Project: Ʌftermath.

Part.two- Klaustrophobie

Tag 1213, 7:00. Zeit, aufzustehen.
„Ich bin wach…“ murmelte Jasha müde und drehte sich ein letztes Mal auf die Seite.
Unerbittlich piepste das Wecksignal weiter, der Computer hatte seine Lüge enttarnt.
Wie jeden Morgen.
Füße aus dem Bett, den rechten zuerst aufsetzen.
Den Sand aus den Augen reiben.
„JAJAJA, ICH BIN DOCH WACH!“
Jashas wütender Fausthieb traf einen in der Wand angebrachten Monitor, was dieser lediglich mit einem Flackern quittierte.
Vielleicht würde der Wecker Ruhe geben, wenn er die Dusche anstellte.

Schläfrig tapsten seine Füße in die enge Kabine und die verkalkten Düsen in der Decke begannen seine morgendliche Wasserration auszuspeien.
Jasha hatte aufgehört, sich bei der Vorstellung zu ekeln, in seinem eigenen, filtrierten Urin zu duschen. Zu Hause hatte er manchmal aus dem Hahn getrunken, hier hatte er das nur einmal versucht und sich danach erbrochen.
Um am nächsten Morgen in seiner filtrierten Kotze zu duschen.
Ein Piepen meldete, dass er seine Wasserdosis aufgebraucht hatte und der Strahl versiegte abrupt.
Gelangweilt beseitigte Jasha die letzten Tropfen der trüben Flüssigkeit, die lustlos über seinen dürren Körper krochen.
Ob man mit der Brühe überhaupt sauber werden konnte?
Jeden Tag die gleichen Gedanken, er konnte förmlich spüren, wie er in jeder Hinsicht abstumpfte.
Es kam ihm vor, als sagte er jeden Tag die gleichen Sätze und tue jeden Tag exakt das Gleiche wie am Tag davor, und wahrscheinlich war dem auch so.

Knirschend öffnete sich die schwere Schutztür seines winzigen Zimmers und gab den Blick auf einen kurzen, trostlosen Flur frei.
Teure Wandteppiche versuchten, die Atmosphäre aufzuwärmen; die einheitsgrauen Betonwände und die viel zu hellen Energiesparlampen an der Decke machten den Versuch jedoch bereits im Ansatz zunichte.
Wie jeden Morgen trugen Jasha seine Schritte zuerst in die Küche, wo Sanja das Frühstück zubereitete.
Er grüßte sie nicht, sie grüßte ihn nicht.
Natürlich nicht, sie war ja auch vollkommen bescheuert. Ein lebensbedrohlicher Entschluss, sie immer noch die Mahlzeiten zubereiten zu lassen.
„Der Baron möchte gleich frühstücken.“ sagte sie, wie jeden Morgen, während ihre Hände blind fertig portionierte Nahrungsrationen einer in der Wand angebrachten Apparatur entnahmen.
Mit ihrer Glatze und der gepunkteten Schürze wirkte sie nicht nur androgyn, sondern zugleich auch wie die Karikatur jeder Hausfrau, die jemals gelebt hatte.
Das Leben hier unten war eben nichts weiter als ein Wettstreit der Hässlichkeiten.
Trist.
Abstoßend.
Langweilig.
“Du solltest ihm jetzt seinen Tee bringen.”

Ein Tag mit einer ungeraden Zahl, also gab es Rührei mit Speck und Toast.
Rührei, das wie Eiter aussah und auch so schmeckte.
Gummiartige, genormte Scheiben eines geschmacklosen Weißbrotes.
Form- und farblose Kügelchen, die nicht die geringste Ähnlichkeit mit Speck hatten und auch nicht versuchten, den Anschein zu erwecken.
Matschig.
Ekelhaft.
Widerlich.
Der Baron bedachte ihn mit einem argwöhnischen Blick.
„Isst du nicht, Jasha?“
Er überlegte einen Moment.
Was sollte das für eine Frage sein?
„Doch Herr, ich versuche nur, den Ekel zu überwinden.“, erwiderte er schließlich.
<<Isst du nicht?>>
Als hätte er eine Wahl.

