht in die Taschen zu stecken.

II

Beim Abendessen fragte sie ihn plötzlich, warum er so schreie.
„Ich schreie nicht.“ schrie er und blickte vom Essen auf.
„Du schreist.“ sagte sie nur und es war das vorletzte Mal, dass sie sprachen.
Als er abends einige Notizen diktierte und sie anschließend abhörte, drang nichts weiter aus dem  Lautsprecher, als wortloses Gebrüll.
In dieser Nacht saß er lange am Schreibtisch, versuchte zu sprechen,  irgendetwas, verstand sich nicht.
Sein Bett war kalt und die Laken rau, doch das spürte er nicht.
Auf der Arbeit störte es niemanden, dass er schwieg und als ein anderer fragte, ob er heute in die Bar gehe, blickte er nur zu Boden, bis er wieder allein war.
An diesem Abend kam sie und holte ihre Sachen und obwohl ihre Lippen sich lange bewegten, konnte er nichts hören als „Ich.“
Auch die Nachbarn und Kollegen sagten fortan nur noch „Ich“, immerzu, aber es störte ihn nicht, denn es war, was sie immer gesagt hatten.

III

Das Leben um ihn dauerte an, aber er fühlte es schon bald nicht mehr.
Oft saß er einfach nur da und betrachtete Dinge, die ihn nicht interessierten.
„Es ist gut“ dachte er, „das interessiert mich nicht und endlich habe ich es begriffen.“
An einem Mittwoch betrachtete er sich im Spiegel und merkte, wie fade er geworden war.
Seine Farben wirkten müde und seine Konturen schwach.
Als er schließlich fast zur Gänze verblasst war, begann ihm das Essen zunehmend schwerer zu werden. „Ich sollte etwas essen“ dachte er manchmal und tat es doch nicht.
So begann er auch außerhalb des Spiegels zu verblassen, nahm es nicht wahr.
Als er tot war, vergruben sie ihn in der Erde und er lächelte traurig dazu.
Einige Tage zuvor hatte er in der Stadt ein Kind gesehen, dessen Farben noch leuchteten, so hell fast, dass es ihn blendete. Es hatte die dicken Fäustlinge ausgezogen und dann lange die Hände betrachtet.

Vormittagsbewohner

Januar 29, 2009

Ab zehn Uhr leben Menschen in dieser Stadt.
Bevölkern Einkaufspassagen, sitzen in Cafes, lesen Bildzeitung.
Es scheint ihnen keinen Spaß zu machen, mehr so ein berufsmäßiges leben, lesen, sitzen.
Ein Mann mit Kinderwagen schaut verfolgt auf, als er angeblickt wird und dann weg. Nicht mal in Ruhe arbeiten kann man hier.
Das ist so ein Kaff, denkt ein Tourist, wo Leute ihre Autos abstellen, um dann in richtige Städte zu fahren. Ein 40.000- Seelen Parkplatz.

Berufshalbstarke stehen in einer Gasse und rauchen lustlos, weil ihnen niemand zusieht.
„Haste ne Schnellfickerhose an oder was?“ meint einer und erntet Unverständnis.
„Er ist neu“ entschuldigt ein anderer, dann erklärt er: „Satzfetzen ohne Zusammenhang erst ab 12, verstanden?“
Der Neue hat nicht verstanden, er ist dumm.
Seine Branche ist auf dem absteigenden Ast, der Job ist schlecht bezahlt und die Aufstiegschancen sind mies.

Zwei Straßen weiter hat der Gemüsehändler eine Barrikade errichtet und staut im Damm- Stil die Vormittagsbewohner auf. Das gehört nicht zur Routine, stört aber niemanden, weil alle wissen, der Gemüsehändler ist bekloppt.
Ein Mann in olivgrüner Jacke beugt sich mit kritischem Blick über eine Gurke, befindet sie für qualitativ minderwertig und kauft sie trotzdem.
Heute Abend kommt sie eh zurück auf den Stand.