Lebensaufgabe

März 30, 2009

Durch das kleine Kellerfenster konnten sie sehen, wie der Mond eine Sichel wie ein Kainsmal in den Nachthimmel brannte.
Es waren zwei Männer in dem Raum und keiner von ihnen freiwillig.
„Sehen sie“ sagte einer, und seine Gesichtszüge veränderten sich kaum „ich stecke in einer Zwickmühle.“ Sein Gegenüber bewegte sich nicht.
„Ich habe getötet, also verfolgt man mich. Eigentlich sollte ich Selbstmord begehen, denken sie nicht?“ Er ließ eine Bedeutungspause.
„Mein Gewissen belastet mich sehr, nachts kann ich nicht schlafen, es ist schrecklich.
Das Problem ist nur- sehen sie, ich liebe das Leben. Also habe ich mich gefragt, was tun? Was tun?“
Mondschatten, der durch das Fenster fiel, zeichnete ein Gittermuster auf seine Wangen.
„Die Lösung war naheliegend, sie ist nur kompliziert in der Durchführung.“
Sein Gegenüber hob den Kopf, öffnete die Augen und sah den Wahnsinn, der ihm eine Waffe auf die Brust drückte.
„Sie sind Nummer 251, wenn es sie irgendwie beruhigt.“ sagte er und neigte den Kopf.
„Ich schätze nicht.“

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Regenfäuste

März 28, 2009

Als sie aus dem Fenster sah, regnete es.
Sie hasste die Art von Abend, bei der einem nichts blieb, als die Wahl zwischen Primetime- Fernsehen und Schlafengehen, wie sie alles hasste, was Menschen aufgezwungen wurde.
Ihre Hände spielten gelangweilt mit dem Hals einer halbleeren Bierflasche, die sie schließlich auf dem kleinen Glastisch vor dem Sofa abstellte.
Einen halben Meter entfernt sprach Roberto Blanco mit sonnengebräunter Stimme über die Problematik der Aids- Bekämpfung in Afrika und sein neuestes Album.
Sicher konnte sie ausschalten, aber es war erst kurz nach neun.
Niemand ging um neun Uhr schlafen, nur Ökos und die Sorte Kinder, die taten, was ihre Eltern ihnen sagten.
Darauf hatte sie immer einen Scheiß gegeben, immer, und war damit durchgekommen.
Was es nicht das, worum es überhaupt nur ging, durchkommen?
„In Gute Laune Pur geht es darum, eine positive Grundeinstellung zu bewahren, wissen sie?“
Sie tauschte Robertos Gesicht gegen das von Jauch aus, der Spenden für Tsunami- Opfer sammelte.
Um halb 11 ging sie ins Bett und kam sich progressiv vor.
Willkommen in dem Leben, dass du dir immer gewünscht hast.

Die Scheibenwischer taten ihr Bestes gegen den Regen , der zornig auf die Windschutzscheibe prügelte.
„Schlafen sie?“ Er warf einen Kontrollblick in den Rückspiegel, war mit dem Ergebnis zufrieden und konzentrierte sich wieder auf die Straße.
„Hast du mit Henrichs wegen der Verträge gesprochen?“ ihre Stimme war sanft, etwas tiefer, er mochte das.
„Sicher, Dienstag können wir mit dem Umzug anfangen. Ist auch alles geklärt.“
Die aufblendenden Scheinwerfer eines überholenden Wagens erhellten kurz ihr Gesicht.
„Du weißt, dass meine Mutter-

Ingmann öffnete die Augen- alles war voller Blut.
Seinem eigenen, wie er zu seinem Erschrecken feststellen musste, gleichzeitig mit der Tatsache, dass große Teile der Fahrertür nun zu seinem Körper gehörten.
Oder sich zumindest damit verbunden hatten.
Als er versuchte, nach seinem Handy zu greifen, brach sein rechter Arm endgültig, aber der Schmerz erreichte ihn nicht mehr.
„Wir brauchen größere Fernseher.“ war das Letzte, was er dachte.

Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, dann gähnte und stöhnte er gleichzeitig, was sich weder gut anhörte, noch ihm wirklich gelang.
Wozu jetzt noch Stau?
Entnervt blickte er auf die Uhr. Auch egal, wie spät er kam.
Man kam immer zu spät, meistens wusste man es nur nicht.
Er ließ das Bremspedal los und die Automatik des Wagens kuppelte automatisch ein, brachte ihn ein paar Zentimeter nach vorne, bevor er wieder stillstand.
Seine Finger hatten Katjas Nummer schon halb gewählt, als er das Handy in die Hosentasche zurücksteckte. Besser, er kam unangemeldet, dann konnte sie ihn ja wohl nicht einfach auf die Straße setzen.
Als er wieder einige Zentimeter vorfuhr, kam es ihm erstaunlich vor und ernüchternd, dass sich nach 16 Jahren Ehe sein Besitz auf zwei Koffer reduzieren ließ.
Seine einzige Hoffnung war jetzt noch, dass seine Tochter ihn aufnehmen würde, nur übergangsweise natürlich, bis er wieder etwas aufgebaut hatte. Sicher- ihre Wohnung war klein, aber besser als irgendein Hotel, zumal das Geld kostete, das er dringend brauchte.
Von einem Käfig in den nächsten.

Lebensweisheiten

März 25, 2009

Es war einer dieser regnerischen Mittwoch-Nachmittage, an denen mich das Leben wie üblich vor eine Sinnkrise stellte.

Diesmal fiel sie jedoch besonders tiefgreifend und aufwühlend aus- nichtsdestotrotz begann alles sehr harmlos.

Ich öffne meine Standard- Newsseite (shortnews.de) und denke mir nichts böses.  Der Entertainment- Bereich verrät mir auf einen Blick zunächst folgendes: Fergie und Katie Price (Who the fuck is Fergie??) versteigern ihre Unterwäsche, soweit nicht schlimm, kann ja jeder mit seinem Kram machen, was er will.

Ich also draufgeklickt, diese schlauen Hunde aber auch, „Unterwäsche“ ist schließlich ein altbekannte Trigger für das Männerhirn. Auf einmal trifft es mich wie zwanzigtausend verschissene Schläge:

Eine harmlose Werbung unter dem eigentlichen Artikel stellt mich vor die Frage, die ich mir schon vor Wochen, Monaten, schon vor dem eigentlichen Beginn meines Lebens (die ersten 10 Minuten Pokemon Gold- Edition) hätte stellen müssen- „Was weisst du über Quitten?“

„Scheiße“ denke ich, und nichts anderes als „Scheiße“, NICHTS weiß ich über Quitten, absolut  nichts und irgendwie wird mir klar, dass das das Faktum sein könnte, das ich ändern muss, um aus meinem Leben so ein erfülltes, quasi Zen-mäßiges Ding zu machen.

Ich scheiße also auf alles wichtige, alles was ich noch zu tun hätte, und google „Quitten“:

Wikipedia sagt:

Die Quitte [ˈkvɪtə] (Cydonia oblonga) ist die einzige Pflanzenart der Gattung Cydonia, die zu den Kernobstgewächsen (Pyrinae) der Familie der Rosengewächse (Rosaceae) gehört.

What the fuck? Auf meiner Suche nach dem Sinn des Lebens bringt mich das auch nicht weiter. Hier muss entschlüsselungs- Arbeit geleistet werden. Ich und das Team von Gallileo Mystery sowie irgendjemand, von dem niemand wusste, was er hier eigentlich zu suchen hatte,  mussten also zunächst klären, what the fuck „Kernobstgewächse“ eigentlich waren.

Völlig klar, „Wenn du eine Quitte essen willst, suche nach Kernobst“, oder so, Zen- Style eben.

Mit der Hilfe von Ayman Abdallah, Roberto Blanco, einem britischen Formel- 1 Team, dem Maskottchen von Subways, einem Chinesen aus der Nachbarschaft, irgendeinem Typen, der in meinem Schrank lebt, meiner Oma, zwei Freunden von meinem Bruder, einer Kassiererin aus einem örtlichen Discounter, zwei streikenden Bahnern, einem Autoreifen, zwei Flaschen „Birds- Nest“ und einem rohen Ei gelang es uns schließlich, unter Aufwendung all unserer Kraft, sämtlicher verfügbarer Geldreserven (2,31€ und ein halbes Kaugummi) und nicht zuletzt der stimmungsaufhellenden Wirkung von Robertos Stimme, allen Spuren des rätselhaften Kernobstes bis an ihr Ende zu folgen.

