Turbostaat- Harm Rochel

Juli 28, 2009

Guten Tag ich bin Leeroy Chang,
mein Sohn macht Filme in der USA.
Und ich werd morgen tot sein
und vergessen sicher auch –
ein Held war ich wirklich nie.
Es lastet alles auf den Kindern
wir gehen sterben in unserm Haus.
Verdient hab ich das sicher nich
und entscheiden kann das auch
wer bleiben will
aber niemals ich.

***
Leb doch mehr wie deine Mutter
leb bloß nicht wie ich
leb doch mehr wie deine Mutter
leb bloß nicht wie ich
***

Ach Hallo- ich bin Heiner Rust
mein Sohn wurd gestern abgeholt.
Sie müssen ihn beschützen
-am meisten vor sich selbst-
kann ihm nicht helfen
bin morgen tot.

***
Leb doch mehr wie deine Mutter
leb bloß nicht wie ich
leb doch mehr wie deine Mutter
leb bloß nicht wie ich
***

***
Leb doch mehr wie deine Mutter
leb bloß nicht wie ich
leb doch mehr wie deine Mutter
leb bloß nicht wie ich
***

Ja leb doch
Ja leb doch
Ja leb doch

Anmerkung: Lyrics by Turbostaat, Interpunktion by me.
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Gottkomplex

Juli 25, 2009

Gottkomplex

Irgendjemand hatte Sinner einen Kittel übergezogen.

Der kleine Raum, in den man ihn gebracht hatte, war nicht größer als vielleicht sein Schlafzimmer, hatte gefliesten Boden und in seiner Mitte stand ein stählerner Tisch.

Beunruhigt sah er sich immer wieder um, er hatte doch keine Ahnung, was man eigentlich von ihm erwartete.

Kimmerle und ein kleiner, feister Mann, der sich als Heusch vorgestellt hatte, standen mit erwartungsvollen Mienen schweigend hinter ihm und legten ihm schließlich eine hellgrüne Schürze um.

Endlich, es hätte wenige Sekunden, aber auch Stunden gedauert haben können, wurde durch eine andere Tür ein Mann, offenbar schlafend, in den Raum geschoben und auf den Tisch gelegt.

Sinner betrachtete ihn mit einem gewissen Unbehagen; er war durchschnittlich gebaut, musste mittleren Alters, etwa 40 sein und hatte eine einsetzende Halbglatze.

Ein kleiner Strang gräulich schwarzen Haars wand sich aus seinem Schritt über den Bauchnabel bis auf seine Brust- Sinner stellte fest, dass der Mann nackt war.

Wieder sah er sich um- wer auch immer den Schlafenden in den Raum gebracht hatte, war schon verschwunden. Aus dem Augenwinkel konnte er Kimmerle, einen großen, hageren Mann, lächeln und sich durch seinen Kinnbart streichen sehen.

“Was.. was soll ich…?”

Sinner ließ den Satz unbeendet und die kleine feiste Gestalt in seinem Rücken verpasste ihm einen kräftigen Stoß, sodass er auf den Tisch zutaumelte und durch ein sehr helles Licht geblendet wurde, dass direkt darüber angebracht war.

Es fiel ihm ein Satz verschiedenster, bis auf das letzte Staubkorn gereinigter Werkzeuge auf, die auf einem kleinen stählernen Tablett neben dem Tisch lagen.

“Nur zu” vernahm er eine quäkende Stimme und war sich sicher, ohne zu wissen woher, dass es Kimmerle gewesen war.

Sinner räusperte sich, fuhr sich über das stoppelige Kinn und sagte so bestimmt, wie es ihm möglich war: “Es tut mir leid, aber ich glaube, ich würde lieber gehen.”

Hinter ihm zuckte Kimmerle die Schultern und Heusch sagte mit tiefer Stimme garnichts.

In diesem Moment begriff Sinner, dass er nicht frei war.

Er holte tief Luft und stütze sich auf den Tisch.

“Was soll ich denn tun? Entschuldigen Sie, ich weiß nicht, warum man mich hergebracht hat.”

“Wir doch auch nicht” sagte Kimmerle “Wir doch auch nicht.” und nahm sich ein Bier aus einem kleinen Kühlschrank neben der Tür.

