Vormittagsbewohner

Januar 29, 2009

Ab zehn Uhr leben Menschen in dieser Stadt.
Bevölkern Einkaufspassagen, sitzen in Cafes, lesen Bildzeitung.
Es scheint ihnen keinen Spaß zu machen, mehr so ein berufsmäßiges leben, lesen, sitzen.
Ein Mann mit Kinderwagen schaut verfolgt auf, als er angeblickt wird und dann weg. Nicht mal in Ruhe arbeiten kann man hier.
Das ist so ein Kaff, denkt ein Tourist, wo Leute ihre Autos abstellen, um dann in richtige Städte zu fahren. Ein 40.000- Seelen Parkplatz.

Berufshalbstarke stehen in einer Gasse und rauchen lustlos, weil ihnen niemand zusieht.
„Haste ne Schnellfickerhose an oder was?“ meint einer und erntet Unverständnis.
„Er ist neu“ entschuldigt ein anderer, dann erklärt er: „Satzfetzen ohne Zusammenhang erst ab 12, verstanden?“
Der Neue hat nicht verstanden, er ist dumm.
Seine Branche ist auf dem absteigenden Ast, der Job ist schlecht bezahlt und die Aufstiegschancen sind mies.

Zwei Straßen weiter hat der Gemüsehändler eine Barrikade errichtet und staut im Damm- Stil die Vormittagsbewohner auf. Das gehört nicht zur Routine, stört aber niemanden, weil alle wissen, der Gemüsehändler ist bekloppt.
Ein Mann in olivgrüner Jacke beugt sich mit kritischem Blick über eine Gurke, befindet sie für qualitativ minderwertig und kauft sie trotzdem.
Heute Abend kommt sie eh zurück auf den Stand.

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Blumentopf

Januar 27, 2009

Es hat hier einen Kreisverkehr
nur fahrn da keine Autos her
Geparkt am Wegrand, Stahlkarossen
der Kreisverkehr, der bleibt verlassen
sieht mehr aus, wie ein Blumentopf.

Trotzdem in die Fremde

Januar 26, 2009

Die Landstraße schweigt dich an
Es ist Null Uhr, sie hören
Die Nachrichten
nur nichts
was interessiert
Vollmond verdichtet die Dunkelheit
Der Beifahrersitz stummt unbesetzt
Weiße Linien führen nach Hause
.
Trotzdem in die Fremde

Project: Aftermath

Januar 15, 2009

So, nach geschätzten anderthalb Jahren Arbeit ist es endlich fertig. Zugegebenermaßen allerdings eher, weil ich mich dazu genötigt fühlte, als weil ich wirklich wollte.

Project: Ʌftermath.

Rattenkäfig

8:42 – Ozery, ca. 80Km südöstlich von Moskau
Bis auf das Donnern von Geschützen in der Ferne war der Morgen perfekt.
Tereschkow stand auf einem der Balkons des Rathauses und blickte durch die verschmierten Sichtgläser seiner Gasmaske gen Norden.
In dem sackähnlichen Schutzanzug, der ihn schon in den Morgenstunden zum Schwitzen brachte, war seine breitschultrige, hochgeschossene Statur nur zu erahnen, doch ohne Schutzkleidung war man schnell ein toter Mann im Russland dieser Tage.
Die Sonne war gerade aufgegangen und flutete die dreckigen Straßen der Kleinstadt mit kaltem Licht, erweckte den verrottenden Körper aufs Neue zum Leben.
Ja, Ozery stank nach Tod.
Nicht etwa, weil die Straßen voller Leichen gewesen wären oder eine Seuche ausgebrochen war.
Es stank nach Tod, weil die Bewohner der Stadt starben, jede Sekunde, jede Minute, jeden Tag.
Die deutschen Verbände der EAN rückten unermüdlich vor und konnten immer noch Land gutmachen, obwohl sie kaum mehr waren als ein Haufen Krüppel mit Waffen.

Wenigstens das konnte man ihm nicht vorwerfen.
Golowa Tereschkow hatte sein Regiment stets in tadellosem Zustand gehalten.
Noch im Angesicht der Strahlung Truppenübungen durchgeführt, die Disziplin aufrechterhalten, und wehe dem, der Anzug oder Maske nicht trug.
Sicher saßen ihm die Männer des Hochkomissariats im Nacken, ja, aber Disziplin und Ordnung waren schon immer seine Steckenpferde gewesen.
Schade- hätte man ihn an einer bedeutenden Front stationiert, hätte er vielleicht wirklich etwas bewirken können.
Stattdessen saß er in diesem Kaff fest, und wartete auf den Tod.
Sie waren umzingelt und die Deutschen hungerten sie aus; den Sadismus hatten sie sich bewahrt.

