Schuldfrage

Dezember 7, 2009

Es ist dunkel.
Sie sagen, jemand habe den Karren an die Wand gefahren.
Jaja, wissen wir alles, schön und gut.
Du kannst doch nicht einfach tun, als wäre nichts gewesen.
Ist doch nichts gewesen.
Es ist dunkel.
Mein Karren war das jedenfalls nicht.
Wenn Gott hier wäre, hätte er wenigstens mal bescheidsagen können.
Da kann ich jetzt auch nichts mehr machen, ist zu spät alles.
Sollten wir nicht wenigstens jemanden anrufen?
Weshalb?
Thats me in the spot- light-, losing my religion.

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Karl

Dezember 6, 2009

„Die Welt ist ein schneller Ort.“ sagt Karl.

„Da musst du aufpassen, sonst- zack.“ Er schlägt die Handkanten aufeinander, ein unsichtbarer Kopf rollt.

Karl schlägt Köpfe ab. So ein Mensch ist das.

Oscar lächelt. Er hofft, dass es ein bisschen traurig aussieht.

Oscar möchte gerne mit allen gut zurechtkommen. Auf der Arbeit füllt er immer die Kaffeemaschine nach. „Wenn du möchtest, kann ich das runterbringen.“ sagt Oscar.

So ein Mensch ist das.

Pointe gibt es nicht.

So, aus gegebenem Anlass (und weil es sich, zugegebenermaßen, als für meine Visits sehr zuträglich erwiesen hat) hier nochmal ein Stück meiner schulischen Arbeit. Vielleicht hilft das ja jemandem weiter, der zufällig… ach vergessts.

Gedichtinterpretation:

Joseph von Eichendorff- Zwielicht

Dämmrung will die Flügel spreiten,
Schaurig rühren sich die Bäume,
Wolken ziehn wie schwere Träume –
Was will dieses Graun bedeuten?

Hast ein Reh du lieb vor andern,
Laß es nicht alleine grasen,
Jäger ziehn im Wald und blasen,
Stimmen hin und wider wandern.

Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug und Munde,
Sinnt er Krieg im tückschen Frieden.

Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neugeboren.
Manches bleibt in Nacht verloren –
Hüte dich, bleib wach und munter!
(1812)

Das von mir zu analysierende Gedicht trägt den Titel „Zwielicht“ und wurde 1812 von Joseph von Eichendorff verfasst, somit ist es in die literarische Epoche der Romantik einzuordnen.
Diese literarische Bewegung zu Beginn des 19. Jh. zeichnete sich vor allem durch eine poetisch verklärte Rückkehr in die Motivik der Natur aus, bei der dem Leser oft absichtlich Raum für eigene Interpretation gelassen wurde.
Die romantischen Lyriker lehnten die barocke Regelpoetik strikt ab und wandten sich auch gegen gesellschaftliche Normen und Werte sowie den strikten Rationalismus der Aufklärung, während ihre Werke inhaltlich das Irrationale, Unbewusste thematisierten, um so eine remystifizierung der vom Menschen entauberten Welt zu erreichen.

Formal ist „Zwielicht“ in vier Quartette gegliedert, die jeweils in einem umarmenden Reim angeordnet sind und in einem 4hebigen Trochäus betont werden.
Gerade dieses umschlingende Reimschema unterstützt auch den inhaltlichen Aufbau des Gedichts, indem es dessen Gliederung auf der Mikroebene üernimmt:
Die erste Strophe des Gedichts stellt dabei eine Einleitung dar, in der das Naturmotiv des „Zwielicht“ eingeführt wird. Die zweite und dritte Strophe erläutern dieses Motiv, während die letzte wieder auf der Metaebene an den Leser bzw. vom lyrischen Ich an sich selbst gerichtet ist.
Intention des Autors war es, in seinem Gedicht über die Metapher des Zwielichts, mit der er sein Werk überschreibt, auf Tücke und für den Menschen oft unverständliche Arglist seiner Umwelt hinzuweisen und den Menschen als einzige Vertrauensperson für sich selbst aufzuzeigen.

