Joseph von Eichendorff (1788- 1857): Zwielicht (Gedichtinterpretation)

August 29, 2009

So, aus gegebenem Anlass (und weil es sich, zugegebenermaßen, als für meine Visits sehr zuträglich erwiesen hat) hier nochmal ein Stück meiner schulischen Arbeit. Vielleicht hilft das ja jemandem weiter, der zufällig… ach vergessts.

Gedichtinterpretation:

Joseph von Eichendorff- Zwielicht

Dämmrung will die Flügel spreiten,
Schaurig rühren sich die Bäume,
Wolken ziehn wie schwere Träume –
Was will dieses Graun bedeuten?

Hast ein Reh du lieb vor andern,
Laß es nicht alleine grasen,
Jäger ziehn im Wald und blasen,
Stimmen hin und wider wandern.

Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug und Munde,
Sinnt er Krieg im tückschen Frieden.

Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neugeboren.
Manches bleibt in Nacht verloren –
Hüte dich, bleib wach und munter!
(1812)

Das von mir zu analysierende Gedicht trägt den Titel „Zwielicht“ und wurde 1812 von Joseph von Eichendorff verfasst, somit ist es in die literarische Epoche der Romantik einzuordnen.
Diese literarische Bewegung zu Beginn des 19. Jh. zeichnete sich vor allem durch eine poetisch verklärte Rückkehr in die Motivik der Natur aus, bei der dem Leser oft absichtlich Raum für eigene Interpretation gelassen wurde.
Die romantischen Lyriker lehnten die barocke Regelpoetik strikt ab und wandten sich auch gegen gesellschaftliche Normen und Werte sowie den strikten Rationalismus der Aufklärung, während ihre Werke inhaltlich das Irrationale, Unbewusste thematisierten, um so eine remystifizierung der vom Menschen entauberten Welt zu erreichen.

Formal ist „Zwielicht“ in vier Quartette gegliedert, die jeweils in einem umarmenden Reim angeordnet sind und in einem 4hebigen Trochäus betont werden.
Gerade dieses umschlingende Reimschema unterstützt auch den inhaltlichen Aufbau des Gedichts, indem es dessen Gliederung auf der Mikroebene üernimmt:
Die erste Strophe des Gedichts stellt dabei eine Einleitung dar, in der das Naturmotiv des „Zwielicht“ eingeführt wird. Die zweite und dritte Strophe erläutern dieses Motiv, während die letzte wieder auf der Metaebene an den Leser bzw. vom lyrischen Ich an sich selbst gerichtet ist.
Intention des Autors war es, in seinem Gedicht über die Metapher des Zwielichts, mit der er sein Werk überschreibt, auf Tücke und für den Menschen oft unverständliche Arglist seiner Umwelt hinzuweisen und den Menschen als einzige Vertrauensperson für sich selbst aufzuzeigen.