Dann das immergleiche Gespräch, jeden Morgen.
Sie reihten Phrasen an Worthülsen an Phrasen, bar jeden Sinns.
<<Hört ihr das? Es donnert wieder.>> würde er jeden Moment sagen.
„Hört ihr das? Es donnert wieder.“ sagte der Baron und schmierte Rühreimasse auf seinen Toast.
<<Ja Herr, das sind wohl die Engländer.>> würde sie gleich sagen und von ihrem Frühstück aufsehen.
„Ja Herr, das sind wohl die Engländer.“ sagte Sanja und hob den Kopf.
Aus ihren blauen Augen erntete Jasha einen verächtlichen Blick.
Sie aßen 15 Minuten, wie immer.
Wie lange würde es dauern?
Hatte er alles richtig gemacht?
Würde er es bereuen?
Unverwandt blickte der Baron ihn an- das war anders, jetzt durchbrachen sie die Routine.
Zufrieden grinsend richtete der bullige Mann sich auf und verschränkte die Arme.
„Hat es geschmeckt?“
Jasha überlegte. Was sollte er antworten?
Was antwortete man auf diese Frage?
Er wurde zunehmend nervös und nickte schließlich.
Jetzt oder nie.
„Ich habe euch vergiftet, Herr.“ sagte er und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
Während Sanja weiter aß, als hätte sie nichts gehört, blickte der Baron ihm in die Augen.
„Sag, wie viel zahle ich dir im Monat?”
Jasha schwieg nur und sah an die Decke.
“Du weißt, wenn wir den Krieg gewonnen haben, -”
Der Baron hielt inne, dann wischte er sich den Mund ab und faltete seine Serviette ordentlich zusammen.
„Ich habe euch auch vergiftet.“
<<Ich habe euch auch vergiftet.>>
<<Ich habe EUCH AUCH vergiftet.>>
Überrascht nahm Jasha die Tatsache zur Kenntnis, dass er sterben würde.
Sanja natürlich auch. Immerhin etwas.
Sie würden hier liegen, zusammengesunken in ihren Stühlen und verwesen.
Niemand würde jemals ihre Leichen entdecken.
Es würde auch niemals jemand nach ihnen suchen.
Lohnte es sich, noch einmal aufzustehen?
Er blickte dem Baron in die Augen und dann in Sanjas Gesicht, das zu einer ungläubigen Fratze verzerrt war.
Blödes Stück, hockte da und glotzte nur dumm, wie-
Als Jasha sie anschreien wollte, musste er plötzlich feststellen, dass seine Lunge sich weigerte, ihm zu gehorchen.
Kurz und mit vagem Interesse beobachtete er, wie dem alten Mann silbriger Geifer aus dem Mundwinkel lief und auf seinen Morgenmantel tropfte.
Fellbesatz! Wozu sollte Fellbesatz an einem Morgenmantel gut sein?
<<Wahnsinnig>> dachte er dann,  <<Ich muss vollkommen wahnsinnig sein.>>.

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Glaubt man den Fahrschullehrern gibt es nur eine Person, eine Gestalt, ein Geschöpf, das der Fahrschüler zu fürchten hat.

Diesen hinterlistigen Wicht gilt es zu meiden, wenn möglich großräumig zu umgehen und ihm vor allem- vor allem in der Prüfung! nicht zu begegnen.

Die Rede ist nicht vom Rentner (Okay, zugegebenermaßen ist der trotz seines harmlosen Äußeren auch ziemlich gefährlich) oder vom gemeinen Linksabbieger (Achtung, hier haben wir ein Raubtier: Der Linksabbieger ist bösartig und gemeingefährlich. Solltest du ihm begegnen: Sofort auf einen Baum klettern!).

Nein, die Rede ist von einem viel gefährlicheren, zugleich aber auch sehr scheuen Wesen:

Dem Radfahrer.

Kurz zum Naturwissenschaftlichen Teil:

Der Radfahrer ist ein sich auf einem metallischen Wirt mit bemerkenswerter Geschwindigkeit/ Langsamkeit (Je nachdem, was im spezifischen Moment unpassender ist) bewegender Parasit.

In der Nahrungskette steht er weit unten, deshalb ernährt er sich lediglich von Cheeseburgern und isotonischen Getränken.

Glaubt man also den Fahrschullehrern, lauert der Radfahrer überall:

Unsichtbar steht er an Ampeln neben dir, sieh dich lieber nochmal um, bevor du losfährst!

Gemeingefährlich lauert er hinter Hecken an schwer einsehbaren Kreuzungen, um sich im richtigen Moment auf seine Beute zu stürzen!

Und er dreht nie seinen Scheiß-Kopf auch nur um ein paar Zentimeter, sollte er vom Radweg auf die Straße wechseln.

Vom Aufkommen her sind Radfahrer wohl am ehesten mit Einhörnern zu vergleichen:

Jedes kleine Mädchen will schonmal einen gesehen haben aber eigentlich glaubt niemand an sie.

Vielleicht ist er, der Radfahrer, auch nur ein Relikt aus grauer Vorzeit, als der Mensch sich noch ungepanzert auf Straße und Weg bewegte.

Und trotzdem, so scheint es zumindest, taucht er immer im richtigen Moment auf, um alles zu versauen:

Du bist zu spät und hast es eilig? Plötzlich manifestiert sich der Radfahrer aus dem Nichts aus purer Heimtücke direkt auf deiner Motorhaube. Diagnose: Rippenbruch und Schädelhirntrauma.

Du willst abbiegen? Dann bist du genau im Beuteschema des Radfahrers. Seine überlegene Beschleunigung nutzend wird er dich schneiden und zum Bremsen zwingen. Diagnose: Stoßstange kaputt, außerdem gehen die Versicherungsbeiträge hoch. Mal wieder.

Du hast gerade Prüfung? Stundenlang hat dir dein Lehrer vorgebetet, dass der Radfahrer überall lauern kann. Er ist zwar schwach, aber du bist schwächer, ALSO PASS GEFÄLLIGST AUF SCHEIßE NOCHMAL! DA WAR RECHTS VOR LINKS, TROTTEL! NA KLAR HATTE DER VORFAHRT, HASTEDENNICHGESEHNODERWAS?

Diagnose:Durchgefallen.

Radfahrer sind wie die Zeugen Jehovas: Keiner weiß, was sie eigentlich machen und trotzdem will jeder schonmal mit einem geredet haben.

Sie sind überall und nirgendwo, mysteriös und tauchen zu vollkommen unvorhersehbaren Zeitpunkten auf, um deinen Tag zu versauen.

Aber mal ehrlich:

Glaubst du etwa an Legenden?

Aftermath: Rattenkäfig

Juni 26, 2008

Ich habe schon seit längerer Zeit fünf Kurzgeschichten in der Schublade, die ich mal irgendwo veröffentlichen wollte. Warum also nicht hier?

Kurzes Vorwort:

Das ganze spielt zu Ende eines (natürlich fiktiven) dritten Weltkrieges, mehr werde ich zu Anfang nicht sagen.