Wir fanden folgendes heraus:

„Für die Aktivitäten der Wikinger gibt es höchst unterschiedliche Quellen mit sehr unterschiedlichem Aussagewert.“

Kluft

März 16, 2009

Bis zu dem Tag, an dem Herr Oswald starb, hatte niemand ihn gekannt.
Die meisten bestritten, jemals den Namen gehört zu haben, selbst, als sie die Kondolenzkarte mit der Einladung zu seiner Beerdigung empfingen.
Es war ein Sonntag und unanständigerweise regnete es nicht, was alles mehr wie ein Gartenfest als wie eine Trauerfeier aussehen ließ. Menschen standen in großer Zahl um das Loch, in dem der Tote vergraben werden würde, und blickten betreten zu Boden.
Irgendjemand fasste sich schließlich ein Herz und warf eine Schaufel Erde auf den Sarg, man klopfte ihm solidarisch auf die Schulter, murmelte „wird schon wieder“.
Insgesamt schafften es alle Einwohner des Städchens, Herr Oswalds Begräbnis ohne größeren Gesichtsverlust hinter sich zu bringen, die volle Tragweite seines Todes sollte sich jedoch erst Wochen später zeigen.

„Was zum Teufel machst du da?“ Garnsbergs Stimme unterstrich eindrucksvoll seine Gesichtsfarbe, die ihm das Aussehen eines Vulkans kurz vor dem Ausbruch verlieh.
„Keine Ahnung, ich… weiß nicht. Irgendwie geht’s nicht mehr..“ murmelte der Junge und legte, womit er sich beschäftigt hatte, bei Seite.
„Wir machen das hier schon seit Jahrhunderten, wir sind ein Traditionsbetrieb! Seit Monaten leistest du tadellose Arbeit und jetzt… das?“
In einer Ecke des kleinen Raumes, der hauptsächlich von einer Neonlampe über der Arbeitsbank erhellt wurde, stapelten sich verbogene Eisenteile.
„Es geht nicht mehr, glauben sie mir doch! Ich versuchs ja und versuchs…“
„Gib das her!“ Garnsberg nahm dem Jungen einen Hammer aus der Hand und begann, mit Enthusiasmus, jedoch ohne erkennbaren Erfolg, auf zwei kleine Metallstücke einzuhämmern, die wehrlos auf der Arbeitsplatte lagen.
Anschließend nahm er sie auf, wog sie einige Sekunden in der Hand und versuchte dann, sie zu bewegen. Erfolglos natürlich, denn sie hatten sich verbogen und ineinander verkantet.
Einige Versuche später musste auch Garnsberg die Sinnlosigkeit seines Bemühens einsehen und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
„Hast wohl Recht, Junge. Besser, du machst erst mal Feierabend, wir werden schon rausfinden, worans liegt.“

Als Garnsberg sich zwei Tage später ein neues Auto kaufte und auf seiner ersten Fahrt durch den Ort beschloss, noch etwas beim Fleischer zu holen, hatte er die Lösung für sein Problem immer noch nicht gefunden.
Seit Ewigkeiten hatte seine Familie nie etwas anderes getan, als diese Dinger zusammenzustecken, und er konnte sich nicht erinnern, dass sie dazu jemals einen Hammer gebraucht hatten.
Beunruhigt schüttelte er den Kopf und blickte aus dem Seitenfenster. Wenn ihm nicht bald etwas einfiel, war seine ganze Existenz gefährdet.
Im Elektronikladen an der Ecke spielten die Fernseher verrückt und zeigten nur Testbilder an, während eine Frau auf dem Bürgersteig vergeblich versuchte, ihren Kinderwagen von der Stelle zu bewegen. Wie denn auch, lachte Garnsberg in sich hinein, das Ding hatte ja keine Räder!
Vor ihm zog ein Mann einen Wagen mit Tageszeitungen über den Zebrastreifen, ebenfalls radlos.
Garnsberg trat ein wenig auf die Bremse, würde wohl noch dauern, bis der da rüber war.
Es dauerte bloß Millisekunden, bis er begriff, dass sie nicht funktionierte.
Ungläubig trat er das Bremspedal durch, vollkommen wirkungslos, zog die Handbremse, schaltete den Motor ab-