Während Tereschkow zwei ausgemergelte Soldaten beobachtete, die einige Meter unterhalb ein Maschinengewehr über die Straße trugen, hörte er, wie jemand hinter ihm den Balkon betrat.
Zackig, selbstsicher- Tereschkow brauchte sich nicht umzudrehen.
Zu seiner Linken trat eine drahtige Gestalt an das Geländer.
Der Mann hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und sah auf die Straße, wo ein rumpelnder Armeelaster anhielt um mit Munition für den äußeren Verteidigungsring beladen zu werden.
“Guten Morgen, Golowa.” Netschajews Stimme klang dumpf unter seiner Maske.
Trotzdem war der drohende Unteron unüberhörbar, der bei jedem seiner Sätze mitschwang.
“Ist dies ein guter Morgen, Hochkomissar?” fragte Tereschkow, ohne ihn anzusehen.
Die beiden Soldaten mit ihrem Maschinengewehr verschwanden um eine Straßenecke;
sie würden heute unter den ersten sein, die fielen.
“Nun, Golowa. Wir können hier stehen mit freudiger Erwartung auf den Tod im Dienste des Vaterlandes und haben unsere Schuld erfüllt. Für uns ist es ein guter Morgen.”
Tereschkow stöhnte kaum hörbar. Er hätte mit einer solchen Antwort rechnen müssen.
“Die Männer werden an diesem Abend zehnmal verbitterter kämpfen als gestern noch, weil auch sie wissen, dass sie sterben werden. „Der Tod spornt zum Werk“, wenn ich mich recht erinnere.”
Der Golowa sah ihn schmunzeln und zuckte plötzlich zusammen, als in einigen Metern Entfernung Gewehrsalven die morgendliche Stille zerrissen. Sofort schnellte seine Hand zum Funkgerät, doch Netschajew machte nur eine wegwischende Geste und lachte kurz und humorlos.
“Nur einige Erschießungen. Die Verräter wollten aus der Stadt fliehen, um dem Feind Informationen zu liefern.”
In seinen Augen spiegelte sich Verachtung.
“Nach allem, was wir für sie getan haben.“
Tereschkow entspannte sich wieder und lehnte sich über das Geländer, um das Verladen der Munition besser beobachten zu können.
“Haben sie gestanden?” fragte er tonlos.
Als Antwort kam nur ein erneutes, freudloses Lachen.
Natürlich hatten sie gestanden, die armen Bastarde. Damit Netschajew endlich aufhörte, sie zu quälen.
“Nun, dann werde ich jetzt auf die Straßen gehen und mit den Soldaten sprechen, Golowa. Morgen werden wir alle tot sein.”
Nicht überrascht, weil er keinen freundlicheren Abschied erwartet hatte, wandte Tereschkow seine Aufmerksamkeit nun vollends dem Laster zu.
Fünf Mann hatten eine Kette gebildet und reichten sich die schweren Munitionskisten, als wären es nur Pappkartons.
Was für eine Ironie des Schicksals:
Das ganze Land ging vor die Hunde, Männer und Frauen starben im Kugelhagel, an Krebs, an der Angst- und in Ozery, der einzigen noch verteidigten Stadt im Umkreis von dutzenden Kilometern, funktionierten die Soldaten wie im Lehrbuch.
Die letzte ”Vollstreckung“, wie Netschajew seine Erschießungen zu nennen pflegte, hatte es vor Wochen gegeben.
Und obwohl es nichts zu essen, kein sauberes Wasser, keinen Alkohol und keine Huren mehr gab, taten seine Männer ihren Dienst besser als je zuvor.
Vielleicht wollten sie sich beweisen vor irgendeinem Gott, Tereschkow war es egal.
Heute Abend würde es zu Ende gehen- sie wussten es, er wusste es.
Vielleicht würde man die Zivilisten verschonen, Unterschied machte es keinen, weil sie keine Schutzkleidung hatten und sowieso sterben würden.
Es klopfte dreimal gegen den Türrahmen und Tereschkow sah aus dem Augenwinkel Pudowkin, den Grafen auf den Balkon treten.
Er trug seine Ausgehuniform, dazu einen Nerzmantel, keine Gasmaske. In beiden Händen  hielt er Gläser, die mit einer rubinroten Flüssigkeit gefüllt waren.
“Golowa Tereschkow, mein lieber Ilja! Wie ist die Lage?” Pudowkin grinste und hielt dem Offizier eines der Kristallgläser hin, dass dieser widerstrebend annahm.
Es war ohnehin nur eine Geste.
“Nun, wir sind umzingelt, haben kaum noch Munition und wenn die EAN heute Abend beschließt, Ozery zu stürmen, wird die Stadt fallen.”