Die erste Strophe beginnt mit der Personifizierung der Dämmerung, die „die Flügel spreiten“ (Z. 1) will und so etwas unheimliches, besitzergreifendes und unwirkliches wird.
„Wolken ziehn wie schwere Träume“ heißt es in der dritten Zeile. Die Wolken sind hier als eine Metapher für den Albtraum und die Abgründe des menschlichen Geistes zu verstehen und entschlüsseln in dieser Metapher die Tatsache, dass das Naturbild in „Zwielicht“ seinerseits eine Metapher darstellt- für den menschlichen Geist.
Durch einen Gedankenstrich mit der vorhergehenden Strophe verbunden und so den Bezug zur Albtraum- Metapher herstellend, wendet sich das lyrische Ich nun mit „Was will dieses Graun bedeuten?“ (Z.4) direkt an den Leser. Bewusst wird eine eindeutige Wertung des Wortes „Graun“ (Z. 4) ausgelassen- es könnte hier sowohl innerhalb des Naturbilds für das Abend- oder Morgengrauen stehen, als sich auch rückwirkend im Bezug auf die „Träume“ (Z. 3) erneut auf die Zwiespältigkeit und Unverständlichkeit menschlichen Denkens und Handelns beziehen.
Die bedrohlich aufziehende Dämmerung, deren tieferer Sinn dem lyrischen Ich und auch dem Leser zu diesem Zeitpunkt unverständlich bleibt, wird in den folgenden 2 Strophen metaphorisch als Bedrohung des Zwischenmenschlichen erläutert.
Die zweite Strophe des Gedichts thematisiert die Bedrohung der Liebe durch Konkurrenz und Versuchungen abseits der Pfade der eigenen Beziehung.
Mit dem Bild „Hast ein Reh du lieb vor andern, lass es nicht alleine grasen“ (Z. 5, 6) setzt die zweite Strophe ein und macht deutlich, wie das Metrum des Trochäus die Appelle des lyrischen Ichs durch Betonung der ersten Silbe unterstreicht.
Das Bild des Rehs, welches für Zartheit, Unschuld, aber auch für das wehrlose Opfer steht, ist metaphorisch klar dem oder der Geliebten des Angesprochenen zugeordnet.
Im Gesamtkontext des Gedichtes, das gerade in der dritten Strophe vermittelt, niemandem zu trauen als sich selbst, ist jedoch davon auszugehen, dass es sich bei den appellativen Äußerungen des lyrischen Ichs um Warnungen an sich selbst, bei dem Gedicht also um einen Monolog handelt.
„Lass es nicht alleine grasen“ (Z. 6) appelliert das lyrische Ich also an sich selbst, wachsam zu sein, und die Geliebte vor den „Jägern“, seinen Konkurrenten, zu schützen.
Das Bild der durch den Wald schreitenden Jäger in Zeile 7 steht für die Versuchungen, die durch das Abkommen vom rechten Weg stehen.
Zwar ist das Bild des Waldes eindeutig als eines der Hauptmotive der Romantik zu verstehen. Dieses wird jedoch hier nicht nur poetisch verklärt wiedergegeben, das Gedicht thematisiert auch die Gefahren, die durch die Abkehr von gesellschaftlichen Normen und Werten entstehen können; eine Zweischneidigkeit, die sich hervorragend auf die metaphorische Bedeutung des Gedichttitels beziehen lässt.
Die Hörner der Jäger, die „ziehn im Wald und blasen“ (Z. 7) stehen dabei für die von der Abkehr von gesellschaftlichen Werten ausgehende Versuchung.
Die zweite Strophe endet mit der Zeile „Stimmen hin und wieder wandern“ (Z. 8), die mit dem Motiv der nicht zuordbaren, körperlosen Stimmen für die neue, vom lyrischen Ich als gefährlich empfundene Unverfänglichkeit der Liebe steht.
Am eindeutigsten beschäftigt sich die dritte Strophe des Gedichts mit der Arglist und Tücke, die sich hinter einer scheinbar freundlichen Fassade verbergen, was sich erneut auf das Motiv des Zwielichts beziehen lässt.
„Hast du einen Freund hienieden, trau ihm nicht zu dieser Stunde“ (Z. 9) appelliert das lyrische Ich, wie bereits erläutert, nicht an Leser, sondern vielmehr an sich selbst, weil es, wie es in diesen zwei Versen ausgedrückt wird, sonst niemandem trauen kann.
Die beiden letzten Verse der dritten Strophe drücken dann explizit das unverständliche, hintergründig heimtückische des menschlichen Geistes aus:
„Freundlich wohl mit Aug und Munde, sinnt er Krieg im tückschen Frieden“ (Z. 11, 12), erläutert das lyrische Ich und erreicht durch die antithetische Gegenüberstellung von „Krieg“ und „tückschem Frieden“, also einem von vornherein nur vorgetäuschten Friedenszustand mit böswilliger Absicht, den Climax der Zwielichtmetaphorik des Gedichtes.
Während also das lyrische Ich sich in zweiter und dritter Strophe die Gefahren seine Umwelt vor Augen führt, kehrt es in der letzten Strophe wieder auf die Metaebene zurück und erreicht, das Erkannte im Überblick betrachtend, einen abschließenden warnenden Appell an sich selbst, der zum Ausdruck bringt, dass es durch seinen Monolog zu einem tieferen Verständnis des „Zwielichts“ gelangt ist.
Dabei sind erster und zweiter Vers der Strophe sich noch einmal antithetisch gegenübergestellt.
„Was heut müde gehet unter, hebt sich morgen neugeboren“ (Z. 13, 14) folgert das lyrische Ich in nun eher erläuterndem Ton; die Gegenüberstellung von „heut müde“ und „morgen neugeboren“, sowie „gehet unter“ und „hebt sich“ macht die Antithese vollkommen.
Zudem drückt sich in diesen ersten beiden Zeilen ein gewisser Grundoptimismus aus, der auch durch den Reim „morgen“ – „neugeboren“ innerhalb der 14. Zeile unterstützt wird.
Dieser wird jedoch seinerseits wieder den letzten Zeilen des Gedichts gegenübergestellt, in denen das lyrische abschließend an sich selbst appelliert:
„Manches bleibt in Nacht verloren- hüte dich, bleib wach und munter!“ (Z. 15, 16)
Der Appell also, trotz positiver Grundstimmung seiner Umwelt nicht zu vertrauen.
„Manches“ in Zeile 18 lässt dabei absichtlich unklar, was verborgen bleibt und wahrt so einen drohenden, unheimlichen Unterton.
Durch die Betonung des Trochäus besonders verstärkt werden in der letzten Zeile des Gedichts die Verben „Hüte“ und „bleib“, was den Appellcharakter dieses Ausrufs final unterstreicht.

Insgesamt handelt es sich bei „Zwielicht“ um ein für die Romantik typisches Gedicht, weil es Naturmotivik und unklare Faszination an den Abgründen des Menschlichen unter der Aufforderung, nur sich selbst zu trauen, zusammenbringt.
Das Naturmotiv stellt dabei, sowohl in der ersten Strophe, als auch im Mittelteil des Gedichts, keine wirklichen Naturerlebnisse des lyrischen Ichs dar, sondern dient nur zu Erläuterung seiner Seelenzustände und der metaphorischen Unterstreichung seiner Appelle.