„Warum haben sie so lange gebraucht? Und warum sind sie zu Fuß hier?“
„Gehen sie endlich bei Seite!“ brüllte der Arzt und schob den Mann weg, „Er verblutet!“
Um den Unfallort hatte sich eine Menschtraube gebildet, die von den anwesenden Polizisten nur schwer zurückgehalten werden konnte.
„Schwester, geben sie mir Mull, jede Menge Mull!“
„Mein Name ist Armin…“ murmelte Armin und tastete nach seinen Beinen, von denen das Meiste allerdings nicht länger Teil seines Körpers war.
„Gut für sie, Armin!“ rief der Notarzt, während er damit beschäftigt war, Verbände überall dort hineinzuschieben, wo es blutete.
„Er ist noch bei Bewusstsein, schnell! Schwester, wie lange braucht der Hubschrauber noch?“
„Das kann noch dauern, die haben Startprobleme!“
„Verfluchter Mist! Armin? Armin, halten sie durch!“
„Mein Name ist Armin.“ sagte Armin und blutete.
Der Arzt fühlte seinen Puls am Hals und sah kurz auf die Uhr.
„Schwester, er verblutet! Oh verdammt!“
Armin schloss die Augen und gab einen tiefen Seufzer von sich.
Die Menschentraube stöhnte auf und mit ihr die Polizisten, die sich zu den Gaffern gesellt hatten.
„Er hat einen Herzstillstand, schnell! Geben sie schon her!“
In einer Geste verzweifelter Hoffnung presste der Notarzt ein kompliziert aussehendes Gerät auf Armins zertrümmerte Brust, wieder und wieder, dann noch einmal, schließlich in immer größeren Abständen, bis er es schließlich aufgab.
Der Arzt blickte auf die Uhr.
„Zeitpunkt des Todes, vierzehn Uhr zwölf, Todesursache: Herzstillstand nach akutem Blutverlust. Warum zum Teufel funktioniert dieses Ding nicht?“

Auch später sollte niemand dahinter kommen, was Herr Oswald eigentlich getan hatte.
Die einhellige Meinung war, dass es wohl wichtig gewesen sein musste und vor allem mit Dingen zu tun hatte, von denen man ausging, dass sie einfach funktionierten.
Herr Oswald war gestorben, wie er gelebt hatte; einsam. Und er hatte keine Lücke hinterlassen, sondern eine Kluft.

Um 19.15 schalte ich den Fernseher ein. Was läuft? Galileo auf Pro7. Gut, normalerweise sehe ich mir das nicht mehr an, früher waren die mal ganz intelligent, heute könnte man sich als Equivalent wahrscheinlich auch TalkTalkTalk reinziehen.

Der einzige Grund also, warum ich der Sendung eine Chance gebe, ist das Interesse an einer Reportage über „Killerspiele“, im Zusammenhang mit dem Amoklauf von Winneden aktuell wieder ein großes Thema. Pro7 hat irgendwo einen Lehrer des Erfurter Gutenberg- Gymnasiums aufgetrieben, der sich im Auftrag der besseren Menschen „auf eine Reise begibt“ um „zu verstehen, ob Killerspiele wirklich im Zusammenhang mit Amokläufen stehen“.

Die Antwort ist einfach: Natürlich tun sie das. Die obrige Frage gerät allerdings traurigerweise im Verlauf der Reportage immer mehr in den Hintergrund, obwohl ihre ausführliche Klärung gerade auf einem Quotensender wie Pro7 sicher dazu beigetragen hätte, die Stigmatisierung von Computerspielern zu beenden. Stattdessen läuft, wie schon der Gebrauch des Worts „Killerspiele“ andeutet, zwanzig Minuten lang das übliche Programm.

Schreckliche Ereignisse wie eben der Amoklauf von Winneden führen leider auch hier zu einem erschreckenden Populismus, der vor keiner Grenze halt macht. An dieser Stelle kommt dann der Titel dieses kurzen Artikels zur Geltung:

Obwohl die Reportage mit den Worten (ungefähr) endet „Killerspiele sind nicht der alleinige Grund für Amokläufe“, werden in ihr Computerspieler, Menschen wie ihr und ich, allesamt in einen Topf geworfen und zu Versagern und Suchtgefährdeten erklärt. In den erwähnten zwanzig Minuten fällt das Wort „Killerspiele“ wahrscheinlich öfter als jede Konjunktion, immer wieder wird ein und die gleiche Szene aus irgendeinem Egoshooter gezeigt; der Spieler rennt durch einen dunklen Gang, ein Typ taucht auf, wird erschossen und knallt gegen die Wand, wo er tot zusammensackt.

Die einzigen Beispiele von Spielern, die in der Reportage auftauchen, sind ausgemergelte, realitätsferne Gestalten mit klischeeigen Essgewohnheiten, was zum einen natürlich sicher teilweise der Fall ist, aber im größeren Maßstab gesehen eine so geringe Teilmenge der Spielergemeinschaft ausmacht, dass es schier lächerlich ist.

