Momentan noch titellos

Februar 1, 2009

I

Als er an einem Donnerstagmorgen U- Bahn fuhr, konnte er seine Finger nicht mehr spüren.
Ein Mann und eine Frau auf der Sitzbank gegenüber sahen immer wieder befremdet zu ihm herüber,  während er seine tauben Hände massierte, dann lange anstarrte und schließlich gegen die Eisenstange schlug, an der sich einige stehende Fahrgäste festhielten.
Eine Weile saß er stumm und als der Mann und die Frau die Bahn verlassen hatten, merkte er, dass er seine Station verpasst hatte.
Während er auf den Zug nach Hause wartete, spürte er, wie seine Füße langsam kalt wurden, kalt, bis sie sich stumpf anfühlten  und tot als wären es nicht seine.
Eine alte Frau mit Hund stieß ihn an und er fiel in den Dreck.
Züge fuhren ein und aus wie im Zeitraffer, er lag auf den Fliesen und blickte an die graue Decke, während sein Rücken nach und nach aufhörte zu schmerzen.
Schließlich stand er auf und ging nach Hause, zu Fuß.
Der stechende Wind machte ihm nichts und er brauchte die Hände nicht nicht in die Taschen zu stecken.

II

Beim Abendessen fragte sie ihn plötzlich, warum er so schreie.
„Ich schreie nicht.“ schrie er und blickte vom Essen auf.
„Du schreist.“ sagte sie nur und es war das vorletzte Mal, dass sie sprachen.
Als er abends einige Notizen diktierte und sie anschließend abhörte, drang nichts weiter aus dem  Lautsprecher, als wortloses Gebrüll.
In dieser Nacht saß er lange am Schreibtisch, versuchte zu sprechen,  irgendetwas, verstand sich nicht.
Sein Bett war kalt und die Laken rau, doch das spürte er nicht.
Auf der Arbeit störte es niemanden, dass er schwieg und als ein anderer fragte, ob er heute in die Bar gehe, blickte er nur zu Boden, bis er wieder allein war.
An diesem Abend kam sie und holte ihre Sachen und obwohl ihre Lippen sich lange bewegten, konnte er nichts hören als „Ich.“
Auch die Nachbarn und Kollegen sagten fortan nur noch „Ich“, immerzu, aber es störte ihn nicht, denn es war, was sie immer gesagt hatten.

III

Das Leben um ihn dauerte an, aber er fühlte es schon bald nicht mehr.
Oft saß er einfach nur da und betrachtete Dinge, die ihn nicht interessierten.
„Es ist gut“ dachte er, „das interessiert mich nicht und endlich habe ich es begriffen.“
An einem Mittwoch betrachtete er sich im Spiegel und merkte, wie fade er geworden war.
Seine Farben wirkten müde und seine Konturen schwach.
Als er schließlich fast zur Gänze verblasst war, begann ihm das Essen zunehmend schwerer zu werden. „Ich sollte etwas essen“ dachte er manchmal und tat es doch nicht.
So begann er auch außerhalb des Spiegels zu verblassen, nahm es nicht wahr.
Als er tot war, vergruben sie ihn in der Erde und er lächelte traurig dazu.
Einige Tage zuvor hatte er in der Stadt ein Kind gesehen, dessen Farben noch leuchteten, so hell fast, dass es ihn blendete. Es hatte die dicken Fäustlinge ausgezogen und dann lange die Hände betrachtet.

Werbeanzeigen