Begegnung/ Ebbe

August 10, 2009

Die Zeit im Literaturstipendium Wolfenbüttel (Literaturlabor Wolfenbüttel, homepage: http:/www.lilawo.de) ist leider für mich zu Ende. Immerhin, ich habe viel gelernt, unter anderem, dass das Schreiben ein Handwerk ist, das man auch wirklich jemandem beibringen kann.

Das letzte Treffen wurde von einem Lektor des Beck- Verlages betreut, der mit wirklich erstaunlicher Sicherheit Spreu und Weizen auseinanderhalten konnte, um so aus merkwürdigen/ unklaren Texten wirklich gute, lesbare Sachen zu formen.

Hier eines der wahrscheinlich besten  Beispiele, einmal in der Original- Version mit dem bisherigen Titel „Begegnung“, dann in der bearbeiteten Version mit dem neuen und inhaltlich schärferen Titel „Ebbe“.

Original:

Begegnung

Es war im 12. Jahr unserer Ehe, als Sie schließlich beschloss, das Ersparte unserer reiselosen Jahre zusammenzunehmen und Urlaub zu machen.
Felix beschwerte sich natürlich, weil er nicht richtig wusste, was das überhaupt war und „Urlaub machen“ sich anstrengend anhörte. Überhaupt war ich über seine bisherige Kindheit zu der Erkenntnis gelangt, mit „Felix“ bei der Namenswahl danebengegriffen zu haben, denn er war selten glücklich.
Sicher lag das an uns, sicher. Wir rafften und rafften, Geld, Zeit, uns zusammen, die Kleider, um in den Urlaub zu fahren. Schließlich mussten wir das Raffen so gewohnt gewesen sein, dass es uns nicht mehr wirklich auffiel, uns keine Anstrengung mehr bereitete und immer mehr zu einem Zustand als zu einer Tätigkeit wurde.
Konnte ein Kind so glücklich aufwachsen? Wir wussten es nicht. In unseren Köpfen lag das Kindsein schon so weit zurück, dass nicht mehr als ein fader Nachgeschmack davon geblieben war.
Wir arbeiteten Tage und Nächte, ohne erkennbar voranzukommen, bauten schließlich ein Haus und bekamen Felix. Bei all der Arbeit, die es zu organisieren galt, musste schließlich auch er organisiert werden: Wer fährt ihn wann zur Schule, wann kommen seine Freunde, um wie viel Uhr ist Schlafenszeit? Unsere Tage rasten dahin, bis wir von der Arbeit auf die Arbeit fuhren, bis Felix zu einem weiteren Job geworden war. Sicher konnte das nicht spurlos an ihm vorübergegangen sein.
Als wir also im Flugzeug saßen, war er, wohl vor lauter Überraschung, wie viel Zeit wir plötzlich zusammen verbrachten, vollkommen still, so als könnte jeder Laut, den er von sich gab, auf einen Schlag alles beenden.

Das Ferienhaus, das wir gemietet hatten, war klein und warmes Wasser gab es nur tagsüber. Dafür  jedoch lag es direkt an der Küste und der nächste Nachbar war mehr als einen guten Steinwurf entfernt.
Die Dusche war von mehr Spinnen bewohnt, als man in einem Stück Klopapier hätte zerdrücken können und es dauerte zwei Tage, bis Felix dazu zu bewegen war, sie zu benutzen.
Im Dorf war das Essen teuer, aber die Menschen waren von einer herben, freundlichen Art.
Abends aßen wir zusammen an dem kleinen Holztisch in der Diele frisches Brot und waren uns durchaus bewusst, dass wir uns eigentlich hätten erholen müssen.
Trotzdem- Felix wollte das große Bett im Erdgeschoss und bekam es. Im ersten Stock standen zwei getrennte Betten; wir hätten sie zusammenschieben können, aber unausgesprochen stand der Entschluss im Raum, das nicht zu tun.

Der Tag unseres Strandspaziergangs war der erste, an dem wir allmählich zu begreifen schienen, was Urlaub eigentlich war.
Um den Strand überhaupt zu finden, musste man einen guten Kilometer zerklüftet felsige, moosbewachsene Küste hinter sich bringen, die immer wieder mit kleinen Sümpfen und im hohen Gras versteckten Steinen überraschte.
Sie war mit Felix vorausgegangen zu einem Stück Weideland, dass an die Küste grenzte. Bis heute bin ich mit Verwunderung erfüllt ob der Tatsache, dass Kinder von jeder Art Tier sofort begeistert sind; egal, wie desinteressiert es auch aussehen mag.
Ich suchte langsam meinen Weg durch Moss und Steine, während zu meiner Linken das Meer gegen die Küste brach, als wollte es sie zerschmettern.
Kurz blieb ich an einer kleinen Bucht stehen, wo irgendjemand in mühsamer Arbeit einen kleinen Steg aus Steinen errichtet hatte. Jetzt war er verwittert und eingefallen und sah nicht so aus, als ob dort nochmal ein Boot festmachen würde.
Irgendwann hörte ich Felix´ begeisterte Rufe; er hatte ein altes Haus gefunden, ganz aus Steinen errichtet und zur Hälfte eingefallen, aber dennoch erkennbar.
Sie konnte seine Begeisterung sichtlich nicht teilen, traute dem eingefallenen Gebilde nicht und saß lieber an der Küste, um den Wellen zuzusehen. Ich raffte mich schließlich auf, um mir mit dem Jungen das Gebäude anzusehen. Natürlich war nichts darin als noch mehr Steine, trotzdem war er fasziniert und erkundete jeden Winkel.
Wenn ich die Zeit gehabt hätte, dachte ich in diesem Moment, hätte ich ihn gerne aufwachsen gesehen. So war ich nur ein Zaungast gewesen, hatte ihn zu anderen Menschen gefahren, die ihn für mich erzogen, ihn für mich fütterten, ihm vorlasen, ihm zuhörten.