Wenn ich alle Kurzgeschichten veröffentlicht habe, werde ich noch was zu meiner Intention, diese Geschichten zu schreiben, sagen. Das wollte ich eben nicht vorweg nehmen, bestimmt kommt ihr selbst drauf.

Edit[27.06.08]: Die in den Comments angesprochenen Fehler so wie ein paar weitere, die ich noch gefunden habe, sind verbessert, nur für die „Vorfälle“ habe ich noch keinen Ersatz gefunden. Wem also etwas einfällt, immer raus damit.

Project: Ʌftermath.

Part.one- Rattenkäfig
842 – Ozery, ca. 80Km südöstlich von Moskau
Bis auf das Donnern von Geschützen in der Ferne war der Morgen perfekt.
Tereschkow stand auf einem der Balkons des Rathauses von Ozery und blickte durch die verschmierten Sichtgläser seiner Gasmaske gen Norden.
In dem sackähnlichen Schutzanzug, der ihn schon in den Morgenstunden zum Schwitzen brachte, war seine breitschultrige, hochgeschossene Statur nur zu erahnen, doch ohne Schutzkleidung war man schnell ein toter Mann im Russland dieser Tage.
Die Sonne war gerade aufgegangen und flutete die dreckigen Straßen der Kleinstadt mit kaltem Licht, erweckte den verrottenden Körper aufs Neue zum Leben.
Ja, es stimmte, Ozery stank nach Tod.
Nicht etwa, weil die Straßen voller Leichen gewesen wären, oder eine Seuche ausgebrochen war, nein.
Es stank nach Tod, weil die Bewohner der Stadt starben, jede Sekunde, jede Minute, jeden Tag.
Die deutschen Truppen der EAN rückten unermüdlich vor und konnten immer noch Land gutmachen, obwohl sie kaum mehr waren als ein Haufen Krüppel mit Waffen.

Zumindest das konnte man ihm nicht vorwerfen.
Golowa Tereschkow hatte sein Regiment stets in tadellosem Zustand gehalten.
Auch im Angesicht der Strahlung Truppenübungen durchgeführt, die Disziplin aufrechterhalten, und wehe dem, der Anzug oder Maske nicht trug.
Zwar saßen ihm die Männer des Hochkomissariats im Nacken, ja, aber Disziplin und Ordnung waren schon immer seine Steckenpferde gewesen.
Schade- hätte man ihn an einer bedeutenden Front stationiert, hätte er vielleicht wirklich etwas bewirken können.
Stattdessen saß er in diesem Kaff fest, und wartete auf den Tod.
Sie waren umzingelt, und die Deutschen hungerten sie aus; zumindest den Sadismus hatten sie sich bewahrt.

Während Tereschkow zwei ausgemergelte Soldaten beobachtete, die einige Meter unter ihm ein Maschinengewehr über die Straße trugen, hörte er, wie jemand hinter ihm den Balkon betrat.
Zackig, selbstsicher- Tereschkow brauchte sich nicht umzudrehen.
Links neben ihm trat eine drahtige Gestalt an das Geländer.
Der Mann hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und sah auf die Straße, wo ein rumpelnder Armeelaster anhielt um mit Munition für den äußeren Verteidigungsring beladen zu werden.
“Guten Morgen, Golowa.” Netschajews Stimme klang dumpf unter seiner Maske.
Trotzdem war der drohende Unteron unüberhörbar, der bei jedem seiner Sätze mitschwang.
“Ist dies ein guter Morgen, Hochkomissar” fragte Tereschkow, ohne ihn anzusehen.
Die beiden Soldaten mit ihrem Maschinengewehr verschwanden um eine Straßenecke;
sie würden heute unter den ersten sein, die fielen.
“Nun, Golowa. Wir können hier stehen mit freudiger Erwartung auf den Tod im Dienste des Vaterlandes und haben unsere Schuld erfüllt. Für uns ist es ein guter Morgen.”
Tereschkow stöhnte kaum hörbar. Er hätte mit einer solchen Antwort rechnen müssen.
“Die Männer werden an diesem Abend zehnmal verbitterter kämpfen als gestern noch, weil auch sie wissen, dass sie sterben werden. Auch für sie ist es ein guter Morgen.”
Der Golowa zuckte zusammen, als in einigen Metern Entfernung Gewehrsalven die morgendliche Stille durchbrachen. Sofort schnellte seine Hand zu einem Funkgerät, dass er an der Brusttasche seiner Kampfweste befestigt hatte, doch Netschajew machte nur eine wegwischende Geste und lachte kurz und humorlos.
“Nur einige Erschießungen. Die Verräter wollten aus der Stadt fliehen, um dem Feind Informationen zu liefern.” In seinen Augen spiegelte sich Verachtung.
“Nach allem, was wir für sie getan haben.”
Tereschkow entspannte sich wieder und lehnte sich über das Geländer, um die Verladung der Munition besser beobachten zu können.
“Haben sie gestanden” fragte er tonlos.
Als Antwort kam nur ein erneutes, freudloses Lachen.
Natürlich hatten sie gestanden, die armen Bastarde. Damit Netschajew endlich aufhörte, sie zu quälen.
“Nun, dann werde ich jetzt auf die Straßen gehen und mit den Soldaten sprechen, Golowa. Morgen werden wir alle tot sein.”
Nicht überrascht, weil er keinen freundlicheren Abschied erwartet hatte, wandte Tereschkow seine Aufmerksamkeit nun vollends den Soldaten auf der Straße zu.
Fünf Mann hatten eine Kette gebildet und reichten sich die schweren Munitionskisten, als wögen sie kaum etwas.
Welch eine Ironie des Schicksals.
Das ganze Land ging vor die Hunde, Männer und Frauen starben im Kugelhagel, an Krebs, an der Angst- und in Ozery, der einzigen noch verteidigten Stadt im Umkreis von dutzenden Kilometern, funktionierten die Soldaten wie im Lehrbuch.
Den letzten “Vorfall”, wie Netschajew seine Erschießungen zu nennen pflegte, hatte es vor Wochen gegeben.
Und obwohl es nichts zu essen, kein sauberes Wasser, keinen Alkohol und keine Huren mehr gab, taten seine Männer ihren Dienst besser als je zuvor.
Vielleicht wollten sie sich beweisen vor irgendeinem Gott- Tereschkow war es egal.
Heute Abend würde es zu Ende gehen- sie wussten es, er wusste es.
Vielleicht würde man die Zivilisten verschonen, Unterschied machte es keinen, weil sie keine Schutzkleidung hatten und sowieso sterben würden.
Es klopfte dreimal gegen den Türrahmen und Tereschkow sah aus dem Augenwinkel Pudowkin, den Grafen auf den Balkon treten.
Er trug seine Ausgehuniform, dazu einen Nerzmantel- aber keine Gasmaske. In beiden Händen  hielt er Gläser, die gefüllt waren mit einer rubinroten Flüssigkeit.
“Golowa Tereschkow, mein lieber Ilja! Wie ist die Lage” Pudowkin grinste und hielt dem Offizier eines der Kristallgläser hin, dass dieser widerstrebend annahm.
“Nun, wir sind umzingelt, haben kaum noch Munition und wenn die EAN heute Abend beschließt, Ozery zu stürmen, wird die Stadt fallen.”