Kumpelhaft legte der Graf ihm einen Arm um die Schulter und gestikulierte mit seinem Weinglas in die Ferne, wo die Feuer der Hauptstadt zu sehen waren.
“Dies, ist Russland, Ilja! Wir sind hier geboren und werden wohl hier sterben, das ist wahr. Aber doch nicht schon heute!” der Adlige machte ein empörtes Gesicht und trank einen Schluck.
“Heute morgen erst habe ich die Meldung gehört- sie schicken eine Armee, eine ganze Armee, um Ozery zu befreien!”
Tereschkow schüttelte nur mitleidig den Kopf und starrte in die Ferne.
Der Graf war so entsetzlich naiv- und zudem Schuld, dass sie alle hier festsaßen.
Wenn er sich vor drei Wochen nicht geweigert hätte… Egal, jetzt war es ohnehin zu spät.
Der größte Beweis der Blauäugigkeit Pudowkins war jedoch, dass er als einziger noch den Funk abhörte. Jeder in der Stadt wusste, dass dort seit ewigen Zeiten nur noch Propaganda und Lügen verbreitet wurden.
Die Exilregierung bewegte aufgeriebene Regimenter, um toten Soldaten zu Hilfe zu eilen.
“Schüttelt nicht den Kopf, Golowa. Heute Abend werdet ihr ja sehen.”
Pudowkin trank einen weiteren Schluck.
“Und wenn schon- dann verlieren wir eben den äußeren Verteidigungsring. Wir haben immer noch die Innenstadt, und da, habt ihr gesagt-”
Tereschkow unterbrach ihn unwirsch und sah ihm in die Augen.
“JA, Graf, aber das ist Wochen her. Recht habt ihr, es spielt keine Rolle, ob wir den äußeren Ring verlieren! In diesem ganzen Nest hier gibt es nichts mehr, was zu verteidigen lohnt!”
Für eine Sekunde schien sich Pudowkins Blick zu klären und er sah den Offizier unverwandt an.
“Dies ist unser Land, Ilja. Unsere Vorväter haben diese Stadt gebaut und so Gott will, werden unsere Nachkommen sie wiederaufbauen. Ich mag kein Taktiker sein und ich weiß, dass ihr mir die Schuld an all dem hier gebt, zurecht vielleicht. Aber sagt nicht, dass es sich nicht lohnt, diese Stadt zu verteidigen.”
Der Golowa sah wieder auf die Straße und schwieg.
Die Soldaten hatten den Laster beladen und er fuhr rumpelnd und stinkend die Straße herunter.
In der Stille, die er hinterließ, zwitscherten einige Vögel, die auf einem blattlosen Baum im Garten des Rathauses saßen.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hängte eine junge Frau Wäsche zum Trocknen auf eine Leine, ihr Gesicht war müde und zeugte von den Entbehrungen des Kriegsalltags.
Hoffentlich würde sie die Nacht überleben.
“Nun, Golowa, ich gehe wieder rein, mir ist kalt. Wenn ihr mich benötigt, wisst ihr, wo ihr mich findet.”
Tereschkow nickte nur, er wusste genau, wann er den Grafen das nächste Mal sprechen würde.
Er betete, dass der Zeitpunkt bald kam.

0:25
“Golowa, sie brechen überall durch, was sollen wir tun?”
Das Gesicht des Meldegängers war beschmiert mit einer Mischung aus Camouflage, Tränen und Blut. In den Augen des jungen Mannes stand entsetzliche Angst, während er in der Tür des Befehlsstandes verharrte.
Zusammen mit Tereschkow besetzten die verbliebenen höherrangigen Offiziere des Regiments den Blechverhau, der vor dem Rathaus errichtet worden war. In den vergangenen Wochen hatte er sie hinlänglich vor Regen und Wind geschützt.
Tereschkow überlegte, doch es gelang ihm nicht, einen vernünftigen Gedanken zu fassen.
Während Gewehrfeuer, Schreie und das Donnern von Artillerie unablässig anschwollen und verebbten, merkte Ilja, dass er von allen angestarrt wurde.
Man erwartete von ihm zu handeln, die rettende Idee aus dem Hut zu zaubern.
Und er hatte niemanden, an den er sich wenden konnte, den er um Rat fragen und verantwortlich machen konnte für dieses Desaster- Pudowkin einmal ausgenommen.
“Sag den Männern, sie sollen sich zum Rathaus zurückziehen. Sie sollen Barrikaden an der 101. und 105. Straße errichten.”
Der junge Mann salutierte nur kurz und verschwand dann in der Nacht.
Jeder hier wusste, was dieser Befehl bedeutete.
“Sich zum Rathaus zurückziehen”.
Das wars, Ende, weiter ging es nicht.
Wenn man mit dem Rücken zur Wand stand, konnte man keinen Schritt mehr zurückgehen.
Einer der anderen Offiziere stand auf, nahm seine Jacke vom Stuhl und verließ den Befehlsstand.
Einige Sekunden später ertönte ein gedämpfter Schuss und etwas schweres klatschte wie ein nasser Sack auf den Asphalt.
Auch Tereschkow stand auf und ging.
Er schüttelte keine Hände und sprach keine warmen Worte, wenigstens das erwartete niemand von ihm.
An einer Straßenecke konnte er Netschajew sehen, der eine Pistole auf einige zerlumpfte Soldaten gerichtet hielt. Sie standen mit hinter dem Kopf verschränkten Armen an einer Wand, vielleicht Deserteure, vielleicht auch nicht.
Tereschkow blieb einen Moment stehen und sah in den Himmel.
Aus dem Augenwinkel konnte er beobachten, wie der Komissar die Männer erschoss und dann das Magazin seiner Dienstpistole achtlos auf den Boden fallen lies.
Ohne einen weiteren Blick auf die Toten oder den Offizier zu werfen, der mit aufgeplatztem Schädel vor der Befehlsbarracke lag, schritt Netschajew auf den Golowa zu und reichte ihm die Hand.
Tereschkow ergriff sie und schüttelte sie kurz, während er sich Innerlich vor der Berührung ekelte.
Selbst für diese Zeiten war der Hochkomissar eine Bestie.
“Ich habe keine Munition mehr, Tereschkow, leihen sie mir ein Magazin?”
Ilja nickte und gab ihm, was er verlangte.
“Viel Glück.”
Ohne ein weitere Wort zu sagen, drehte Netschajew sich auf dem Absatz um und schritt in die Nacht.