Wir verließen das Haus, dreckig und erschöpft, als ihm die Fragen ausgegangen waren.
Warum hält das hier? Wo ist die Heizung? Stand hier der Fernseher?
Sie saß immer noch auf einem Stein und sah in die Weite, ohne uns zu beachten.
Auf dem Rückweg hörte ich Musik und versuchte, Felix und Sie zu ignorieren. Es war zu perfekt, wie das Meer auf die Felsen schlug, ich selbst mich in einem Meer aus Gras und Wind befand und die Musik sich nicht einfügte, sondern Teil der Umgebung zu sein schien.
Während meine Füße ihren Weg wie von selbst fanden, Sie unentwegt von rechts auf mich einredete, sah ich nichts anderes, als körperlose Finger auf einer Klaviatur. Sie drückten die Tasten nicht, schlugen sie nicht an, sie schienen sich nur gemeinsam mit ihnen zu bewegen, wenn die Töne es für richtig hielten. Läufe wie Gischt perlten meinen Hals hinunter, Akkorde brachen sich an mir und weichten mich langsam auf, bis ich Angst hatte, in einem der kleinen Moore zu versinken, die überall im hohen Gras versteckt lagen.
Ihr totenblasses Gesicht und ihre Schreie rissen mich plötzlich in die Wirklichkeit     zurück.
Als wäre alles Blut aus ihrem Körper gesogen, stand Sie am Rand der Bucht mit dem kleinen Steg und rief irgendetwas unverständliches hinunter.
Adrenalinbeschleunigt war ich sofort neben ihr und riss die Kopfhörer aus den Ohren.
Die Ebbe hatte das Wasser aus der Bucht gesogen und den schimmlig grünen, mit Algen bedeckten Grund freigelegt. Jetzt sah ich auch, warum Sie so schrie-
Ziemlich in der Mitte der Vertiefung lag der Kadaver irgendeines Tieres, vermutlich ein Schaf. Das Salzwasser hatte Gesicht und Hals bis zur Brust von Fleisch und Haut befreit, sodass die Knochen bleich und glänzend freilagen. Der Schädel grinste aus leeren Augenhölen und mit blankweißen Zähnen; vielleicht darüber, dass die Fleischreste, die den hinteren Teil des Kadavers noch bedeckten, aussahen, als habe man einen löchrigen Sack über das Skelett gestülpt?
Sie rief, ich solle etwas tun, der Junge höre nicht, ich verstand nicht.
Felix stocherte mit einem morschen Stück Holz im Brustkorb des Tieres herum, aus dem ein mattschwarzer Saft in die Algenreste am Boden lief.
Schulterzuckend stieg ich die felsige Böschung auf den Grund der Bucht hinab zu Felix, der begeistert rief, ich solle mir auch einen Stock suchen.
Schließlich tat ich, was von mir erwartet wurde, packte ihn, und trug ihn die Böschung hinauf, den ganzen Weg zurück zum Haus, schweigend.
Dort zog er sich, verständnislos und weinend, in sein Zimmer zurück und kam bis zum nächsten Morgen nicht mehr heraus.
An diesem Abend saßen wir, zum ersten Mal seit bestimmt einem halben Jahr, wieder zu zweit und aßen zu Abend.
„Was war das vorhin?“ fragte Sie nur.
Ich zuckte die Schultern und stellte mir vor, wie es wäre, das Ferienhaus alleine gemietet zu haben. Abends würde ich Filme mit Robert DeNiro anschauen, auf der kleinen Mauer vor dem Haus am Meer sitzen und Musik hören. Nachts würde ich alle Fenster offenlassen, um das Meer zu hören und erst nach Sonnenuntergang schlafen gehen, weil das gesünder ist.
Ich würde über die Steine an der Küste klettern, ausrutschen und mir Haut abschürfen und Mittwochs in den Pub im Dorf fahren, um mit den Einheimischen Fußballspiele anzusehen.
„Du hörst mir nicht zu“ sagte Sie und riss ihr Brot entzwei wie das Schicksal zwei Liebende.
Ich schüttelte den Kopf.
„Es war nur ein totes Schaf.“


Bearbeitete Version:

Ebbe

Der Tag unseres Strandspaziergangs war der erste, an dem wir allmählich zu begreifen begannen, was Urlaub eigentlich war.

Um den Strand überhaupt zu finden, musste man einen guten Kilometer zerklüftet felsige, moosbewachsene Küste überwinden.

Sie war mit Felix vorausgegangen zu einem Stück Weideland, das an die Küste grenzte. Bis heute bin ich überrascht, dass Kinder von jeder Art Tier sofort begeistert sind.

Ich suchte langsam meinen Weg durch Moos und Steine, während zu meiner Linken das Meer gegen die Küste brach, als wollte es sie zerschmettern.

Kurz blieb ich an einer kleinen Bucht stehen, wo irgendjemand in mühsamer Arbeit einen kleinen Steg aus Steinen errichtet hatte. Jetzt war er eingefallen und sah nicht so aus, als ob dort nochmal ein Boot festmachen würde.