Kumpelhaft legte der Graf ihm einen Arm um die Schulter und gestikulierte mit seinem Weinglas in die Ferne, wo die Feuer der Hauptstadt zu sehen waren.
“Dies, ist Russland, Ilja! Wir sind hier geboren und werden wohl hier sterben, das ist wahr. Aber doch nicht schon heute!” der Adlige machte ein empörtes Gesicht und trank einen Schluck.
“Heute morgen erst hab ich die Meldung gehört- sie schicken eine Armee, eine ganze Armee, um Ozery zu befreien!”
Tereschkow schüttelte nur mitleidig den Kopf und starrte in die Ferne.
Der Graf war so entsetzlich naiv- und zudem Schuld, dass sie alle hier festsaßen.
Wenn er sich vor drei Wochen nicht geweigert hätte… Egal, jetzt war es ohnehin zu spät.
Der größte Beweis der Blauäugigkeit Pudowkins war jedoch, dass er als einziger noch den Funk abhörte. Jeder in der Stadt wusste, dass dort seit ewigen Zeiten nur noch Propaganda und Lügen verbreitet wurden.
Die Exilregierung bewegte längst aufgeriebene Regimenter, um toten Soldaten zu Hilfe zu eilen.
“Schüttelt nicht den Kopf, Golowa. Heute Abend werdet ihr ja sehen.”
Pudowkin trank einen weiteren Schluck.
“Und wenn schon- dann verlieren wir eben den äußeren Verteidigungsring. Wir haben immer noch die Innenstadt, und da, habt ihr gesagt-”
Tereschkow unterbrach ihn unwirsch und sah ihm in die Augen.
“JA, Graf, aber das ist Wochen her. Recht habt ihr, es spielt keine Rolle, ob wir den äußeren Ring verlieren! In diesem ganzen Nest hier gibt es nichts mehr, was sich zu verteidigen lohnt!”
Für eine Sekunde schien sich Pudowkins Blick zu klären und er sah den Offizier unverwandt an.
“Dies ist unser Land, Ilja. Unsere Vorväter haben diese Stadt gebaut und so Gott will, werden unsere Nachkommen sie wiederaufbauen. Ich mag kein Taktiker sein und ich weiß, dass ihr mir die Schuld an all dem hier gebt, zurecht vielleicht. Aber sagt nicht, dass es sich nicht lohnt, diese Stadt zu verteidigen.”
Der Golowa sah wieder auf die Straße und schwieg.
Dort hatten die Soldaten den Laster beladen und er fuhr rumpelnd und stinkend die Straße herunter.
In der Stille, die er hinterließ, zwitscherten einige Vögel, die auf einem blattlosen Baum im Garten des Rathauses saßen.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hängte eine junge Frau Wäsche zum Trocknen auf eine Leine, ihr Gesicht war müde und zeugte von den Entbehrungen des Kriegsalltags.
Hoffentlich würde sie die Nacht überleben.
“Nun, Golowa, ich gehe wieder rein, mir ist kalt. Wenn ihr mich benötigt, wisst ihr, wo ihr mich findet.”
Tereschkow nickte nur, er wusste genau, wann er den Grafen das nächste Mal sprechen würde.
Er betete, dass der Zeitpunkt bald kam.
025
“Golowa, sie brechen überall durch, was sollen wir tun”
Das Gesicht des Meldegängers war beschmiert mit einer Mischung aus Camouflage, Tränen und Blut. In den Augen des jungen Mannes stand entsetzliche Angst, während er in der Tür des Befehlsstandes verharrte.
Zusammen mit Tereschkow besetzten die verbliebenen höherrangigen Offiziere des Regiments den Blechverhau, der vor dem Rathaus errichtet worden war. In den vergangenen Wochen hatte er sie hinlänglich vor Regen und Wind geschützt.
Tereschkow überlegte, doch es gelang ihm nicht, einen vernünftigen Gedanken zu fassen.
Während Gewehrfeuer, Schreie und das Donnern von Artillerie unablässig anschwollen und verebbten, merkte Ilja, dass er von allen angestarrt wurde.
Man erwartete von ihm zu handeln, die rettende Idee aus dem Hut zu zaubern.
Und er hatte niemanden, an den er sich wenden konnte, den er um Rat fragen und verantwortlich machen konnte für dieses Desaster- Pudowkin einmal ausgenommen.
“Sag den Männern, sie sollen sich zum Rathaus zurückziehen. Sie sollen Barrikaden an der 101. und 105. Straße errichten.”
Der junge Mann salutierte nur kurz und verschwand dann in der Nacht.
Jeder hier wusste, was dieser Befehl bedeutete.
“Sich zum Rathaus zurückziehen”.
Das wars, Ende, weiter ging es nicht.
Wenn man mit dem Rücken zur Wand stand, konnte man keinen Schritt mehr zurückgehen.
Einer der anderen Offiziere stand auf, nahm seine Jacke vom Stuhl und verließ den Befehlsstand.
Einige Sekunden später ertönte ein gedämpfter Schuss und etwas schweres klatschte wie ein nasser Sack auf den Asphalt.
Auch Tereschkow stand auf und ging.
Er schüttelte keine Hände und sprach keine warmen Worte, wenigstens das erwartete niemand von ihm.
An einer Straßenecke konnte er Netschajew sehen, der eine Pistole auf einige zerlumpfte Soldaten gerichtet hielt. Sie standen mit hinter dem Kopf verschränkten Armen an einer Wand, vielleicht Deserteure, vielleicht auch nicht.
Tereschkow blieb einen Moment stehen und sah in den Himmel.
Aus dem Augenwinkel konnte er beobachten, wie der Komissar die Männer erschoss und dann das Magazin seiner Dienstpistole achtlos auf den Boden fallen lies.
Ohne einen weiteren Blick auf die Toten oder den Offizier zu werfen, der mit aufgeplatztem Schädel vor der Befehlsbarracke lag, schritt Netschajew auf den Golowa zu und reichte ihm die Hand.
Tereschkow ergriff sie und schüttelte sie kurz, während er sich Innerlich vor der Berührung ekelte.
Selbst für diese Zeiten war der Hochkomissar eine Bestie.
“Ich habe keine Munition mehr, Tereschkow, leihen sie mir ein Magazin”
Ilja nickte und gab ihm, was er verlangte.
“Viel Glück.”
Ohne ein weitere Wort zu sagen, drehte Netschajew sich auf dem Absatz um und schritt in die Nacht.