Wenig überzeugt nahm Sinner einen Bohrer von eindrucksvoller Größe von dem Stahltablett, wog ihn einige Sekunden in der Hand und legte ihn wieder zurück.

Der Liegende regte sich nicht.

Sinner nahm ein Skalpell -zumindest glaubte er, dass es eines war- und strich mit der stumpfen Seite behutsam über das Brustbein des Schlafenden.

Hinter ihm sog Kimmerle scharf Luft ein, erschreckt hob Sinner das Skalpell, Schweiß rann ihm über die Stirn. “Was, stimmt etwas nicht?”

“Wissen wir nicht, Sinner, wissen wir nicht.” sagte Kimmerle und trank laut hörbar einen Schluck Bier.

Schließlich, es kam ihm schon so vor, als hätte er Ewigkeiten regungslos am Tisch gestanden, verließ Heusch den Raum und ließ Kimmerle und ihn allein in der Stille zurück.

“Ich denke, ich werde ihn aufschneiden.” sagte Sinner schließlich und griff das Skalpell fester.

“Was sind sie doch für ein roher Mensch.” sagte Kimmerle nur und trank noch einen Schluck Bier.

Und Sinner begriff, dass er gepunk´d worden war.

Begegnung

Juli 21, 2009

Es war im 12. Jahr unserer Ehe, als Sie schließlich beschloss, das Ersparte unserer reiselosen Jahre zusammenzunehmen und Urlaub zu machen.
Felix beschwerte sich natürlich, weil er nicht richtig wusste, was das überhaupt war und „Urlaub machen“ sich anstrengend anhörte. Überhaupt war ich über seine bisherige Kindheit zu der Erkenntnis gelangt, mit „Felix“ bei der Namenswahl danebengegriffen zu haben, denn er war selten glücklich.
Sicher lag das an uns, sicher. Wir rafften und rafften, Geld, Zeit, uns zusammen, die Kleider, um in den Urlaub zu fahren. Schließlich mussten wir das Raffen so gewohnt gewesen sein, dass es uns nicht mehr wirklich auffiel, uns keine Anstrengung mehr bereitete und immer mehr zu einem Zustand als zu einer Tätigkeit wurde.
Konnte ein Kind so glücklich aufwachsen? Wir wussten es nicht. In unseren Köpfen lag das Kindsein schon so weit zurück, dass nicht mehr als ein fader Nachgeschmack davon geblieben war.
Wir arbeiteten Tage und Nächte, ohne erkennbar voranzukommen, bauten schließlich ein Haus und bekamen Felix. Bei all der Arbeit, die es zu organisieren galt, musste schließlich auch er organisiert werden: Wer fährt ihn wann zur Schule, wann kommen seine Freunde, um wie viel Uhr ist Schlafenszeit? Unsere Tage rasten dahin, bis wir von der Arbeit auf die Arbeit fuhren, bis Felix zu einem weiteren Job geworden war. Sicher konnte das nicht spurlos an ihm vorübergegangen sein.
Als wir also im Flugzeug saßen, war er, wohl vor lauter Überraschung, wie viel Zeit wir plötzlich zusammen verbrachten, vollkommen still, so als könnte jeder Laut, den er von sich gab, auf einen Schlag alles beenden.

Das Ferienhaus, das wir gemietet hatten, war klein und warmes Wasser gab es nur tagsüber. Dafür  jedoch lag es direkt an der Küste und der nächste Nachbar war mehr als einen guten Steinwurf entfernt.
Die Dusche war von mehr Spinnen bewohnt, als man in einem Stück Klopapier hätte zerdrücken können und es dauerte zwei Tage, bis Felix dazu zu bewegen war, sie zu benutzen.
Im Dorf war das Essen teuer, aber die Menschen waren von einer herben, freundlichen Art.
Abends aßen wir zusammen an dem kleinen Holztisch in der Diele frisches Brot und waren uns durchaus bewusst, dass wir uns eigentlich hätten erholen müssen.
Trotzdem- Felix wollte das große Bett im Erdgeschoss und bekam es. Im ersten Stock standen zwei getrennte Betten; wir hätten sie zusammenschieben können, aber unausgesprochen stand der Entschluss im Raum, das nicht zu tun.