Computerspielsucht ist ein Problem, das, behaupte ich mal, in den nächsten Jahren an Bedeutung eher noch gewinnen wird. Die einseitige Berichterstattung, die Pro7 in seiner Reportage jedoch betreibt, ist lachhaft, wenn auch clever auf die Quote ausgerichtet: In diesem Fall richtet sich Galileo,vor allem mit dem ältlichen Lehrer, der durch die Reportage führt, ganz klar an die 40+ „wir verstehen unsere Kinder nicht mehr'“- Generation.

Zur Verfügung gestellt werden keine Fakten, es findet keine sachgemäße Erläuterung statt sondern nur ein erneuter Aufguss der altbekannten Begriffe „Killerspiele“, „Spielesucht“, „künstliche Welt voller sinnloser Gewalt und Macht“. „Ego- Shooter“, ein Terminus, der meiner Meinung nach klar und deutlich die Ausrichtung der sg. „Killerspieler“ verdeutlicht, fällt nur zweimal, und das auch nur, weil er auf Schildern steht, die eingeblendet werden.

Eine vernünftige Kommunikation zwischen Eltern und Kindern, wenn es ums Thema Computerspiele, besonders Ego- Shooter, wird durch solche Reportagen gezielt verhindert, ohne auf die Folgen zu achten. Wenn eine solche Kommunikation nämlich nicht stattfindet, kommt es zu genau solchen Massakern wie in Winneden.

Gewagt, meiner Meinung nach aber nicht einmal zu weit aus dem Fenster gelehnt, stelle ich die These auf: unsachgemäße, inkonsequente und populistische Berichterstattung wie die von Gallileo auf Pro7 wird in Zukunft immer mehr eine Teilschuld an solchen Gewaltausbrüchen tragen.

Statt beispielsweise das soziale Umfeld von Patienten einer Klinik für Computerspielsüchtige zu beleuchten, wird dieses nur am Rande erwähnt- ist doch viel interessanter, was sie eigentlich gespielt haben und warum sie so viel Freude an sinnloser Gewalt im Spiel haben. Ich sage euch warum: Weil sie an schwerwiegenden psychischen Problemen leiden, weil ihr soziales Umfeld sie ausstößt oder missachtet und weil sich niemand auch nur einen Dreck um ihre wirklichen Probleme schert.

Im Fazit bleibt nur zu sagen, dass, im Angesicht der stigmatisierenden und fahrlässig bruchstückhaften Berichterstattung aktueller Medien zum Thema Ego- shooter, der älteren Generation nichts bleibt, als sich selbst zu informieren. Was hindert Eltern daran, sich Computerspiel- Zeitschriften zu kaufen? Nichts. Die Berichterstattung dort hilft allerdings, Gedankengänge der Kinder nachzuvollziehen und sorgt vor allem für eine fehlerfreie Information über das, was die lieben Kleinen eigentlich so spielen.

Daniel Kehlmann- Ruhm

März 8, 2009

Nach langer Zeit melde ich mich mal kurz wieder mit etwas, das mir wirklich am Herzen liegt: Keiner Rezension zwar, aber zumindest eine Stellungnahme (Scheiße, klingt das ernst..) zu Kehlmanns neuestem Wurf- Ruhm, ein Roman in neun Geschichten.

Ein Buch, kurz gesagt, dessen Cover allein mich schon überzeugt hätte. Aber das tut ja hier nichts/ wenig zu Sache, schließlich gehts ja um den Inhalt. Um das ganze kurz auf den Punkt zu bringen, gibts hier den Klappentext:

„Ein Schriftsteller mit der unheilvollen Neigung, Menschen, die ihm nahestehen, zu Literatur zu machen, ein verwirrter Internetblogger, ein Abteilungsleiter mit Doppelleben, ein berühmter Schauspieler, der lieber unbekannt wäre, eine alte Dame auf der Reise in den Tod: Ihre Wege kreuzen sich in einem Geflecht von Episoden zwischen Wirklichkeit und Schein. Ein Spiegelkabinett voll unvorhersehbarer Wendungen- komisch, tiefgründig und elegant erzählt vom Autor der „Vermessung der Welt“. “

Einigen allgemeinen Bemerkungen der Kritiker kann ich hinsichtlich des Inhalts durchaus zustimmen: Wer eine zweite „Vermessung der Welt“ erwartet hat, findet hier sicher nicht das, was er sucht- wohl aber etwas anderes, gleichwertiges, vielleicht sogar besseres.