Die Luft im Inneren des Rathhauses war stickig.
Die Eingangshalle war schon vor langer Zeit in ein Lazarett umgewandelt worden und es herrschte heilloses Chaos. Da es weder Medikamente noch saubere Verbände gab, war dies im Grunde nur ein angenehmerer Ort, an den man die Verwundeten zum Sterben gebracht hatte.
Energisch schritt Tereschkow durch Reihen blutgetränkter Matratzen und sich krümmender Gestalten, ignorierte ihn anbrüllende und ihm sogar drohende Ärzte und gelangte schließlich in das Arbeitszimmer des Bürgermeisters, in dem der Graf seit Beginn der Belagerung residierte.
Hier war die Luft besser und als er die schwere Eichentür geschlossen hatte, konnte Tereschkow das Wüten der Schlacht nur noch sehr leise und gedämpft vernehmen.
Der Graf, immernoch in seinen Nerzmantel gehüllt, sah von einem Stapel Akten auf.
“Ah, Tereschkow. Wie läuft die Schlacht”
Der Golowa salutierte zackig, dann schritt er zu dem schweren Schreibtisch und legte seine Pistole darauf ab.
“Wir haben verloren.” sagte er nur und setzte sich dem Adligen gegenüber auf einen hölzernen Lehnstuhl.
“Was haben wir verloren Den äußeren Ring Die Elendsviertel” fragte dieser und widmete sich wieder seinen Akten.
“Die Schlacht, Pudowkin. Wir haben die Schlacht verloren.”
Schnaufend löste der Offizier die Verriegelung seiner Gasmaske und atmete die frische Luft des Arbeitszimmers. Hier würde er sterben, an der Seite seines Vorgesetzten, wie es das Protokoll vorsah.
Pudowkin sah kurz erneut zu ihm auf, dann nahm er eine bauchige Flasche aus einer der Schubladen des Schreibtischs und goß etwas von ihrem Inhalt in zwei Gläser.
In der Stille dröhnte das Gluckern des Getränks in Tereschkows Ohren wie ein direkt neben ihm abgefeuertes Gewehr.
Ohne auf sein Gegenüber zu warten, trank er sein Glas mit einem Schluck aus.
Der Alkohol brannte auf seiner Zunge, in seiner Speiseröhre, in seinem Magen wie ein trotziger Beweis dafür, dass er noch am Leben war.
Plötzlich klopfte es heftig an der Tür, Tereschkow stand auf und öffnete.
Einer der anderen Offiziere, Ulanow stand da. Er atmete schwer und seine Finger ruhten am Abzug einer automatischen Waffe, die er sich umgehängt hatte.
“Wir haben die Barrikaden errichtet, wie sie befohlen haben, Golowa. Was tun wir jetzt”
Ein verzweifelter Wahn glänzte in den Augen des Offiziers, er klammerte sich mit aller Verbissenheit an sein Leben.
Wortlos schloss Tereschkow die Tür.