Die Luft im Inneren des Rathhauses war stickig.
Die Eingangshalle war schon vor langer Zeit in ein Lazarett umgewandelt worden und es herrschte heilloses Chaos. Da es weder Medikamente noch saubere Verbände gab, war dies im Grunde nur ein angenehmerer Ort, an den man die Verwundeten zum Sterben gebracht hatte.
Energisch schritt Tereschkow durch Reihen blutgetränkter Matratzen und sich krümmender Gestalten, ignorierte ihn anbrüllende und ihm sogar drohende Ärzte und gelangte schließlich in das Arbeitszimmer des Bürgermeisters, in dem der Graf seit Beginn der Belagerung residierte.
Hier war die Luft besser und als er die schwere Eichentür geschlossen hatte, konnte Tereschkow das Wüten der Schlacht nur noch sehr leise und gedämpft vernehmen.
Der Graf, immer noch in seinen Nerzmantel gehüllt, sah von einem Stapel Akten auf.
“Ah, Tereschkow. Wie läuft die Schlacht?”
Der Golowa salutierte zackig, dann schritt er zu dem schweren Schreibtisch und legte seine Pistole darauf ab.
“Wir haben verloren.” sagte er nur und setzte sich dem Adligen gegenüber auf einen hölzernen Lehnstuhl.
“Was haben wir verloren? Den äußeren Ring? Die Elendsviertel?” fragte dieser und widmete sich wieder seinen Akten.
“Die Schlacht, Pudowkin. Wir haben die Schlacht verloren.”
Schnaufend löste der Offizier die Verriegelung seiner Gasmaske und atmete die frische Luft des Arbeitszimmers. Hier würde er sterben, an der Seite seines Vorgesetzten, wie es das Protokoll vorsah.
Pudowkin sah kurz erneut zu ihm auf, dann nahm er eine bauchige Flasche aus einer der Schubladen des Schreibtischs und goß etwas von ihrem Inhalt in zwei Gläser.
In der Stille dröhnte das Gluckern des Getränks in Tereschkows Ohren wie ein direkt neben ihm abgefeuertes Gewehr.
Ohne auf sein Gegenüber zu warten, trank er sein Glas mit einem Schluck aus.
Der Alkohol brannte auf seiner Zunge, in seiner Speiseröhre, in seinem Magen wie ein trotziger Beweis dafür, dass er noch am Leben war.
Plötzlich klopfte es heftig an der Tür, Tereschkow stand auf und öffnete.
Einer der anderen Offiziere, Ulanow stand da. Er atmete schwer und seine Finger ruhten am Abzug einer automatischen Waffe, die er sich umgehängt hatte.
“Wir haben die Barrikaden errichtet, wie sie befohlen haben, Golowa. Was tun wir jetzt?”
Ein verzweifelter Wahn glänzte in den Augen des Offiziers, er klammerte sich mit aller Verbissenheit an sein Leben.
Wortlos schloss Tereschkow die Tür.

Klaustrophobie

Tag 1213, 7:00. Zeit, aufzustehen.
„Ich bin wach…“ murmelte Jasha müde und drehte sich ein letztes Mal auf die Seite.
Unerbittlich piepste das Wecksignal weiter, der Computer hatte seine Lüge enttarnt.
Wie jeden Morgen.
Füße aus dem Bett, den rechten zuerst aufsetzen.
Den Sand aus den Augen reiben.
„JAJAJA, ICH BIN DOCH WACH!“
Jashas wütender Fausthieb traf einen in der Wand angebrachten Monitor, was dieser lediglich mit einem Flackern quittierte.
Vielleicht würde der Wecker Ruhe geben, wenn er die Dusche anstellte.

Schläfrig tapsten seine Füße in die enge Kabine und die verkalkten Düsen in der Decke begannen seine morgendliche Wasserration auszuspeien.
Jasha hatte aufgehört, sich bei der Vorstellung zu ekeln, in seinem eigenen, filtrierten Urin zu duschen. Zu Hause hatte er manchmal aus dem Hahn getrunken, hier hatte er das nur einmal versucht und sich danach erbrochen.
Um am nächsten Morgen in seiner filtrierten Kotze zu duschen.
Ein Piepen meldete, dass er seine Wasserdosis aufgebraucht hatte und der Strahl versiegte abrupt.
Gelangweilt beseitigte Jasha die letzten Tropfen der trüben Flüssigkeit, die lustlos über seinen dürren Körper krochen.
Ob man mit der Brühe überhaupt sauber werden konnte?
Jeden Tag die gleichen Gedanken, er konnte förmlich spüren, wie er in jeder Hinsicht abstumpfte.
Es kam ihm vor, als sagte er jeden Tag die gleichen Sätze und tue jeden Tag exakt das Gleiche wie am Tag davor, und wahrscheinlich war dem auch so.

Knirschend öffnete sich die schwere Schutztür seines winzigen Zimmers und gab den Blick auf einen kurzen, trostlosen Flur frei.
Teure Wandteppiche versuchten, die Atmosphäre aufzuwärmen; die einheitsgrauen Betonwände und die viel zu hellen Energiesparlampen an der Decke machten den Versuch jedoch bereits im Ansatz zunichte.
Wie jeden Morgen trugen Jasha seine Schritte zuerst in die Küche, wo Sanja das Frühstück zubereitete.
Er grüßte sie nicht, sie grüßte ihn nicht.
Natürlich nicht, sie war ja auch vollkommen bescheuert. Ein lebensbedrohlicher Entschluss, sie immer noch die Mahlzeiten zubereiten zu lassen.
„Der Baron möchte gleich frühstücken.“ sagte sie, wie jeden Morgen, während ihre Hände blind fertig portionierte Nahrungsrationen einer in der Wand angebrachten Apparatur entnahmen.
Mit ihrer Glatze und der gepunkteten Schürze wirkte sie nicht nur androgyn, sondern zugleich auch wie die Karikatur jeder Hausfrau, die jemals gelebt hatte.
Das Leben hier unten war eben nichts weiter als ein Wettstreit der Hässlichkeiten.
Trist.
Abstoßend.
Langweilig.
“Du solltest ihm jetzt seinen Tee bringen.”