Irgendwann hörte ich Felix´ begeisterte Rufe; er hatte ein altes Haus gefunden, ganz aus Steinen errichtet und zur Hälfte eingestürzt, aber dennoch erkennbar.

Sie konnte seine Begeisterung sichtlich nicht teilen,interessierte sich nicht für die Ruine und saß lieber an der Küste, um den Wellen zuzusehen. Ich raffte mich schließlich auf, um mir mit dem Jungen das Gebäude anzusehen. Natürlich war nichts darin als noch mehr Steine, trotzdem war er fasziniert und erkundete jeden Winkel.

Warum hält das hier? Wo ist die Heizung? Stand hier der Fernseher?

Wir verließen das Haus, dreckig und erschöpft, als ihm die Fragen ausgegangen waren. Wenn ich die Zeit gehabt hätte, dachte ich in diesem Moment, hätte ich ihn die letzten Jahre gerne aufwachsen gesehen. So war ich nur ein Zaungast gewesen, hatte ihn zu anderen Menschen gefahren, die ihn für mich erzogen, ihn für mich fütterten, ihm vorlasen, ihm zuhörten.

Sie saß immer noch auf einem Stein und sah in die Weite, ohne uns zu beachten.

Auf dem Rückweg hörte ich Musik und versuchte, Felix und Sie zu ignorieren.

Ihr totenblasses Gesicht und ihre Schreie rissen mich plötzlich in die Wirklichkeit zurück.

Als wäre alles Blut aus ihrem Körper gesogen, stand Sie am Rand der Bucht mit dem kleinen Steg und rief irgendetwas Unverständliches hinunter.

Ich war sofort neben ihr und riss die Kopfhörer aus den Ohren.

Die Ebbe hatte das Wasser aus der Bucht gesogen und den schimmlig grünen, mit Algen bedeckten Grund freigelegt. Jetzt sah ich auch, warum Sie so schrie-

In der Mitte der Vertiefung lag der Kadaver irgendeines Tieres, vermutlich eines Schafs. Das Salzwasser hatte Gesicht und Hals bis zur Brust von Fleisch und Haut befreit, sodass die Knochen bleich und glänzend freilagen. Der Schädel grinste aus leeren Augenhölen und mit blankweißen Zähnen; die Fleischreste, die den hinteren Teil des Kadavers noch bedeckten, sahen aus, als habe man einen löchrigen Sack über das Skelett gestülpt.

Sie rief, ich solle etwas tun, der Junge höre nicht. Ich verstand nicht.

Felix stocherte mit einem morschen Stück Holz im Brustkorb des Tieres herum, aus dem ein mattschwarzer Saft in die Algenreste am Boden lief.

Schulterzuckend stieg ich die felsige Böschung auf den Grund der Bucht hinab zu Felix, der begeistert rief, ich solle mir auch einen Stock suchen.

Schließlich tat ich, was von mir erwartet wurde. Ich packte ihn, und trug ihn die Böschung hinauf, den ganzen Weg zurück zum Haus, schweigend.

Dort zog er sich, verständnislos und weinend, in sein Zimmer zurück und kam bis zum nächsten Morgen nicht mehr heraus.

An diesem Abend saßen wir, zum ersten Mal seit bestimmt einem halben Jahr, wieder zu zweit und aßen zu Abend.

„Was war das vorhin?“ fragte Sie nur.

Ich zuckte die Schultern und stellte mir vor, wie es wäre, das Ferienhaus alleine gemietet zu haben. Abends würde ich Filme mit Robert DeNiro anschauen, auf der kleinen Mauer vor dem Haus am Meer sitzen und Musik hören. Nachts würde ich alle Fenster offenlassen, um das Meer zu hören und erst nach Sonnenuntergang schlafen gehen, weil das gesünder ist.

Ich würde über die Steine an der Küste klettern, ausrutschen und mir Haut abschürfen und mittwochs in den Pub im Dorf fahren, um mit den Einheimischen Fußballspiele anzusehen.

„Du hörst mir nicht zu“ sagte Sie und riss ihr Brot entzwei.

Ich schüttelte den Kopf.

„Es war nur ein totes Schaf.“

Gottkomplex

Juli 25, 2009

Gottkomplex

Irgendjemand hatte Sinner einen Kittel übergezogen.

Der kleine Raum, in den man ihn gebracht hatte, war nicht größer als vielleicht sein Schlafzimmer, hatte gefliesten Boden und in seiner Mitte stand ein stählerner Tisch.

Beunruhigt sah er sich immer wieder um, er hatte doch keine Ahnung, was man eigentlich von ihm erwartete.

Kimmerle und ein kleiner, feister Mann, der sich als Heusch vorgestellt hatte, standen mit erwartungsvollen Mienen schweigend hinter ihm und legten ihm schließlich eine hellgrüne Schürze um.

Endlich, es hätte wenige Sekunden, aber auch Stunden gedauert haben können, wurde durch eine andere Tür ein Mann, offenbar schlafend, in den Raum geschoben und auf den Tisch gelegt.

Sinner betrachtete ihn mit einem gewissen Unbehagen; er war durchschnittlich gebaut, musste mittleren Alters, etwa 40 sein und hatte eine einsetzende Halbglatze.

Ein kleiner Strang gräulich schwarzen Haars wand sich aus seinem Schritt über den Bauchnabel bis auf seine Brust- Sinner stellte fest, dass der Mann nackt war.

Wieder sah er sich um- wer auch immer den Schlafenden in den Raum gebracht hatte, war schon verschwunden. Aus dem Augenwinkel konnte er Kimmerle, einen großen, hageren Mann, lächeln und sich durch seinen Kinnbart streichen sehen.

“Was.. was soll ich…?”