Mit diesem Post nehme ich Bezug auf den neuesten Artikel (24.06.) meines ebenfalls bloggenden Kumpels Quappe (http://www.chblog.ch/quappe).

Dieser beschäftigt sich mit der Thematik des Amschuljahresendeanstrengens.

Und spricht mir aus der Seele.

Denn: Oh Wunder, hier drüben, im schönen Deutschland, geht es genauso zu.

Während der Schüler als solches also die ersten drei Quartale des Jahres damit verbringt, den Vordermann mit Papierkugeln zu bewerfen, Musik zu hören oder irgendetwas auf irgendwelche Collegeblocks zu kritzeln beginnt zu Anfang des vierten Quartals plötzlich das große Wühlen:

Ach du Scheiße, Herr XY sammelt die Hefter ein!

Gesucht werden DIN A5 (auf Grund seiner winzigen Abmessungen das blödsinnigste Papierformat überhaupt) Zettel über philosophische Themen, die englische Revolution (GÄHN), französische Grammatik, die französische Revolution (GÄÄÄÄÄÄHN!), die Liste ist schier unglaublich.

Die jenigen jedoch, die einige Tage später aus den Tiefen ihrer Unordnung zurückkehren, ein irrwitziges, siegessicheres Grinsen und einen winzigen Zettel, bedruckt mit Luthers Thesen in der Hand- diesen wenigen Glücklichen ist der erste Schritt weg von einem Defizit (4- und schlechter für alle Unwissenden) geglückt.

Dann beginnt Phase zwei: Es werden mündliche Noten verlesen.

Wie auf dem Basar wird verhandelt, gefeilscht, geschachert.

„Zwanzig Kamele für die 2?

Meine Familie ist arm, Schüler, wir müssen hungern! Vierzig wären wohl angemessen!“

Im Grunde wird diese Art des Amschuljahresendeanstrengens ja von den Lehrern nicht nur herausgefordert, sondern geradezu verlangt.

Denn:

Bei einem Schüler, der sich die ersten drei Quartale anstrengt und in Quartal 4 absackt wird die Note im Endeffekt schlechter ausfallen, als bei einem, der die ersten drei Viertel des Schuljahres nichts tut und sich dann hinterher den Arsch aus der Hose hechelt.

Die sagenhafte Begründung:

„Während bei Schüler2 Arbeitswillen und eine deutliche Steigerung der Leistungsbereitschaft erkennbar waren, ist die Leistungstendenz bei Schüler1 zum Jahresende negativ ausgefallen.“

Da bleibt mir nichts anderes übrig, als mit einem Zitat zu schließen, dass die geradezu mirakulöse Kompetenz deutscher Lehrkörper (von der Ironie verschont seien lediglich einige rühmliche Ausnahmen) mehr als treffend demonstriert:

Schüler: „Frau S.*, Frauen sollten doch unterdrückt werden, oder?“

Frau S.*: (glücklich strahlend) „JA.“

* Name vom Autor aus Gründen persönlicher Sicherheit gekürzt.

Kleine Fäkal- Statistik

Juni 24, 2008

Der große Preis von Scheißkackistan

Da das ganze hier ja jetzt schon beinahe einen Monat läuft, und tatsächlich (wie ich zumindest finde… ja, ich weiß, die Zahl enthält Visits von „Stammlesern“ falls man euch schon so bezeichnen darf) schon eine ganz nette Zahl an Visits für die kurze Zeit erreicht hat, dachte ich, es sei Zeit, um kurz innezuhalten und eine Bestandsaufnahme dessen zu nehmen, was ich erreicht und worüber ich geschrieben habe.

Okay, Punkt 1 fällt weg, wenn man davon absieht, dass ich ENDLICH mit meinem TitanQuest- Charakter BEINAHE den legendären Schwierigkeitsgrad erreicht habe, aber das interessiert sicherlich niemanden. Wenn doch, schreibts in die Comments, vielleicht bring ich mal was drüber^^.

Gut, ich habe mich also hingesetzt, ein paar Artikel nochmal gelesen und dachte mir:

Scheiße, da hast du aber echt verfickt viele Schimpfwörter benutzt.

Ich weiß rückblickend nichtmal warum, wahrscheinlich finde ich das unterbewusst cool oder… naja, zugegebenermaßen haben sie eben oft einen humoristischen Effekt.

Da ich sowieso momentan zu viel Zeit habe, habe ich mich hingesetzt und alles mal in Zahlen gefasst, ich gab dem ganzen den klingenden und vielversprechenden Namen:

„Der große Preis von Scheißkackistan“

Hat doch was, oder?

Gut, hier also eine kleine Statistik der von mir benutzten Flüche und Fäkalbegriffe:

Platz 5)

Diesen Platz teilen sich mehrere Kontrahenden. Zum einen vielleicht, weil sie zu explizit sind, vielleicht aber auch, weil man sie nicht oft genug irgendwo einbauen kann, ohne wie ein Proll zu wirken.

Platz 5 geht an „zum Teufel“, „zur Hölle“, „Arsch“, „Kack-„, „ficken“, „geschissen“ und „bitches“ mit je einem Punkt.

Platz 4)

Dieser Platz geht an ein nicht-explizites Schimpfwort aus dem Alltagsgebrauch. Hier haben wir einen Evergreen, immer wieder gesehen und in den verschiedensten Dialekten witzig ausgesprochen.

Platz 4, mit zwei Punkten, geht an: „verdammt“.

Platz 3)

Ouha, dieser Schlingel des relativ neudeutschen Sprachgebrauchs hat sich tapfer ganz nach oben gekämpft.