Ein Tag mit einer ungeraden Zahl, also gab es Rührei mit Speck und Toast.
Rührei, das wie Eiter aussah und auch so schmeckte.
Gummiartige, genormte Scheiben eines geschmacklosen Weißbrotes.
Form- und farblose Kügelchen, die nicht die geringste Ähnlichkeit mit Speck hatten und auch nicht versuchten, den Anschein zu erwecken.
Matschig.
Ekelhaft.
Widerlich.
Der Baron bedachte ihn mit einem argwöhnischen Blick.
„Isst du nicht, Jasha?“
Er überlegte einen Moment.
Was sollte das für eine Frage sein?
„Doch Herr, ich versuche nur, den Ekel zu überwinden.“, erwiderte er schließlich.
<<Isst du nicht?>>
Als hätte er eine Wahl.

Dann das immergleiche Gespräch, jeden Morgen.
Sie reihten Phrasen an Worthülsen an Phrasen, bar jeden Sinns.
<<Hört ihr das? Es donnert wieder.>> würde er jeden Moment sagen.
„Hört ihr das? Es donnert wieder.“ sagte der Baron und schmierte Rühreimasse auf seinen Toast.
<<Ja Herr, das sind wohl die Engländer.>> würde sie gleich sagen und von ihrem Frühstück aufsehen.
„Ja Herr, das sind wohl die Engländer.“ sagte Sanja und hob den Kopf.
Aus ihren blauen Augen erntete Jasha einen verächtlichen Blick.
Sie aßen 15 Minuten, wie immer.
Wie lange würde es dauern?
Hatte er alles richtig gemacht?
Würde er es bereuen?
Unverwandt blickte der Baron ihn an- das war anders, jetzt durchbrachen sie die Routine.
Zufrieden grinsend richtete der bullige Mann sich auf und verschränkte die Arme.
„Hat es geschmeckt?“
Jasha überlegte. Was sollte er antworten?
Was antwortete man auf diese Frage?
Er wurde zunehmend nervös und nickte schließlich.
Jetzt oder nie.
„Ich habe euch vergiftet, Herr.“ sagte er und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
Während Sanja weiter aß, als hätte sie nichts gehört, blickte der Baron ihm in die Augen.
„Sag, wie viel zahle ich dir im Monat?”
Jasha schwieg nur und sah an die Decke.
“Du weißt, wenn wir den Krieg gewonnen haben, -”
Der Baron hielt inne, dann wischte er sich den Mund ab und faltete seine Serviette ordentlich zusammen.
„Ich habe euch auch vergiftet.“
<<Ich habe euch auch vergiftet.>>
<<Ich habe EUCH AUCH vergiftet.>>
Überrascht nahm Jasha die Tatsache zur Kenntnis, dass er sterben würde.
Sanja natürlich auch. Immerhin etwas.
Sie würden hier liegen, zusammengesunken in ihren Stühlen und verwesen.
Niemand würde jemals ihre Leichen entdecken.
Es würde auch niemals jemand nach ihnen suchen.
Lohnte es sich, noch einmal aufzustehen?
Er blickte dem Baron in die Augen und dann in Sanjas Gesicht, das zu einer ungläubigen Fratze verzerrt war.
Blödes Stück, hockte da und glotzte nur dumm, wie-
Als Jasha sie anschreien wollte, musste er plötzlich feststellen, dass seine Lunge sich weigerte, ihm zu gehorchen.
Kurz und mit vagem Interesse beobachtete er, wie dem alten Mann silbriger Geifer aus dem Mundwinkel lief und auf seinen Morgenmantel tropfte.
Fellbesatz! Wozu sollte Fellbesatz an einem Morgenmantel gut sein?
<<Wahnsinnig>> dachte er dann,  <<Ich muss vollkommen wahnsinnig sein.>>.

Heldentod

Ein monotones Piepen und das Aufflackern der chemischen Lampe wecken mich.
Unerbittlich bohrt sich das Röcheln der Atemluftaufbereitung in mein Bewusstsein und ich öffne die Augen.
Schal schmeckende Luft flutet meine Lungen während die beiden Offiziere aufwachen, mit denen ich das Zelt teile.
Ich krieche aus meinem Schlafsack, komme langsam auf die Beine.
Reibe mir nicht die Augen, oder fahre mir verschlafen mit der Rechten über die Glatze.
Schon vor Wochen sind uns die Antiseptika ausgegangen und alles ist voller Schmutz und Krankheit.
„Morgen Krüger.“
Volsom steht neben mir, leicht gebückt.
Er ist ein Riese, einhundertzehn Kilogramm Muskeln und animalische Schläue.
Der Einsatz hat ihn gezeichnet, seine totenblasse Haut hebt sich kaum vom camo-grau der Zeltwand ab.
Und seine Stimme.
Wenn er redet, klingt es, als ob es ihn körperlich anstrengen würde.
Vor einem Monat hat er seine Maske verloren, seine Lunge ist bereits zerfressen.
Er weiß, dass es zu Ende geht und auf eine unheimliche Weise macht ihn das noch tödlicher.
Ich bedenke Volsom mit einem Nicken, während ich meine Flakjacke überziehe und Meyer einen leichten Tritt in die Seite verpasse, damit er nicht wieder einschläft.
Er dankt es mir mit einem Grunzen, stützt sich auf die Hände und kriecht ebenfalls aus seinem Schlafsack.
Meyer ist Deutscher wie ich und eigentlich ein einfacher Soldat.
Dann hat irgendso ein Kommunistenwichser Leyland, meinen zweiten, erledigt und Meyer ist aufgerückt.
Sein Gesicht hat etwas schweinisches und sieht viel zu rund aus, noch bis vor wenigen Tagen hat er sich an den Rationen der Männer bedient.
Er redet nicht viel, seit ich ihm dafür vor dem Rest des Trupps die Quittung gegeben habe.