Die erste Strophe beginnt mit der Personifizierung der Dämmerung, die „die Flügel spreiten“ (Z. 1) will und so etwas unheimliches, besitzergreifendes und unwirkliches wird.
„Wolken ziehn wie schwere Träume“ heißt es in der dritten Zeile. Die Wolken sind hier als eine Metapher für den Albtraum und die Abgründe des menschlichen Geistes zu verstehen und entschlüsseln in dieser Metapher die Tatsache, dass das Naturbild in „Zwielicht“ seinerseits eine Metapher darstellt- für den menschlichen Geist.
Durch einen Gedankenstrich mit der vorhergehenden Strophe verbunden und so den Bezug zur Albtraum- Metapher herstellend, wendet sich das lyrische Ich nun mit „Was will dieses Graun bedeuten?“ (Z.4) direkt an den Leser. Bewusst wird eine eindeutige Wertung des Wortes „Graun“ (Z. 4) ausgelassen- es könnte hier sowohl innerhalb des Naturbilds für das Abend- oder Morgengrauen stehen, als sich auch rückwirkend im Bezug auf die „Träume“ (Z. 3) erneut auf die Zwiespältigkeit und Unverständlichkeit menschlichen Denkens und Handelns beziehen.
Die bedrohlich aufziehende Dämmerung, deren tieferer Sinn dem lyrischen Ich und auch dem Leser zu diesem Zeitpunkt unverständlich bleibt, wird in den folgenden 2 Strophen metaphorisch als Bedrohung des Zwischenmenschlichen erläutert.
Die zweite Strophe des Gedichts thematisiert die Bedrohung der Liebe durch Konkurrenz und Versuchungen abseits der Pfade der eigenen Beziehung.
Mit dem Bild „Hast ein Reh du lieb vor andern, lass es nicht alleine grasen“ (Z. 5, 6) setzt die zweite Strophe ein und macht deutlich, wie das Metrum des Trochäus die Appelle des lyrischen Ichs durch Betonung der ersten Silbe unterstreicht.
Das Bild des Rehs, welches für Zartheit, Unschuld, aber auch für das wehrlose Opfer steht, ist metaphorisch klar dem oder der Geliebten des Angesprochenen zugeordnet.
Im Gesamtkontext des Gedichtes, das gerade in der dritten Strophe vermittelt, niemandem zu trauen als sich selbst, ist jedoch davon auszugehen, dass es sich bei den appellativen Äußerungen des lyrischen Ichs um Warnungen an sich selbst, bei dem Gedicht also um einen Monolog handelt.
„Lass es nicht alleine grasen“ (Z. 6) appelliert das lyrische Ich also an sich selbst, wachsam zu sein, und die Geliebte vor den „Jägern“, seinen Konkurrenten, zu schützen.
Das Bild der durch den Wald schreitenden Jäger in Zeile 7 steht für die Versuchungen, die durch das Abkommen vom rechten Weg stehen.
Zwar ist das Bild des Waldes eindeutig als eines der Hauptmotive der Romantik zu verstehen. Dieses wird jedoch hier nicht nur poetisch verklärt wiedergegeben, das Gedicht thematisiert auch die Gefahren, die durch die Abkehr von gesellschaftlichen Normen und Werten entstehen können; eine Zweischneidigkeit, die sich hervorragend auf die metaphorische Bedeutung des Gedichttitels beziehen lässt.
Die Hörner der Jäger, die „ziehn im Wald und blasen“ (Z. 7) stehen dabei für die von der Abkehr von gesellschaftlichen Werten ausgehende Versuchung.
Die zweite Strophe endet mit der Zeile „Stimmen hin und wieder wandern“ (Z. 8), die mit dem Motiv der nicht zuordbaren, körperlosen Stimmen für die neue, vom lyrischen Ich als gefährlich empfundene Unverfänglichkeit der Liebe steht.
Am eindeutigsten beschäftigt sich die dritte Strophe des Gedichts mit der Arglist und Tücke, die sich hinter einer scheinbar freundlichen Fassade verbergen, was sich erneut auf das Motiv des Zwielichts beziehen lässt.
„Hast du einen Freund hienieden, trau ihm nicht zu dieser Stunde“ (Z. 9) appelliert das lyrische Ich, wie bereits erläutert, nicht an Leser, sondern vielmehr an sich selbst, weil es, wie es in diesen zwei Versen ausgedrückt wird, sonst niemandem trauen kann.
Die beiden letzten Verse der dritten Strophe drücken dann explizit das unverständliche, hintergründig heimtückische des menschlichen Geistes aus:
„Freundlich wohl mit Aug und Munde, sinnt er Krieg im tückschen Frieden“ (Z. 11, 12), erläutert das lyrische Ich und erreicht durch die antithetische Gegenüberstellung von „Krieg“ und „tückschem Frieden“, also einem von vornherein nur vorgetäuschten Friedenszustand mit böswilliger Absicht, den Climax der Zwielichtmetaphorik des Gedichtes.
Während also das lyrische Ich sich in zweiter und dritter Strophe die Gefahren seine Umwelt vor Augen führt, kehrt es in der letzten Strophe wieder auf die Metaebene zurück und erreicht, das Erkannte im Überblick betrachtend, einen abschließenden warnenden Appell an sich selbst, der zum Ausdruck bringt, dass es durch seinen Monolog zu einem tieferen Verständnis des „Zwielichts“ gelangt ist.
Dabei sind erster und zweiter Vers der Strophe sich noch einmal antithetisch gegenübergestellt.
„Was heut müde gehet unter, hebt sich morgen neugeboren“ (Z. 13, 14) folgert das lyrische Ich in nun eher erläuterndem Ton; die Gegenüberstellung von „heut müde“ und „morgen neugeboren“, sowie „gehet unter“ und „hebt sich“ macht die Antithese vollkommen.
Zudem drückt sich in diesen ersten beiden Zeilen ein gewisser Grundoptimismus aus, der auch durch den Reim „morgen“ – „neugeboren“ innerhalb der 14. Zeile unterstützt wird.
Dieser wird jedoch seinerseits wieder den letzten Zeilen des Gedichts gegenübergestellt, in denen das lyrische abschließend an sich selbst appelliert:
„Manches bleibt in Nacht verloren- hüte dich, bleib wach und munter!“ (Z. 15, 16)
Der Appell also, trotz positiver Grundstimmung seiner Umwelt nicht zu vertrauen.
„Manches“ in Zeile 18 lässt dabei absichtlich unklar, was verborgen bleibt und wahrt so einen drohenden, unheimlichen Unterton.
Durch die Betonung des Trochäus besonders verstärkt werden in der letzten Zeile des Gedichts die Verben „Hüte“ und „bleib“, was den Appellcharakter dieses Ausrufs final unterstreicht.

Insgesamt handelt es sich bei „Zwielicht“ um ein für die Romantik typisches Gedicht, weil es Naturmotivik und unklare Faszination an den Abgründen des Menschlichen unter der Aufforderung, nur sich selbst zu trauen, zusammenbringt.
Das Naturmotiv stellt dabei, sowohl in der ersten Strophe, als auch im Mittelteil des Gedichts, keine wirklichen Naturerlebnisse des lyrischen Ichs dar, sondern dient nur zu Erläuterung seiner Seelenzustände und der metaphorischen Unterstreichung seiner Appelle.

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4 Antworten to “Joseph von Eichendorff (1788- 1857): Zwielicht (Gedichtinterpretation)”

  1. a Says:

    bei soner ausführlichen interpreation denkt man sich, warum hat der hund dieses gedicht geschrieben:D:D:D

  2. eva Says:

    Find diese Interpretation super! Hat mir bei meinen Maturavorbereitungen sehr geholfen.

  3. Joherr Freisef von Dorfeneich Says:

    mal gucken ob’s morgen in der kursarbeit drankommt haha


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