Mütter, bedeckt die Augen eurer Kinder:

Platz 3 mit drei Punkten geht an: „verfickt“.

Platz 2)

Im Grunde das gleiche Wort, das Platz 1 besetzt, hier aber mit der grandiosen Möglichkeit, es mit irgendeinem anderen Substantiv zu verbinden oder es sogar zur Verstärkung eines anderen Schimpfwortes zu verwenden:

Platz 2, mit sechs Punkten geht an: „Scheiß-“

Platz 1)

Leiser Trommelwirbel kündigt den Erstplatzierten an, er riecht nach Ursprünglichkeit, nach guten alten Werten und Schimpfwörtern.

Mit diesem Wort fluchten unsere Uhrahnen und bis in alle Zukunft wird man mit diesem oder ähnlichen Wörtern fluchen:

Platz 1, mit sagenhaften sieben Punkten geht aaaaaaaaaaaan:

„Scheiße“.

Also dann, soweit dazu.

Hoffe, euch demnächst wieder mit weniger fäkalbelasteten Beiträgen beglücken zu können.

Rock on.

Zuspätkommertypen

Ja, ich arbeite immer noch in diesem Gemüseladen, daran hat sich in der vergangenen Woche nichts geändert.

Und im Verlauf dieser meiner literarischen Bewältigungstherapie dachte ich, ich erzähle euch mal was über meine absoluten Lieblingsfeinde:

Die Zuspätkommer.

Der Laden in dem ich arbeite, steht hauptsächlich deswegen noch, weil er einfach abstruse Massen an Stammkunden hat.

Da gibt es hunderte alte, runzlige Männer mit witzigen Sprachfehlern, die merkwürdige Frau, die ihre QVC- Lieferungen immer in den Laden bestellt und natürlich Sportanzugträger, die jeden Abend „mal schnell was Gesundes“ brauchen.

Sollen sie doch lieber mal nen ordentlichen Hackbraten essen, das hat noch keinem geschadet.

Gut, zurück aufs Thema.

Natürlich benötigt ihr auch hier wieder schiere Unmengen komplexen Hintergrundwissens, weswegen ich euch dieses kurz zusammengefasst servieren werde (ob ihr jetzt wollt oder nicht):

Der Laden macht morgens um 8 auf, vielleicht auch später, hab ich keine Ahnung von. Ist im Grunde auch völlig irrellevant, also kein Plan warum ich euch das erzähle.

Jedenfalls macht der Laden auch irgendwann wieder zu. Soweit völlig logisch, denn

1. könnte das Gemüse sonst nicht von den einen Kisten in die anderen Kisten gepackt werden und

2. würden sonst die Kassiererinnen irgendwann einschlafen und kleine Vorstadtgangster würden einfach die Kasse klauen und

3. könnte sonst ja niemand zu spät kommen, wenn das ein 24/7 Laden wäre. Wo kämen wir denn da auch hin?

Gut, der Laden macht also irgendwann zu, soweit seid ihr mitgekommen, schätze ich.

Bereits um 18 beginne ich mit meiner äußerst abwechslungsreichen und zudem fürstlich bezahlten Tätigkeit.

Nach einer Stunde ist dann Sense, Schicht im Schacht, wir machen eben zu, Herrgott.

Insgesamt müsste der Gemüseladen über ca. 20 Kunden verfügen, die sich, wie die Kassiererinnen ihre Arbeit im Schichtdienst einteilen und etwa alle 48 Stunden einmal erscheinen.

Da sind also diese Leute, die in dem Laden quasi Leben, mit jedem auf Du und Du sind (außer mit mir, denn jedesmal, wenn einer dieser Menschen erscheint, habe ich gerade einen Besen in der Hand. Und weil Leute mit Besen bekanntermaßen schäbig aussehen, redet man eben nicht mit mir. Punkt.) und die wirklich alle 2 Abende das gleiche Gemüse kaufen, wie in der Woche zuvor.

Wahrscheinlich schmeißen sies weg, wenn sie um die Ecke sind, ist eben auch ein merkwürdiger Beruf, Stammkunde.

Und eben diese Leute, die in dem Scheiß-Laden jedes Spinnennetz vermissen, wenn man es wegwischt, können ohne Gewissensbisse um 5 vor Scheiß- Sieben bei mir, BEI MIR AUFKREUZEN MIT DIESEM SCHEIß- SCHULDIGEN GESICHTSAUSDRUCK UND.. UND WAS REDEN VON ,,JA SCHEIßE, HABT IHR DENN SCHON ZU JETZT?“ UND NATÜRLICH SAGE ICH „PUUUH, SIE SIND JA SCHON ETWAS SPÄT HERR XY, WAS DARFS DENN SEIN VERFICKTE SCHEIßE NOCHMAL?“ UND DANN ERDREISTEN SICH DIESE…

Jetzt bin ich doch ein wenig ausfallend geworden. Hhmhrm.

Also dann erdreisten sich die Leute, doch tatsächlich etwas kaufen zu wollen. Und das ist natürlich in der untersten aller Kisten, mehrere hundert Meter unter dem verdammten Meeresspiegel.

WER ZUM TEUFEL MUSS UM 19 UHR EINE, EINE EINZIGE KIWI KAUFEN? Hä? Hä? Hä???!!!

Und immer wenn ich in meinem Denkprozess bis zu diesem Punkt fortgeschritten bin, halte ich ein und denke:

„Solltest du den Zuspätkommertypen nicht eigentlich dankbar sein?“

Und dann denke ich:

„Scheiße ja, ich sollte ihnen dankbar sein.