Der neue Kehlmann ist subtil im Witz und subtil in der Sprache, das Hauptmerkmal der „Vermessung“ rückt er geschickt bei Seite, ohne es aber ganz außer Acht zu lassen, was den Eindruck vermeidet er habe Angst, sich vielleicht zu wiederholen: Die indirekte Rede kommt zwar vor, aber hier nur, wo sie auch passt und nicht, wie in der „Vermessung der Welt“ als einzige Dialogform. Das nimmt den Gesprächen in Ruhm den omnipräsenten Witz, der in Kehlmanns letztem Werk in jedem gesprochenen Satz mitschwang. Dieser Witz weicht hier einer Schärfe und Klarheit, die guttut und einer der Hauptgründe war, warum ich „Ruhm“ an einem Tag verschlungen habe.

Auch in diesem Roman demonstriert Kehlmann eindrucksvoll, dass er zu Recht unzählige Wochen an der Spitze der Bestseller- Listen stand. Seine Sätze saugen dich ein, fesseln dich und fließen in- und durcheinander, scheinen verwoben wie ein guter Teppich und lassen nur selten Unfeinheiten erkennen.

Die Art der Geschichten ist ebenfalls eine ganz andere- Der Autor schreibt in neun Geschichten von Leben, die irgendwie mit einander verwoben sind, auf fatale Art. Dabei zeigt sich oft eine Boshaftigkeit, die mich beim Lesen wirklich gestochen und zugleich auch gepackt hat. Auch, wenn die Protagonisten nur kurz porträtiert werden, lassen sie den Leser mitleiden, teilweise mit einem bösartigen Lächeln auf den Lippen, teilweise mit echtem Mitleidsgefühl.

Dabei fällt ein Schwachpunkt des Romans besonders auf: Kehlmann scheint irgendwie doch Angst gehabt zu haben, die Leser der „Vermessung“ zu verschrecken. Wohl aus diesem Grund finden sich in „Ruhm“ kleine running- Gags, die beim ersten und zweiten Mal noch lustig sind, bei einem der Charaktere, Leo, dem Autor, auch durch die ganze Geschichte.  Maria Rubinstein jedoch, die in einem ihr fremden Land strandet, von der hintergründigen Bosheit des Lebens einfach wie Strandgut angespült wird und keine Möglichkeit der Rückkehr mehr findet, die ihrem Schicksal bis ins letzte ausgeliefert ist und deren Machtlosigkeit der Autor mit beeindruckender Wortgewalt 24 Seiten lang zelebriert- Maria Rubinstein, einer der meiner Meinung nach am besten gelungensten und zugleich tragischsten Charaktere des Buchs, bekommt an jeder Station ihrer Rundreise Schwein mit Majonaise, spätestens, als die dramatische Wende absehbar wird, macht das keinen Spaß mehr.

Ebenfalls nicht gut gelungen finde ich die Geschichte des Bloggers. Sicher, sie mag ein Experiment sein, ein gescheitertes, wenn ihr mich fragt. Kehlmann bedient sich eines Sprachregisters, dessen er ohne Frage nicht mächtig ist- der Internetforen- und Blogsprache. Ausdrücke wie „voller Container“ habe ich tatsächlich noch nie irgendwo gehört und die haben mich wirklich aus dem Text geworfen. Ansonsten sind die Charaktere jedoch gut gelungen, eine Stelle gibt es mit der ich garnichts anfangen kann:

Rosali, eine der Figuren aus einer der Geschichten von Leo Richter, dem Autor, will sich das Leben nehmen und hadert mit sich selbst und mit dem Tod, der ihr durch den Autor aufgezwungen wird. Als ich sie im prinzip schon für faktisch tot hielt, rettet der Autor sie doch noch und.. naja, hat mich irgendwie enttäuscht.

Zum Abschluss muss ich noch einem der Hauptkritikpunkte allgemeiner Buchkritiker wiedersprechen:

Ich finde die Verwebung der Geschichte ist sehr subtil gelungen und wirkt, anders als behauptet, alles andere als aufgezwungen.

Insgesamt also 8,5/ 10 Punkten für den neuen Kehlmann, ein wirklich empfehlenswertes Werk, dass vor allem experimentierfreudige Leser ansprechen dürfte. Kehlmanns Sprache fasziniert einfach, und meiner Meinung nach dürfte „Ruhm“ so schnell niemanden loslassen, der es mal in die Finger bekommen hat.

Bis die Tage-