Sinner ließ den Satz unbeendet und die kleine feiste Gestalt in seinem Rücken verpasste ihm einen kräftigen Stoß, sodass er auf den Tisch zutaumelte und durch ein sehr helles Licht geblendet wurde, dass direkt darüber angebracht war.

Es fiel ihm ein Satz verschiedenster, bis auf das letzte Staubkorn gereinigter Werkzeuge auf, die auf einem kleinen stählernen Tablett neben dem Tisch lagen.

“Nur zu” vernahm er eine quäkende Stimme und war sich sicher, ohne zu wissen woher, dass es Kimmerle gewesen war.

Sinner räusperte sich, fuhr sich über das stoppelige Kinn und sagte so bestimmt, wie es ihm möglich war: “Es tut mir leid, aber ich glaube, ich würde lieber gehen.”

Hinter ihm zuckte Kimmerle die Schultern und Heusch sagte mit tiefer Stimme garnichts.

In diesem Moment begriff Sinner, dass er nicht frei war.

Er holte tief Luft und stütze sich auf den Tisch.

“Was soll ich denn tun? Entschuldigen Sie, ich weiß nicht, warum man mich hergebracht hat.”

“Wir doch auch nicht” sagte Kimmerle “Wir doch auch nicht.” und nahm sich ein Bier aus einem kleinen Kühlschrank neben der Tür.

Wenig überzeugt nahm Sinner einen Bohrer von eindrucksvoller Größe von dem Stahltablett, wog ihn einige Sekunden in der Hand und legte ihn wieder zurück.

Der Liegende regte sich nicht.

Sinner nahm ein Skalpell -zumindest glaubte er, dass es eines war- und strich mit der stumpfen Seite behutsam über das Brustbein des Schlafenden.

Hinter ihm sog Kimmerle scharf Luft ein, erschreckt hob Sinner das Skalpell, Schweiß rann ihm über die Stirn. “Was, stimmt etwas nicht?”

“Wissen wir nicht, Sinner, wissen wir nicht.” sagte Kimmerle und trank laut hörbar einen Schluck Bier.

Schließlich, es kam ihm schon so vor, als hätte er Ewigkeiten regungslos am Tisch gestanden, verließ Heusch den Raum und ließ Kimmerle und ihn allein in der Stille zurück.

“Ich denke, ich werde ihn aufschneiden.” sagte Sinner schließlich und griff das Skalpell fester.

“Was sind sie doch für ein roher Mensch.” sagte Kimmerle nur und trank noch einen Schluck Bier.

Und Sinner begriff, dass er gepunk´d worden war.

Begegnung

Juli 21, 2009

Es war im 12. Jahr unserer Ehe, als Sie schließlich beschloss, das Ersparte unserer reiselosen Jahre zusammenzunehmen und Urlaub zu machen.
Felix beschwerte sich natürlich, weil er nicht richtig wusste, was das überhaupt war und „Urlaub machen“ sich anstrengend anhörte. Überhaupt war ich über seine bisherige Kindheit zu der Erkenntnis gelangt, mit „Felix“ bei der Namenswahl danebengegriffen zu haben, denn er war selten glücklich.
Sicher lag das an uns, sicher. Wir rafften und rafften, Geld, Zeit, uns zusammen, die Kleider, um in den Urlaub zu fahren. Schließlich mussten wir das Raffen so gewohnt gewesen sein, dass es uns nicht mehr wirklich auffiel, uns keine Anstrengung mehr bereitete und immer mehr zu einem Zustand als zu einer Tätigkeit wurde.
Konnte ein Kind so glücklich aufwachsen? Wir wussten es nicht. In unseren Köpfen lag das Kindsein schon so weit zurück, dass nicht mehr als ein fader Nachgeschmack davon geblieben war.
Wir arbeiteten Tage und Nächte, ohne erkennbar voranzukommen, bauten schließlich ein Haus und bekamen Felix. Bei all der Arbeit, die es zu organisieren galt, musste schließlich auch er organisiert werden: Wer fährt ihn wann zur Schule, wann kommen seine Freunde, um wie viel Uhr ist Schlafenszeit? Unsere Tage rasten dahin, bis wir von der Arbeit auf die Arbeit fuhren, bis Felix zu einem weiteren Job geworden war. Sicher konnte das nicht spurlos an ihm vorübergegangen sein.
Als wir also im Flugzeug saßen, war er, wohl vor lauter Überraschung, wie viel Zeit wir plötzlich zusammen verbrachten, vollkommen still, so als könnte jeder Laut, den er von sich gab, auf einen Schlag alles beenden.

Das Ferienhaus, das wir gemietet hatten, war klein und warmes Wasser gab es nur tagsüber. Dafür  jedoch lag es direkt an der Küste und der nächste Nachbar war mehr als einen guten Steinwurf entfernt.
Die Dusche war von mehr Spinnen bewohnt, als man in einem Stück Klopapier hätte zerdrücken können und es dauerte zwei Tage, bis Felix dazu zu bewegen war, sie zu benutzen.
Im Dorf war das Essen teuer, aber die Menschen waren von einer herben, freundlichen Art.
Abends aßen wir zusammen an dem kleinen Holztisch in der Diele frisches Brot und waren uns durchaus bewusst, dass wir uns eigentlich hätten erholen müssen.
Trotzdem- Felix wollte das große Bett im Erdgeschoss und bekam es. Im ersten Stock standen zwei getrennte Betten; wir hätten sie zusammenschieben können, aber unausgesprochen stand der Entschluss im Raum, das nicht zu tun.