Schließlich werde ich nach Stunden bezahlt.“

Nicht alle Bekloppten leben in Siegen

Im Endeffekt überwogen ja die guten Aspekte meiner Kursfahrt nach Paris.

– Mein Redepensum mit Leuten, die ich nicht leiden kann, ist für bereits für das kommende Jahr erfüllt.

– Mein Wunsch nach Chips und Haribo hält sich nach den beiden Busfahrten wirklich in Grenzen- ein toller Vorwand, sich mal gesünder zu ernähren.

– Ich habe jetzt einen vollkommen anderen Sichtwinkel auf die Preise in Deutschland: 10€ für ein Schälchen Erdbeeren? – Schnell zugreifen, ein echtes Schäppchen!

– Mein Pensum an noch zu knipsenden klischeeigen Fotos ist ebenfalls bereits für das kommende Jahr erfüllt.

Noch dazu hatten wir in Paris die einmalige Gelegenheit, wirklich außergewöhnlich bekloppte oder zumindest merkwürdige Menschen in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten.

Auch hier eine kleine Toplist:

Top1) Der Schwarze-Tüte-im-Busch-Mann

Später Nachmittag, Vorplatz des Louvre.

Im Hintergrund patroullieren drei Soldaten mit Sturmgewehren, unsere VBP (Vollkommen bekloppte Person) lässt sich davon jedoch nicht beeindrucken.

Lachend und sich ständig umsehend hechtet er an uns vorbei, um hinter uns auf eine Mauer zu klettern und in den Zierbüschen zu graben.

– Wo hab ichs denn?

– Verflucht, mal weiter rechts suchen.

– Auch nicht. Wo ist es denn bloß? Erstmal kratzen, vielleicht hilfts ja.

– Ahhhhhhh, endlich. Komm zu Papa, Baby.

Unsere VBP strahlt vor Freude im Angesicht des Objektes seiner Begierde.

Einen schwarzen Müllsack in den Armen haltend wie ein Neugeborenes entfernt sie sich mit ausgreifenden Schritten.

Top2) Der „1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro“- Mann

Er trägt einen zerschlissenen Sportanzug und sieht irgendwie ungewaschen aus- hier haben wir einen echten französischen Geschäftsmann vor uns!

Stolz hat er seinen Stand zu seinen Füßen aufgebaut: Ein Wassereimer, gefüllt mit winzigen Wasserflaschen.

Als wir uns nähern, beginnt er sofort, seinen markigen Werbespruch aufzusagen.

Der ist einfach, bleibt im Gedächtnis und preist sämtliche Vorzüge seines einmaligen Produktes zugleich an:

„1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro1Euro!!!“

Top3) Der merkwürdige Typ

Wir begegnen ihm am Place de la Concorde.

Auch er trägt einen zerschlissenen Sportanzug, doch hier haben wir es mit einem reinrassigen Bekloppten zu tun, einem echten Profi.

Während er in der rechten Hand ein- keine Ahnung, es sah irgendwie nach einer Mischung aus Reitgerte und Pfauenfeder aus- hält, umklammert seine Linke, die hinter seinem Rücken unter seinem Rucksack angewinkelt ist, einen billigen Plastikkugelschreiber.

Er ist nichtmal betrunken.

Zahnlos lächelnd und glücklich verfolgt er uns einige Meter, nachdem er sich bei einem Referat ungefragt zu uns gesellt hatte.

Top4) Der Junkie

Irgendwie war der Typ ja traurig. Aber was solls, Trottel sind eben lustig.

Auch er trägt einen zerschlissenen Sportanzug, scheinbar ist der Pflicht für Bekloppte in diesem Land.

Während wir auf irgendeinem erhöhten Platz direkt am Eiffelturm stehen, führt er ständig Selbstgespräche und trinkt aus einer Eisteeflasche.

Dann nimmt er Kampfhaltung ein- Wissende erkennen sofort die „Killing-snake-in-the-late-evening-wearing-pink-trousers-stance“, der Kerl ist ein Meister der alten Schule.

Mit verbissenem Gesichtsausdruck beginnt er den gestenreichen Kampf gegen seine unsichtbaren Feinde.

„Mein Kung-Fu ist stärker als dein Kung-Fu!“

Top5) Mr. ???

Auch, wenn er es nur auf Platz 5 geschafft hat, gab dieser Kerl mir am meisten Rätsel auf.

Das lag daran, dass das, was Mr. ??? (Name ist dem Autor nicht bekannt, geht ihm auch am Arsch vorbei) tat, vollkommen sinnlos war.

Ich meine, es erfüllte nicht den geringsten Sinn, nichtmal für ihn selbst, denn es schien ihm auch nicht wirklich Spaß zu machen.

Trotzdem tat er es ununterbrochen, 2 Stunden lang, und das, ohne auch nur ein Mal was zu trinken oder aufs Klo zu gehen.

Auf dem Vorplatz des Sacre- Coeur ahmte er vor desinteressiertem Publikum (eigentlich nur irgendwelche Leute, die halt zufällig da rum saßen, und die der Kerl auch nicht im Geringsten interessierte) einen Roboter nach.

Und das auch nochwahnsinnig schlecht. Top5, definitiv.

Auch dieses Mal möchte ich mit einem Zitat aus einem Gespräch schließen, das genau so in einem französischen Bistro stattgefunden hat:

Schüler: „Ähm…Nous… Est-ce que nous pouvons… ähm… S´il vous plait?“

Kellner: „Wollen sie vielleicht zahlen, Monsieur?“