Der Tag unseres Strandspaziergangs war der erste, an dem wir allmählich zu begreifen schienen, was Urlaub eigentlich war.
Um den Strand überhaupt zu finden, musste man einen guten Kilometer zerklüftet felsige, moosbewachsene Küste hinter sich bringen, die immer wieder mit kleinen Sümpfen und im hohen Gras versteckten Steinen überraschte.
Sie war mit Felix vorausgegangen zu einem Stück Weideland, dass an die Küste grenzte. Bis heute bin ich mit Verwunderung erfüllt ob der Tatsache, dass Kinder von jeder Art Tier sofort begeistert sind; egal, wie desinteressiert es auch aussehen mag.
Ich suchte langsam meinen Weg durch Moss und Steine, während zu meiner Linken das Meer gegen die Küste brach, als wollte es sie zerschmettern.
Kurz blieb ich an einer kleinen Bucht stehen, wo irgendjemand in mühsamer Arbeit einen kleinen Steg aus Steinen errichtet hatte. Jetzt war er verwittert und eingefallen und sah nicht so aus, als ob dort nochmal ein Boot festmachen würde.
Irgendwann hörte ich Felix´ begeisterte Rufe; er hatte ein altes Haus gefunden, ganz aus Steinen errichtet und zur Hälfte eingefallen, aber dennoch erkennbar.
Sie konnte seine Begeisterung sichtlich nicht teilen, traute dem eingefallenen Gebilde nicht und saß lieber an der Küste, um den Wellen zuzusehen. Ich raffte mich schließlich auf, um mir mit dem Jungen das Gebäude anzusehen. Natürlich war nichts darin als noch mehr Steine, trotzdem war er fasziniert und erkundete jeden Winkel.
Wenn ich die Zeit gehabt hätte, dachte ich in diesem Moment, hätte ich ihn gerne aufwachsen gesehen. So war ich nur ein Zaungast gewesen, hatte ihn zu anderen Menschen gefahren, die ihn für mich erzogen, ihn für mich fütterten, ihm vorlasen, ihm zuhörten.

Wir verließen das Haus, dreckig und erschöpft, als ihm die Fragen ausgegangen waren.
Warum hält das hier? Wo ist die Heizung? Stand hier der Fernseher?
Sie saß immer noch auf einem Stein und sah in die Weite, ohne uns zu beachten.
Auf dem Rückweg hörte ich Musik und versuchte, Felix und Sie zu ignorieren. Es war zu perfekt, wie das Meer auf die Felsen schlug, ich selbst mich in einem Meer aus Gras und Wind befand und die Musik sich nicht einfügte, sondern Teil der Umgebung zu sein schien.
Während meine Füße ihren Weg wie von selbst fanden, Sie unentwegt von rechts auf mich einredete, sah ich nichts anderes, als körperlose Finger auf einer Klaviatur. Sie drückten die Tasten nicht, schlugen sie nicht an, sie schienen sich nur gemeinsam mit ihnen zu bewegen, wenn die Töne es für richtig hielten. Läufe wie Gischt perlten meinen Hals hinunter, Akkorde brachen sich an mir und weichten mich langsam auf, bis ich Angst hatte, in einem der kleinen Moore zu versinken, die überall im hohen Gras versteckt lagen.
Ihr totenblasses Gesicht und ihre Schreie rissen mich plötzlich in die Wirklichkeit     zurück.
Als wäre alles Blut aus ihrem Körper gesogen, stand Sie am Rand der Bucht mit dem kleinen Steg und rief irgendetwas unverständliches hinunter.
Adrenalinbeschleunigt war ich sofort neben ihr und riss die Kopfhörer aus den Ohren.
Die Ebbe hatte das Wasser aus der Bucht gesogen und den schimmlig grünen, mit Algen bedeckten Grund freigelegt. Jetzt sah ich auch, warum Sie so schrie-
Ziemlich in der Mitte der Vertiefung lag der Kadaver irgendeines Tieres, vermutlich ein Schaf. Das Salzwasser hatte Gesicht und Hals bis zur Brust von Fleisch und Haut befreit, sodass die Knochen bleich und glänzend freilagen. Der Schädel grinste aus leeren Augenhölen und mit blankweißen Zähnen; vielleicht darüber, dass die Fleischreste, die den hinteren Teil des Kadavers noch bedeckten, aussahen, als habe man einen löchrigen Sack über das Skelett gestülpt?
Sie rief, ich solle etwas tun, der Junge höre nicht, ich verstand nicht.
Felix stocherte mit einem morschen Stück Holz im Brustkorb des Tieres herum, aus dem ein mattschwarzer Saft in die Algenreste am Boden lief.
Schulterzuckend stieg ich die felsige Böschung auf den Grund der Bucht hinab zu Felix, der begeistert rief, ich solle mir auch einen Stock suchen.
Schließlich tat ich, was von mir erwartet wurde, packte ihn, und trug ihn die Böschung hinauf, den ganzen Weg zurück zum Haus, schweigend.
Dort zog er sich, verständnislos und weinend, in sein Zimmer zurück und kam bis zum nächsten Morgen nicht mehr heraus.
An diesem Abend saßen wir, zum ersten Mal seit bestimmt einem halben Jahr, wieder zu zweit und aßen zu Abend.
„Was war das vorhin?“ fragte Sie nur.
Ich zuckte die Schultern und stellte mir vor, wie es wäre, das Ferienhaus alleine gemietet zu haben. Abends würde ich Filme mit Robert DeNiro anschauen, auf der kleinen Mauer vor dem Haus am Meer sitzen und Musik hören. Nachts würde ich alle Fenster offenlassen, um das Meer zu hören und erst nach Sonnenuntergang schlafen gehen, weil das gesünder ist.
Ich würde über die Steine an der Küste klettern, ausrutschen und mir Haut abschürfen und Mittwochs in den Pub im Dorf fahren, um mit den Einheimischen Fußballspiele anzusehen.
„Du hörst mir nicht zu“ sagte Sie und riss ihr Brot entzwei wie das Schicksal zwei Liebende.
Ich schüttelte den Kopf.
„Es war nur ein totes Schaf.“