Der Tag unseres Strandspaziergangs war der erste, an dem wir allmählich zu begreifen schienen, was Urlaub eigentlich war.
Um den Strand überhaupt zu finden, musste man einen guten Kilometer zerklüftet felsige, moosbewachsene Küste hinter sich bringen, die immer wieder mit kleinen Sümpfen und im hohen Gras versteckten Steinen überraschte.
Sie war mit Felix vorausgegangen zu einem Stück Weideland, dass an die Küste grenzte. Bis heute bin ich mit Verwunderung erfüllt ob der Tatsache, dass Kinder von jeder Art Tier sofort begeistert sind; egal, wie desinteressiert es auch aussehen mag.
Ich suchte langsam meinen Weg durch Moss und Steine, während zu meiner Linken das Meer gegen die Küste brach, als wollte es sie zerschmettern.
Kurz blieb ich an einer kleinen Bucht stehen, wo irgendjemand in mühsamer Arbeit einen kleinen Steg aus Steinen errichtet hatte. Jetzt war er verwittert und eingefallen und sah nicht so aus, als ob dort nochmal ein Boot festmachen würde.
Irgendwann hörte ich Felix´ begeisterte Rufe; er hatte ein altes Haus gefunden, ganz aus Steinen errichtet und zur Hälfte eingefallen, aber dennoch erkennbar.
Sie konnte seine Begeisterung sichtlich nicht teilen, traute dem eingefallenen Gebilde nicht und saß lieber an der Küste, um den Wellen zuzusehen. Ich raffte mich schließlich auf, um mir mit dem Jungen das Gebäude anzusehen. Natürlich war nichts darin als noch mehr Steine, trotzdem war er fasziniert und erkundete jeden Winkel.
Wenn ich die Zeit gehabt hätte, dachte ich in diesem Moment, hätte ich ihn gerne aufwachsen gesehen. So war ich nur ein Zaungast gewesen, hatte ihn zu anderen Menschen gefahren, die ihn für mich erzogen, ihn für mich fütterten, ihm vorlasen, ihm zuhörten.

Wir verließen das Haus, dreckig und erschöpft, als ihm die Fragen ausgegangen waren.
Warum hält das hier? Wo ist die Heizung? Stand hier der Fernseher?
Sie saß immer noch auf einem Stein und sah in die Weite, ohne uns zu beachten.
Auf dem Rückweg hörte ich Musik und versuchte, Felix und Sie zu ignorieren. Es war zu perfekt, wie das Meer auf die Felsen schlug, ich selbst mich in einem Meer aus Gras und Wind befand und die Musik sich nicht einfügte, sondern Teil der Umgebung zu sein schien.
Während meine Füße ihren Weg wie von selbst fanden, Sie unentwegt von rechts auf mich einredete, sah ich nichts anderes, als körperlose Finger auf einer Klaviatur. Sie drückten die Tasten nicht, schlugen sie nicht an, sie schienen sich nur gemeinsam mit ihnen zu bewegen, wenn die Töne es für richtig hielten. Läufe wie Gischt perlten meinen Hals hinunter, Akkorde brachen sich an mir und weichten mich langsam auf, bis ich Angst hatte, in einem der kleinen Moore zu versinken, die überall im hohen Gras versteckt lagen.
Ihr totenblasses Gesicht und ihre Schreie rissen mich plötzlich in die Wirklichkeit     zurück.
Als wäre alles Blut aus ihrem Körper gesogen, stand Sie am Rand der Bucht mit dem kleinen Steg und rief irgendetwas unverständliches hinunter.
Adrenalinbeschleunigt war ich sofort neben ihr und riss die Kopfhörer aus den Ohren.
Die Ebbe hatte das Wasser aus der Bucht gesogen und den schimmlig grünen, mit Algen bedeckten Grund freigelegt. Jetzt sah ich auch, warum Sie so schrie-
Ziemlich in der Mitte der Vertiefung lag der Kadaver irgendeines Tieres, vermutlich ein Schaf. Das Salzwasser hatte Gesicht und Hals bis zur Brust von Fleisch und Haut befreit, sodass die Knochen bleich und glänzend freilagen. Der Schädel grinste aus leeren Augenhölen und mit blankweißen Zähnen; vielleicht darüber, dass die Fleischreste, die den hinteren Teil des Kadavers noch bedeckten, aussahen, als habe man einen löchrigen Sack über das Skelett gestülpt?
Sie rief, ich solle etwas tun, der Junge höre nicht, ich verstand nicht.
Felix stocherte mit einem morschen Stück Holz im Brustkorb des Tieres herum, aus dem ein mattschwarzer Saft in die Algenreste am Boden lief.
Schulterzuckend stieg ich die felsige Böschung auf den Grund der Bucht hinab zu Felix, der begeistert rief, ich solle mir auch einen Stock suchen.
Schließlich tat ich, was von mir erwartet wurde, packte ihn, und trug ihn die Böschung hinauf, den ganzen Weg zurück zum Haus, schweigend.
Dort zog er sich, verständnislos und weinend, in sein Zimmer zurück und kam bis zum nächsten Morgen nicht mehr heraus.
An diesem Abend saßen wir, zum ersten Mal seit bestimmt einem halben Jahr, wieder zu zweit und aßen zu Abend.
„Was war das vorhin?“ fragte Sie nur.
Ich zuckte die Schultern und stellte mir vor, wie es wäre, das Ferienhaus alleine gemietet zu haben. Abends würde ich Filme mit Robert DeNiro anschauen, auf der kleinen Mauer vor dem Haus am Meer sitzen und Musik hören. Nachts würde ich alle Fenster offenlassen, um das Meer zu hören und erst nach Sonnenuntergang schlafen gehen, weil das gesünder ist.
Ich würde über die Steine an der Küste klettern, ausrutschen und mir Haut abschürfen und Mittwochs in den Pub im Dorf fahren, um mit den Einheimischen Fußballspiele anzusehen.
„Du hörst mir nicht zu“ sagte Sie und riss ihr Brot entzwei wie das Schicksal zwei Liebende.
Ich schüttelte den Kopf.
„Es war nur ein totes Schaf.“

