C. war gerade mit Gartenarbeit beschäftigt gewesen, als er getötet wurde.
Mit der Wucht eines Kometen schlug sein Kopf in eine Ameisenstraße, die zwischen seinen Füßen verlaufen war.
Staub und Erdkörner stoben in in einer dichten Wolke auf, die durch den Dschungel hochhaushoher Grashalme jagte und sich erst dutzende Millimeter weiter verlor.
Im Tod weit weniger Hindernis als im Leben, verlief die Ameisenstraße schon Minuten später über C.´s Schulter. Arbeitern, die gewaltige Gliedmaßen erlegter Gegner oder grammschweres Baumaterial trugen, diente der Geruch ihrer erschlagenen Artgenossen als Wegweiser, der in der dämmrigen Düsternis der Grashalmschluchten sonnenhell strahlte.
Weit außerhalb der Hemisphäre des Ameisenvolks saß auf einem Baum ein Rabe.
Wie ein Riss im Tag erstrahlte sein nachtschwarzes Gefieder, als er die Schwingen streckte und mit klugen Augen C.´s Kopf begutachtete. Die Lage war ungünstig, dachte er, wäre er doch von vorne erstochen worden.
Die Augen waren das beste, jeder wusste das, ungeduldig schüttelte er sich.
Er konnte sie entweder den Ratten überlassen oder warten, bis jemand den Kerl umdrehte.
Kurze Zeit später war seine Geduld erschöpft und er flog ab.

Einige Äste tiefer saß trauernd ein Eichhörnchen.
Wenn kein Wunder geschah, würde seine Familie die nächsten Tage nicht überstehen.
Ein Leichnam lag auf den Vorräten.

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Standbild

Mai 17, 2009

Ein Strahl harschen, dünnen Lichts brach durch halb zugesperrte Fensterläden. Staub schien sich darin zu verfangen und hing grau und regungslos in der Luft.
In einer Ecke des Raums stand auf einem Glastisch ein Flachbildfernseher.
Lautlos flimmerte die Bildfläche, deren stroboskopisches Aufblitzen in unregelmäßigen Abständen eine leere Mineralwasserflasche und einen Aschenbecher anleuchtete.
Zerlesene Zeitschriften bedeckten den Boden, ein Teppich fremden Lebens, das ungreifbar und blass im Raum stand.
Hierher hatte er sich zurückgezogen, an diesen Ort äußerster Kälte und Einsamkeit, doch nicht einmal hier konnte er entkommen.

Gestern Abend hatte er wieder an der alten Bushaltestelle vor dem Altersheim gesessen, sein letztes Bier getrunken und in die Nacht geschwiegen.
Die Party war lau gewesen, gut besucht, aber nicht gut.
Sein Bier hatte schal geschmeckt und ihm war kalt gewesen, aber die Bushaltestelle musste er aushalten, das wusste er, sie war ein Ritual.
Die Nacht hatte kalt und klar über ihm gestanden, aber wie alles schien sie weit, unerreichbar weit entfernt zu passieren. Deshalb brauchte er die Bushaltestelle, brauchte er seine Rituale, Zigarrette danach, Kaffee davor, irgendwann Zeitung und Fernsehen, alles war ein Ritual.
Hornberg auf der Arbeit, dem er um zehn Uhr früh die Berichte brachte, ein Ritual, Partys am Freitag, Kater am Samstag, Arbeit von Montag bis zur nächsten Party.
Ein weiterer Schluck schalen Biers hatte ihn für einen Moment zurück in die Wirklichkeit gebracht.
Grausamerweise hatte er oft den Eindruck, etwas Besonderes zu sein.
Vielleicht der Einzige zu sein, der durch das Gewirr von Alltag blickte, dass man im Lauf eines Lebens um sich sponn; der einzige, der erkannte, das vierhundert Menschen auch bei lauter Musik nichts waren, als eine Summe von Einzelnen, von individueller Einsamkeit.
Deshalb brauchte er seine Rituale, weil es allen anderen irgendwie zu gelingen schien, sich im Leben zu verfangen, irgendwann darin hängen zu bleiben wie im Netz einer Spinne, bis sie schließlich aufhörten, zu zappeln.
Er musste das Leben, dass um ihn herum passierte, festhalten, sich darin einwickeln.
Es waren Momente wie dieser, in denen er aus seinem sorgsam gewobenen Gespinst fiel und in denen er sich plötzlich fragte, ob er vielleicht nur ein Fremdkörper war.
Er hatte über die Straße geblickt, wo gewaltige Laubbäume den schwachen Lichtschimmer von Wohnzimmerfenstern durchließen. Das Leben, das dort passierte, war ungreifbar, drang nur als schwacher Abglanz zu ihm.
Im Zehnminutentakt fuhren Autos die Straße entlang, eine dicke Frau fragte ihn, wo die Schule sei, er deutete vage in eine Richtung.
Freitag Abend hatte ihm die Antwort gebracht, als er erkannt hatte, dass sein Leben nichts war, als toter Selbstzweck, ein Fatalismus, dem er niemals entkommen würde.
Er lebte in einer Metapher.