Irland

Juli 20, 2009

Es war allgemeiner Konsens in meiner Familie, dass es mal wieder Zeit würde, mich loszuwerden.

Wohin also den Jungen schicken, um endlich mal wieder in Ruhe schlafen zu können? Irland.

Zusammenfassend muss ich sagen: Sie hätten es schlimmer treffen können.

Für alle, die es irgendwie interessiert, hier eine kleine Zusammenfassung der Reise in ein fremdes Land mit ulkigen Traditionen, merkwürdigem Essen und einem interessanten Geschmack für Bier.

Bereits der Reiseantritt gestaltete sich schwierig: Nicht allen Mitreisenden war das Konzept der Flughafensicherheit klar, weshalb wir bangen mussten, ob sie es trotz der diversen Liter Flüssigkeit im Handgepäck durch die Sicherheitskontrolle bringen würden- taten sie natürlich nicht.

Als also schließlich wenige Minuten vor Abflug die Nerven blanklagen und das Handgepäck endlich ausgewrungen war, stand schon infrage, ob der Urlaub als solcher überhaupt stattfinden würde.

In Dublin angekommen dann der nächste Schock: Irgendjemand hatte uns verarscht, und zwar gewaltig. Ich weiß nicht, ob es jemals einer von euch mit einem Nissan Tiida zu tun hatte, aber das Ding sieht schwer so aus, wie es sich anhört und fährt sich auch ungefähr so.

Trotz kaputter Stoßdämpfer, einer Lenkung, die nur lenkte, wenn sie auch wollte (selten) und Reifenprofilen die so abgefahren waren wie der letzte Zug nach Flensburg, müssen wir es irgendwie nach Carna geschafft haben (sonst hätte ich schwerlich diesen Artikel schreiben können, ihr seid aber auch Füchse!). Falls jetzt jemand versuchen sollte, den Ort auf einer Karte zu finden:

Vergesst es. Wenn ihr den abgelegensten Ort nehmt, den ihr kennt, und ihn ungefährt 400km weiter ins Nichts versetzt, ist das Carna. Für keine nennenswerte Einwohnerschaft gibt es drei Supermärkte, die natürlich auch alle das gleiche verkaufen, viel anderes charakterisiert den Ort nicht (entweder ist das irische Logik oder verschrobener Humor).

Unsere Behausung lag zudem noch weit außerhalb dieses Kaffs, dafür aber direkt am Meer und in karg- zerklüftet- malerischer Umgebung, die selbst für die Aufback- Brötchen beim örtlichen Bäcker entschädigte.