Volsom merkt, dass ich in Gedanken versunken bin, und wirft mir einen ernsten Blick zu.
„In einer Woche bin ich tot, und dann wird Meyer meinen Platz einnehmen. Besser, du drehst nicht auch noch durch, sonst verreckt ihr alle.“, sagen seine Augen.
Er ist bereits fertig und zieht seine Jacke zu.
„Weck die Männer.“
Volsom nickt und schließt die behelfsmäßige Luftschleuse des Zelts hinter sich.
Seinen Schutzanzug hat er einem der Soldaten gegeben, er braucht ihn nicht mehr.
„Leutnant“ salutiert Meyer und grinst dämlich.
Vielleicht ist er wahnsinnig, oder ich, oder wir beide.
Auch heute werden wir töten.

Wie eine stinkende zweite Haut schmiegt sich das Gummi der Atemmaske an mein Gesicht und alter Schweiß läuft aus der Kapuze des Schutzanzugs in meinen Nacken.
Meine Hand, die in einem plumpen Handschuh steckt, bedient das „Öffnen“-Feld der Schleuse.
Ein letztes Mal röcheln die Säuredüsen über mir -die Tanks sind schon lange leer.
Dann lösen sich Magnetverriegelungen und mit einem Zischen weicht die Luft aus der Vorderseite der Luftschleuse, sodass die „Tür“ in sich zusammenfällt wie ein kaputter Ballon.
Meine Augen gewöhnen sich langsam an das natürliche Licht, während ich mit dem Würgereiz kämpfe; was ich durch die Gasmaske atme schmeckt nach Chemie, schmeckt nach Atomkrieg.
Vielleicht werde ich mich nie daran gewöhnen.
Von allen Seiten starren die leeren Augenhölen ausgebrannter Fenster auf uns nieder und wünschen uns den Tod.
Sie werden ihren Willen bekommen, früher oder später.
Wellige, pechschwarze Überreste von Putz blättern von den Wänden, die nach dem Inferno der Bomben noch stehen.
Volsom und zwei der Wachposten klettern über die Schutthalde, die vom zweiten Stockwerk eines der Gebäude bis zum Boden reicht und kommen in lockerem Laufschritt auf mich zu.
Die jungen Soldaten tragen ihre Schutzanzüge und Gasmasken vorschriftsmäßig, bleiben in vielleicht zwei Schritt Entfernung stehen und salutieren.
Schriftzüge auf den Brustteilen ihrer Anzüge weisen sie als Davey und Klingel aus, Frischlinge aus der dritten Aushebung.
Wenn man sie beobachtet, wie sie sich bewegen, sich gegenseitig absichern, die Gewehre lässig geschultert, könnte man sie für Veteranen halten.
Doch sie sind nur noch Hüllen.
Der Krieg hat sie ausgebrannt und ihnen die Persönlichkeit genommen; sie haben den Wahnsinn einfach übersprungen und sind bereits tot.
“Leutnant, die Späher melden, dass alles ruhig war heute Nacht.”
Ich blicke Volsom an.
Es ist nie ruhig.
Er zuckt nur mit den Schultern und schickt die beiden zum Laster.
“Hol mir den Funker.”

Karess war mal ein gutaussehender Bastard.
Dann hat es seine Maske erwischt, und ihn das rechte Auge gekostet.
Unter dem schmutzigen Verband, den er um den Kopf gewickelt trägt, heben sich deutlich Wucherungen ab.
Er hat seinen Schutzanzug abgelegt und trägt nur Tarnkleidung, in der Rechten ein gepanzertes Stahlgehäuse, das Langstreckenfunkgerät.
Den Gruß spart er sich, setzt sich schweigend auf einen Trümmerblock und wählt das Oberkommando an.
Es beginnt das allmorgendliche Austauschen von überflüssigen Sicherheitscodes und Statusberichten.
Schließlich ein Befehl, eine Feindgruppe davon abhalten, hinter unsere Linien zu gelangen.
Als ob wir noch Linien hätten.
Spielt sowieso keine Rolle, denn dieser Krieg kennt nur ein Gesetz:
Töten wir sie nicht, töten sie uns.

Ich sitze im Führerhaus des Lastwagens, links neben mir Carson, der das Fahrzeug steuert.
Er ist als Soldat nicht mehr zu gebrauchen, weil ihm ein Bein fehlt.
Vier Mann eskortieren den Laster in lockerem Laufschritt, während Volsom einen kleinen Spähtrupp anführt und Meyer mit dem Rest des Zugs auf der Ladefläche sitzt.
Jeden Tag stelle ich mir die Frage, wie diese Männer noch funktionieren können.
Die Frage, wie es technisch möglich ist, noch nach Monaten in dieser Hölle ohne Fragen zu stellen Befehle zu befolgen, die sich in ihrer Absurdität jeden Tag aufs Neue überbieten.
Verkrüppelte Soldaten kämpfen mit siechen Milizen um Ruinen verseuchter Städte
Willkommen im dritten Weltkrieg.