Zu klein

Juli 5, 2009

Die Person Karsten Angert zeichnete sich durch ein mittelmäßiges Gespür für Musik, indisches Essen und Mode aus.
Im Wesentlichen hatte Angert schon immer getan, was sein Freundeskreis für richtig befunden hatte und war damit gut durchgekommen. Er lebte mittelmäßig gut, ohne groß klagen zu müssen, Sicht auf einen Fluss, irgendein Wasser jedenfalls (vom Wohnzimmerfenster aus), 5 Zimmer, Premiere Sport Paket.
Unter der Woche fuhr er einen Mercedes (Dienstwagen), nicht jedoch am Wochenende, weil er ihn dann zu protzig und zu wenig alternativ fand.
Der Tag, an dem Karsten Angert die Schönheit in den Dingen entdeckte, hatte sich nicht großartig angekündigt und begann schlecht. Er hatte verschlafen (zu oft die Snooze- Taste gedrückt), den Kaffee zu stark gemacht und dann beim Ausparken den Clio seines Vermieters zerschrammt, jedoch beschlossen, das erst später irgendwann zu beichten.
Auf der Arbeit hatte er erfahren, dass Fehlmann seinen Report schon zwei Tage vor ihm abgegeben hatte – keine Gehaltserhöhung also-, sich entsprechend geärgert und sich mit einem Kollgen über das Ergebnis eines Fußballspiels verworfen. In der Mittagspause hatte Angert das Übliche gegessen, so hatte es auch geschmeckt (viel Knorpel diesmal) und ihm war plötzlich aufgefallen, dass Fehlmann schon einen neuen Dienstwagen hatte, obwohl er noch garnicht befördert war.
Als Karsten Angert also abends seine Wohnungstür aufgeschlossen hatte, war ihm zum ersten Mal wirklich bewusst geworden, wie unzufrieden er war.
Er bewohnte 5 Zimmer, von denen er nur 3 wirklich brauchte. Er hatte ein Aquarium, aber keine Fische. Wenn die guten Spiele im Fernsehen liefen, wollten seine Freunde meistens in irgendwelche Clubs. Er hatte einen Fluss vor einem Fenster, dass aus Sicherheitsgründen nicht zu öffnen war und von dem er nie etwas sah, weil er zu spät nach Hause kam. Die Liste war so lang, dass Angert sich auf das Sofa (IKEA) setzte und nachdachte.
Ohne zu einem besonderen Ergebnis gekommen zu sein, stellte er Musik an, versuchte aus dem Fenster zu sehen, sah nichts. Jemand rief an, er drückte „besetzt“.
Schließlich, Angert musste wohl eingenickt sein, hatte er plötzlich das Gefühl, als habe jemand die Sonne angeschaltet. Es überkam ihn wie ein Sturm, wie ein Taifun, schüttelte ihn, dass er zitterte und ließ ihn aufspringen. Er rief irgendetwas, ohne sich zuzuhören, drehte die Musik lauter und hoffte, dass der Vermieter kommen würde, um sich zu beschweren.
Dann durchschritt er eilig, hastig, als könnte er etwas verpassen, das Zimmer und schüttete den Inhalt des Aquariums auf den Boden. Mit einem großen, schmiedeeisernen Kerzenständer zertrümmerte er das Wohnzimmerfenster, und hörte den Fluss und die Musik und den Lärm einer Grillparty und Autos und einen Hubschrauber und sah jemanden, der Müll wegschüttete und zwei streitende Nachbarn und einen herrenlosen Hund und einen kaputten Regenschirm am Ufer des Flusses.
Die Erkenntnis, alles verstanden, begriffen zu haben, war plötzlich zu groß für ihn, er wollte alles inhalieren, halten, fassen, einsaugen, sich darin ertränken wie in seinem Wohnzimmeraquarium.
Weil ihm danach war, schaltete er alle Lampen an. Dann las er den ersten Satz eines Buches und rief ihn durch das Fenster, so laut er konnte.
Er fühlte sich erdrückt, zerstampft, konnte alles, alles ändern, alles schaffen, alles zerstören – die Erkenntnis zerrieb ihn und machte ihn noch euphorischer.
Schließlich sackte er erschöpft auf dem Sofatisch zusammen. Die Musik spielte nur für ihn, so laut, dass er irgendwann nur noch lauter und leiser werdendes Rauschen hören konnte.
Das Licht blendete ihn, aber beseelt vom plötzlichen Gefühl, gar keine Augen mehr zu brauchen, starrte er direkt in die Lampe.
Doch als er dort lag, kraftlos und stumm, begannen die Dinge ihn wieder einzuholen. Fehlmann und sein blödes Auto. Der Vermieter, der an der Tür klingelte. Der verpasste Anruf. Nein, er wollte das festhalten, wollte nicht wieder zurück! Ein verpasster Theatherbesuch, ein verpasstes Fußballspiel-
Die Musik war plötzlich zu hell, das Licht zu laut, das Fenster zu offen, weil Angert wieder Angert war.
Angert würde das alles bezahlen müssen, alles musste immer bezahlt werden, er musste Markus zurückrufen, den Vermieter beschwichtigen.
Er stand auf und schaltete die Musik aus.