Sollte Irland (genau wie Italien) irgendwann ein zivilisiertes Land werden wollen, wäre es allerdings essentiell, dem Iren folgende Tatsachen näherzubringen:

  • Japaner können genausowenig Autos bauen, wie sie auch nur den geringsten Sinn für zivilisierte Getränke besitzen (Schlangenblut und Spatzenspucke in Dosen, vielen Dank Freunde)

  • Wenn ein Bier schwarz ist, ist das kein Zeichen für besonderen Geschmack oder Qualität, eher würde ich mal nach dem Haltbarkeitsdatum sehen

  • Warmes Wasser ist kein netter Bonus, sondern in zivilisierten Ländern Standard

Natürlich wird jetzt von mir erwartet, wie es so meine Art ist, über den Iren an sich herzuziehen, ihn als ungewaschenen, rauhen Landarbeiterkerl darzustellen, dessen zentraler Lebensinhalt Bier mit merkwürdiger Farbe ist, allerdings muss ich es kurz und ehrlich sagen: Verglichen mit zB. Italienern ist mir wirklich noch kein langmütigerer, freundlicherer Menschentyp untergekommen und deshalb will ich es bei diesen beiden Attributen auch belassen.

Bemerkenswert ist allerdings die Beziehung des Iren zu seinem Schaf: Davon gibt es jede Menge und das ist offenbar auch gut so, weil offenbar über die Jahrhunderte der Haltung dem irischen Schaf jeglicher Überlebensinstinkt quasi ausgetrieben wurde. Selig grast es am Straßenrand und hebt nicht mal den Kopf, wenn es erneut nur dank der Gnade des Autofahrers dem eigentlich sicheren Tod entronnen ist.

Über die Zeit der täglichen Konfrontation mit dem irischen Schaf habe ich folgende abenteuerliche Theorie entwickelt:

Die irischen Landstraßen sind holpriger als die Reime der Söhne Mannheims (und dieser Vergleich), man scheint also keine besondere Mühe in ihren Ausbau gesteckt zu haben (auch wenn ich bis jetzt in 5 Tagen mehr irische Baustellen gesehen habe, als deutsche in einem guten Teil meines bisherigen Lebens). Möglicherweise hat der Ire also seine Landstraßen nur geteert, um den epidemieartigen Graswuchs dort zu verhindern, so also seine Schafe vom absolut suizidalen Gedanken abzubringen, einfach auf der Straße zu grasen.

Eine Aktion mit eher mäßigem Erfolg.

Im Fazit kann ich eine Reise nach Irland so ziemlich jedem empfehlen, allerdings sollte man folgende Dinge nicht erwarten:

  • Touristische Attraktionen abseits von uralten Burgen und kernigen Torfstechern

  • Trinkbares Bier (Abgesehen von dänischen und holländischen Marken, aber unter uns- Der Däne kann im Grunde genommen gernauso gut Bier wie der Japaner Autos. Was das im Klartext heißt und im Vergleich für das dänische Bier bedeutet, kann sich ja jeder selbst ausrechnen)

  • Fotogene Inneneinrichtung

(Der letzte Punkt ist zu vernachlässigen)

Folgende Musik eignet sich gut für eine Reise nach Irland:

  • „On little known frequencies“ von From Monument to Masses

  • So ziemlich alles von den Eels und “Source Tags and Codes” von …trail of dead

Juli 8, 2009

„Furchtbar, dass wir leben müssen, aber tragisch, dass wir nur ein Leben haben.“

Jonathan Safran Foer (Extrem laut und unglaublich nah)