Wir biegen in die Kamrowa ein und eine Gruppe skelettdürrer Kinder flüchtet panisch in eine Hausruine.
Weiter vorne Volsom mit zwei Spähern, die sich zwischen zerschossenen Autowracks langsam vortasten und den gröbsten Schrott beiseite schleppen, um eine Fahrrinne für den Laster zu schaffen.
“Wir sind gleich da!” brüllt Carson über das Stampfen des 500-Ps Motors und deutet auf eine brandfleckige Karte, die auf der Mittelkonsole befestigt ist.
Ich nicke und greife nach meinem Funkgerät.
“Ganzer Zug halt!”
Auf meinen Befehl steuert Carson den Lastwagen in eine winzige Seitenstraße, die ab der Hälfte nicht mehr befahrbar ist.
Ich öffne die Tür und springe aus dem Führerhaus, passiere die Eskortsoldaten, die mich halbherzig grüßen.
An der Hauptstraße angelangt, stoße ich fast mit Volsom und seinen Männern zusammen.
“Zwei Transporter, Ecke Twerskaja und Molotow.”
Volsoms Sätze sind militärisch kurz, je weniger Wörter, desto weniger Schmerz.
“Sind wohl in einen Hinterhof, rasten.”

Im automatischen Feuer unserer Gewehre stirbt der Feind einen gnädigen Tod.
Nur wenigen bleibt überhaupt genug Zeit um zu realisieren, dass sie angegriffen werden, bevor sie sterben.
Die verstrahlten Gestalten werden regelrecht auseinandergerissen, als hunderte Kugeln in ihre zerfressenen Körper eindringen und ihnen den lange ersehnten Tod bringen.
Ich sehe das Massaker, sehe Köpfe, die wie Wassermelonen platzen, Bäuche, die von Gewehrsalven aufgerissen werden und Eingeweide über den dreckigen Boden verteilen.
Ich sehe Fontänen dunkelroten Blutes, das in der kalten Mittagssonne schimmert und sich literweise auf Trümmer und über menschliche Körper ergießt.
Das konzentrierte Feuer von sechsundzwanzig Gewehren durchschlägt Knochen und reißt Gliedmaßen ab, zerfetzt die Fahrertür des einen Lasters, als wäre sie aus Papier und vernichtet innerhalb von zehn Sekunden achtundzwanzig Leben.
Und doch sehe ich nichts was mich erschüttern könnte,
nichts, was mich berührt.

Ich hebe die Hand und sofort verstummt das Feuer.
Der chemische Geschmack der Luft wird überdeckt von Schwefelgestank und dem schweren metallischen Odeur frischen Blutes.
Immer noch schweigen die Männer, auch während des Gemetzels haben sie keinen Laut von sich gegeben.
Es ist das einzige, was uns wirklich verbindet-
Unsere Seelen sind tot.
Ich schwinge mich aus einem Fenster und lande federnd auf einem kleinen Vordach, von wo aus ich in den Hof hinabklettere.
Mit einem Grunzen sinken meine Stiefel einige Millimeter tief in den Morast aus altem Staub, Dreck und Blut, der den Untergrund des Hinterhofs bedeckt.
Durch ein Meer aus toten Körpern wate ich zu Volsom, der bei einem der Laster auf mich wartet.

Wortlos bückt er sich und fischt eine Hundemarke aus dem See aus Blut, reicht sie mir.
Ich drehe sie in den Händen und wische mit der rechten den Schmutz ab.

Die Marke trägt eine Gravur in Blockschrift:
Oberleutnant Titus Maurer, Protestant
Blutgruppe A Negativ
Erlösung

Seit Tagen schon liegt er im Dreck, trinkt silbrig schillerndes Wasser aus einer Pfütze.
Kann sich nicht bewegen, kann kaum noch atmen.
Erschöpft blinzelt er Fliegen aus den Augen, widerliche Dämonen, die in seinen Beinen und seinem Rücken brüten und von ihm zehren wie von einer schönen Erinnerung.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite spielen dürre Kinder im Seuchenschlamm.
Niemand kann ihnen mehr helfen, sie sterben wie das Land.
Ein Schmerz wühlt in seinen Eingeweiden, reißt an Leber und Milz und lässt ihn aufstöhnen.
Gequält verdreht er die Augen und blickt in den Himmel.
In der Ferne speien Raketenlafetten Tod in den Morgen, Kinderschreien gleich vergeht ihr gleißender Hass in der Ferne.
Stille verschlägt ihm plötzlich den Atem, die Kinder heben die Köpfe.
Ein Heulen und Krachen, wunderbar und schrecklich, endlich hört er es auch.
Himmelhell strahlend gräbt eine zweite Stonne sich in den kranken Boden.
In unwirklichen Glanz gehüllt stimmt der Chor der Todgeweihten ein; geschrieene Psalme lassen das Land erbeben.
Sein Herz schlägt nicht mehr.

Heimkehr

Wassilis Stiefel knirschten müde über den Asphalt seiner Auffahrt.
Die Landstille drückte auf seinen Ohren und übertönte fast das helle Kreischen, dass sich dort irgendwann in den vergangenen zehn Jahren eingenistet hatte.
Auf dem Hügel hinter dem Haus reckten sich dürre Grashalme der Sonne entgegen. Saurer Regen hatte sie arg mitgenommen, doch sie würden überdauern.
Das Haus selbst sah verwittert aus, es war ein kleiner, zweistöckiger Holzbau, um den herum sich kilometerweit Graswüste erstreckte, menschenleer und trostlos.
Es schien ihn nicht willkommen zu heißen, vielmehr schien es ihm egal zu sein.
Ein Wunder überhaupt, dass es noch stand.
Wassilis Schritte führten ihn bis an das Tor, die Auffahrt war nicht lang genug für seine Gedanken.
Horchend verharrte er und strich mit dem Daumen über den abblätternden Lack, der in der Morgensonne rostrot vom Holz brach und in tausend kleinen Flocken zu Boden rieselte.
Nicht einmal hier, nicht einmal in der Einöde der Tundra ließ ihn der Krieg in Ruhe, nicht einmal jetzt.
Penetrant schrie, keuchte, brüllte, zeterte er in seinem Ohr, verfluchte ihn, wie er den Krieg verfluchte.
Ob jemand auf ihn wartete? Das Haus gewiss nicht, es machte keinen Hehl aus seiner Gleichgültigkeit.
Rot gestrichene Fensterrahmen waren plötzlich weißgrau und aus den Küchenfenstern blitzte nicht einmal Argwohn, nur die Morgensonne.
200 Kilometer zu Fuß, Junge, eine Strecke, mochte jemand sagen. Wassili war sie gelaufen, weil er wusste, dass es nötig war.
Schweigend hatte er Schritt an Schritt gereiht, verlassene Straße an verlassene Straße.
Das Tor knirschte auf und widerwillig fast betrat er das Grundstück.
Der kleine Baum, der seinem Schlafzimmer Schatten gespendet hatte, war gestorben und Wassili fand an dem Gedanken Gefallen, dass er es vielleicht aus Einsamkeit getan hatte.
Auf der Veranda vor dem Haus stand ein Schaukelstuhl, ein klischeebehaftetes Relikt aus der Zeit, als die Leute sich noch Filme angesehen hatten. Jetzt sah er so klapprig aus, dass er wohl nicht mehr als den Versuch überstehen würde, sich auf ihn zu setzen.
Wassili bestieg die kleine Treppe zur Haustür wie einen Berg, auf dem er sich jeden Meter erkämpfen musste und zur Tür hin wurde ihm die Luft zu dünn.
Kurz entschlossen setzte er sich auf den Schaukelstuhl, der trotzig standhielt und blickte in die Ferne.
Das Haus ist leer. Du bist umsonst gekommen, alter Narr.
Er lehnte sein Gewehr an die Wand und schaukelte.
Jetzt war er einsam.
All die Zeit, 200 Kilometer nach Hause, zehn Jahre Krieg, ein Jahr Ausbildungslager, hatten ihm seine Gedanken Gesellschaft geleistet.
Jetzt war das Haus leer und alt, so wie er und viel zu weit weg von allem und trotzdem nicht weit genug.
In der Laube stand ein alter Lada, hoffte Wassili zumindest.
Mit etwas Spucke konnte er den vielleicht wieder zum Laufen bringen, mit etwas Spucke und Glück.
Ein leiser Windstoß strich ihm über die Wange und trieb ihm den Zorn aus dem Kopf.
Wozu auch zornig sein? Er war frei, frei und hatte endlich Gewissheit.
Jetzt würde er den Wagen reparieren und vielleicht eine Arbeit in der nächsten Stadt bekommen.
Wahrscheinlich war noch Kaffee im Haus und etwas altes Brot, er konnte sich nicht erinnern, in den vergangenen Jahren von etwas anderem gelebt zu haben.
Im Grunde bin ich immer allein gewesen. Meine Freunde sind gefallen, also ist es so, als hätte ich sie nie gekannt, denn ich erinnere mich kaum an sie. Meine Familie ist fort, also denken sie, ich sei tot und vielleicht ist es besser, ich denke das gleiche von ihnen.
Ich werde ins Haus gehen und Kaffee machen, sagte er laut und stand auf.
Einige Tage später fuhr er in die Stadt und kaufte Brot und Zigarretten.
Auf dem Rückweg hatte er alle Fenster geöffnet und lauschte dem Land, wie es seine toten Zellen abstieß, langsam zu neuem Leben erwachte.
Und der Krieg brüllte und wütete in seinem Kopf und war sein einziger Begleiter.

Sie hatten es immer gewusst, mit dem Jungen stimmte etwas nicht.
Jetzt saß der kleine Niklas inmitten seines vollkommen verwüsteten Kinderzimmers, dessen Wände Fingermalfarbe und einigen übleren Dingen beschmiert waren und blickte sie mit großen, wütenden Augen an:
„Ordnung“,schrie er „ist vollkommen subjektiv!“

Jonathan öffnet die Tür.
Sein müdes Gesicht wird angestrahlt vom hell erleuchteten Hausflur, als er in den Salon stürzt, wo eine Uhr viertel vor Elf zeigt.
Das Gluckern eines alten Whiskeys fügt sich harmonisch in die Stille ein, während er sich halb auf einen der viel zu hohen Barhocker setzt.
Ein halbes Glas Jimmy kriecht seinen Rachen herab und zündet seinen Magen an. Er verzieht die Mundwinkel, puh ist das bitter.
“Jonathan” denkt er “Was ist das überhaupt für ein Scheiß Aristokratenname.”

Phrasencollage

Januar 6, 2009

morgen ist auch noch ein
jetzt kanns ja nur noch
du solltest mal wieder
mach dir nichts draus
aus dir rauskommen
wird schon wieder
besser werden
früher war
tag