Zu klein

Juli 5, 2009

Die Person Karsten Angert zeichnete sich durch ein mittelmäßiges Gespür für Musik, indisches Essen und Mode aus.
Im Wesentlichen hatte Angert schon immer getan, was sein Freundeskreis für richtig befunden hatte und war damit gut durchgekommen. Er lebte mittelmäßig gut, ohne groß klagen zu müssen, Sicht auf einen Fluss, irgendein Wasser jedenfalls (vom Wohnzimmerfenster aus), 5 Zimmer, Premiere Sport Paket.
Unter der Woche fuhr er einen Mercedes (Dienstwagen), nicht jedoch am Wochenende, weil er ihn dann zu protzig und zu wenig alternativ fand.
Der Tag, an dem Karsten Angert die Schönheit in den Dingen entdeckte, hatte sich nicht großartig angekündigt und begann schlecht. Er hatte verschlafen (zu oft die Snooze- Taste gedrückt), den Kaffee zu stark gemacht und dann beim Ausparken den Clio seines Vermieters zerschrammt, jedoch beschlossen, das erst später irgendwann zu beichten.
Auf der Arbeit hatte er erfahren, dass Fehlmann seinen Report schon zwei Tage vor ihm abgegeben hatte – keine Gehaltserhöhung also-, sich entsprechend geärgert und sich mit einem Kollgen über das Ergebnis eines Fußballspiels verworfen. In der Mittagspause hatte Angert das Übliche gegessen, so hatte es auch geschmeckt (viel Knorpel diesmal) und ihm war plötzlich aufgefallen, dass Fehlmann schon einen neuen Dienstwagen hatte, obwohl er noch garnicht befördert war.
Als Karsten Angert also abends seine Wohnungstür aufgeschlossen hatte, war ihm zum ersten Mal wirklich bewusst geworden, wie unzufrieden er war.
Er bewohnte 5 Zimmer, von denen er nur 3 wirklich brauchte. Er hatte ein Aquarium, aber keine Fische. Wenn die guten Spiele im Fernsehen liefen, wollten seine Freunde meistens in irgendwelche Clubs. Er hatte einen Fluss vor einem Fenster, dass aus Sicherheitsgründen nicht zu öffnen war und von dem er nie etwas sah, weil er zu spät nach Hause kam. Die Liste war so lang, dass Angert sich auf das Sofa (IKEA) setzte und nachdachte.
Ohne zu einem besonderen Ergebnis gekommen zu sein, stellte er Musik an, versuchte aus dem Fenster zu sehen, sah nichts. Jemand rief an, er drückte „besetzt“.
Schließlich, Angert musste wohl eingenickt sein, hatte er plötzlich das Gefühl, als habe jemand die Sonne angeschaltet. Es überkam ihn wie ein Sturm, wie ein Taifun, schüttelte ihn, dass er zitterte und ließ ihn aufspringen. Er rief irgendetwas, ohne sich zuzuhören, drehte die Musik lauter und hoffte, dass der Vermieter kommen würde, um sich zu beschweren.
Dann durchschritt er eilig, hastig, als könnte er etwas verpassen, das Zimmer und schüttete den Inhalt des Aquariums auf den Boden. Mit einem großen, schmiedeeisernen Kerzenständer zertrümmerte er das Wohnzimmerfenster, und hörte den Fluss und die Musik und den Lärm einer Grillparty und Autos und einen Hubschrauber und sah jemanden, der Müll wegschüttete und zwei streitende Nachbarn und einen herrenlosen Hund und einen kaputten Regenschirm am Ufer des Flusses.
Die Erkenntnis, alles verstanden, begriffen zu haben, war plötzlich zu groß für ihn, er wollte alles inhalieren, halten, fassen, einsaugen, sich darin ertränken wie in seinem Wohnzimmeraquarium.
Weil ihm danach war, schaltete er alle Lampen an. Dann las er den ersten Satz eines Buches und rief ihn durch das Fenster, so laut er konnte.
Er fühlte sich erdrückt, zerstampft, konnte alles, alles ändern, alles schaffen, alles zerstören – die Erkenntnis zerrieb ihn und machte ihn noch euphorischer.
Schließlich sackte er erschöpft auf dem Sofatisch zusammen. Die Musik spielte nur für ihn, so laut, dass er irgendwann nur noch lauter und leiser werdendes Rauschen hören konnte.
Das Licht blendete ihn, aber beseelt vom plötzlichen Gefühl, gar keine Augen mehr zu brauchen, starrte er direkt in die Lampe.
Doch als er dort lag, kraftlos und stumm, begannen die Dinge ihn wieder einzuholen. Fehlmann und sein blödes Auto. Der Vermieter, der an der Tür klingelte. Der verpasste Anruf. Nein, er wollte das festhalten, wollte nicht wieder zurück! Ein verpasster Theatherbesuch, ein verpasstes Fußballspiel-
Die Musik war plötzlich zu hell, das Licht zu laut, das Fenster zu offen, weil Angert wieder Angert war.
Angert würde das alles bezahlen müssen, alles musste immer bezahlt werden, er musste Markus zurückrufen, den Vermieter beschwichtigen.
Er stand auf und schaltete die Musik aus.